Erika Harzer in »FUTBOLISTAS«, Verlag Assoziation A, März 2006 (S. 78ff.)

„Man sitzt auf der Bank und muß mit der Kälte kämpfen“

Im Januar 2005 meldete dpa: „Cristiane als erste Brasilianerin in der Bundesliga“. Sie sei „mit 1500 Euro pro Monat und einem Auto über einen Sponsor nach Potsdam gelockt worden“. Bis Sommer 2006 verpflichtete sich die Stürmerin Cristiane Rozeira de Souza Silva, brasilianische Nationalspielerin und Torschützenkönigin der Olympischen Spiele in Griechenland, bei Turbine Potsdam. Dies sei ein „wegweisendes Experiment für die Mädchen Brasiliens“ schrieb dazu die WamS und das Sport-Magazin der Super-Illu brachte es auf den Punkt: „Die 20jährige Stürmerin, die auf Döner und Spaghetti steht, soll bei den Turbinchen künftig die gleiche Rolle spielen wie Marcelinho bei Hertha.“

Ab Sommer gehört auch die vier Jahre ältere Abwehrspielerin Paula Silva dos Santos zum Kader von Turbine Potsdam. Sie ist eine alte Freundin von Cristiane, auf deren Vorschlag sie nach Potsdam kommt. Zuletzt hatten beide beim Club Sao Bernardo in Sao Paolo gespielt. Fortan teilen sie sich ein vom Verein zur Verfügung gestelltes Appartement. Beide lernen fleißig deutsch und hoffen auf ihren Stammplatz im Team. Turbine Potsdam stellt auf der vereinseigenen Website jede Spielerin mit standardisierten Fragen vor. Unter der Rubrik „Beruf“ finden wir bei den 21 Frauen des Kaders viele Studentinnen, Schülerinnen, Azubis, eine Sportsoldatin, Verwaltungskauffrauen, Physiotherapeutin usw. Bei Cristiane und Paula steht: Fußballerin. Ihre Lieblingsspieler sind Ronaldo und Ronaldinho und bei der Frage nach ihrem größten Traum antworteten beide: „Hat sich erfüllt – in Europa Fußball zu spielen!“ Wir treffen uns Ende November 2005 in einem Potsdamer Cafe. Cristiane, Paula, ihre Übersetzerin Renata Jatobá und ich. Turbine Potsdam hat sich gerade zum 2. Mal für das UEFA-Cup Endspiel qualifiziert. Paula konnte wegen Verletzung an keinem der beiden Halbfinalspiele teilnehmen. Cristiane wurde beim Hinspiel in Potsdam nach der 1. Halbzeit ausgewechselt und beim Rückspiel in Djurgarden/Schweden saß sie das ganze Spiel über auf der Bank. Draußen, vor dem Cafe im Zentrum Potsdams, ist es kalt. Paulas linke Hand ist geschient mit tiefer Schnittwunde am Finger. Sie hatten sich das alles etwas anders vorgestellt - ihr fußballerisches Leben in Deutschland.

Ein Gespräch mit Cristiane und Paula.

 

Wann haben Sie angefangen, Fußball zu spielen?

 

Cristiane: Ich war 7 Jahre, als ich angefangen habe. Mit 14 war ich im 1. Club bei Juventus. Mit 16 hab ich den Club gewechselt, bin ich zu Sao Bernardo gegangen. Frauenfußball in Brasilien ist auf die Region Sao Paolo konzentriert. Mit 15 Jahren war ich das 1. Mal für die brasilianische Nationalmannschaft nominiert und gehöre heute noch dazu.

 

Sie sind also mit 15 entdeckt worden?

 

Cristiane: Ja das kann man so sagen. Ich hab in einer Jugend-Meisterschaft in Sao Paolo mitgespielt. Da hat man mich gesehen. Damals wurden Spielerinnen gesucht, die bei der Weltmeisterschaft spielen sollten.

 

Was hat dies für sie damals bedeutet, für die U19 oder das A-Team nominiert zu werden, was denkt und fühlt eine 15jährige da?

 

Cristiane: Ich war oberglücklich! Das war immer ein Traum, wenn man Fußball spielt, in der brasilianischen Nationalelf zu spielen mit Mädels, die schon 20 oder 25 waren. Das war eine große Chance für mich. Die Nationalelf wurde zu der Zeit verändert und ich hatte Glück gehabt, dabei zu sein.

 

Ihr bisher größter Auftritt war 2004 bei den Olympischen Spielen?

 

Cristiane: Ich war vorher schon bei anderen wichtigen Meisterschaften dabei, aber weil ich so jung und so unerfahren war, hab ich nie die ganze Zeit gespielt, saß oft auf der Bank. Aber bei der Olympiade hat der Trainer an mich geglaubt und mich eingewechselt und ich habe versucht, das Beste zu geben. Und das war, ja, so kann man es sagen, die beste Phase meines Lebens bis jetzt.

 

Sie haben mit Birgit Prinz zusammen die meisten Tore geschossen.

 

Cristiane: Ja. Ich habe zwar versucht, ein paar mehr zu schießen, aber der Ball wollte nicht, leider!

 

Wenn ein brasilianischer Mann in der Nationalelf spielt, bedeutet das einerseits Ruhm aber gleichzeitig auch finanzielle Absicherung. Wie ist das für eine Frau?

 

Cristiane: In der Nationalelf zu spielen ist auch für eine Frau wichtig. Das öffnet viele Türen für viele Mädels, die in Brasilien spielen, bietet ihnen Möglichkeiten dadurch in Europa oder im Ausland zu spielen. Aber finanziell ist das wirklich kein großer Gewinn.

 

Gibt es viel Transfer? Wenn ich als fußballspielendes Mädchen in Brasilien aufwachse, denke ich da an einen Transfer nach Europa?

 

Cristiane: Das erste Ziel ist die Nationalelf, aber alle Mädels denken schon dran, im Ausland zu spielen. In Brasilien verdienst du kein Geld und du mußt schon einen Job haben, um parallel Fußball spielen zu können. Hier sind bessere Möglichkeiten. Du denkst schon dran.

 

Wie war das in Sao Paolo, bei Juventus oder Sao Bernardo? Gab es da Bezahlung? Wie sah die Unterstützung aus?

 

Cristiane: Bei Juventus war Wohnung und Essen frei. Alles andere mußte man selber bezahlen.

 

Paula: Sao Bernardo gab uns außer Wohnung und Essen auch etwas Geld und es gab auch eine Förderung für Ausbildung. Die haben für öffentliche Transportmittel bezahlt und manche Mädchen bekamen Universitätsstipendien. In Brasilien bezahlst du für gute Universitäten. Außerdem boten sie auch Physiotherapie und so, das gab es bei Juventus nicht. Und die Fußballschuhe wurden bei Sao Bernardo gestellt, bei Juventus nicht.

 

Wie ist überhaupt die gesellschaftliche Anerkennung des Frauenfußballs in Brasilien?

 

Cristiane: Als wir zunächst mit Jungs auf der Straße gespielt haben, wurden die sauer, wenn wir gegen sie Dribblings gemacht haben. Da begannen die, uns zu beschimpfen und ihr körperlicher Einsatz wurde heftiger.

 

Paula: Letztes Jahr im Dezember haben wir im Stadion gespielt. Es war das Vorspiel des Meisterschaftsspiels der Männer. Wir spielten um die Frauenmeisterschaft. Da hat uns Publikum ausgebuht und geschrien: „Weg mit euch! Haut ab! Wir wollen Männer spielen sehen. Geht zurück zur Küche, wo ihr hingehört…“

 

Und das war ein Endspiel der Frauenliga?

 

Cristiane: Ja, es spielte Sao Bernardo gegen Araraquara. Das sind die beiden stärksten Teams. Und Araraquara ist dabei wieder Meister geworden. Wir haben verloren. Paula: Am Anfang war das Publikum begeistert über unsere eng anliegenden Trikots, grölten deswegen. Aber dann, als wir anfingen zu spielen, wurden die Zuschauer ungeduldig und fingen an, uns zu beschimpfen.

 

Sind die Spiele der Olympiade 2004 im TV in Brasilien übertragen worden?

 

Cristiane: Alle spiele liefen im Fernsehen. Wirklich alle, und viele Leute haben sie gesehen.

 

Hat sich nach der Rückkehr mit der Silbermedaille aus Athen etwas verändert?

 

Paula: In Sao Bernardo war Feiertag, als Cristiane zurückkam.

 

Cristiane: Zuerst kam ich in meiner Stadt, in Osasco an. Da erwartete mich ein Feuerwehrauto. Oben sitzend bin ich mit dem durch die ganze Stadt gefahren. Danach empfing mich der Bürgermeister. Und dann ging es nach Sao Bernardo und dort war Feiertag deswegen in der ganzen Stadt. Wieder fuhr ich mit dem Feuerwehrauto durch die Stadt und viele Leute fuhren mit ihren Autos hinterher. Viele standen an der Straße und gratulierten und überall waren die brasilianischen Flaggen.

 

Was war das für ein Gefühl?

 

Cristiane: Ich kann das kaum in Worte fassen. Es war meine 1. Olympiade. Vorher sind schon andere Olympiaden gespielt worden und dann passierte plötzlich das Ganze mit mir. Es hat schon eine Weile gedauert, bis ich das alles für mich realisiert habe.

 

Nochmals herzlichen Glückwunsch!

 

Cristiane: Danke!

 

Kam dann das Gespräch mit Potsdam?

 

Cristiane: Nein. Nach der Olympiade habe ich noch die U19-Weltmeisterschaft in Thailand gespielt. Nach dieser WM bekam ich 4 verschiedene Angebote von europäischen Clubs. Die habe ich für mich analysiert und überlegt, welches der vier Angebote für mich am besten war und es war das Angebot aus Potsdam.

 

Und warum Potsdam?

 

Cristiane: Die schwedischen Clubs spielten in der 2. Liga und zogen ihr Angebot zurück. Der Club aus Frankreich wollte, dass ich die Entscheidung innerhalb von 2 Tagen treffe. Das war mir zu kurz. Und Potsdam hat mir letztes Jahr im Dezember ein Ticket angeboten für mich und meinen Bruder. Sie haben mir die ganze Stadt gezeigt und die Club Installationen. Sie haben mir die Mädels des Teams vorgestellt und mir Zeit gelassen, die Entscheidung zu treffen und das war für mich entscheidend. Meine Familie hat dann auch ihre Kommentare dazu abgegeben, aber die Entscheidung habe ich letztlich selbst getroffen.

 

Paula: Ich auch. Bei mir war es so: Cristiane lud mich ein mit ihr hier her zu kommen. Die Entscheidung fiel mir schwer, weil ich alles hinter mir lassen mußte: meine Universität und meinen Klub.

 

Was haben Sie studiert?

 

Paula: Sport

 

Und das können Sie hier nicht weiter studieren?

 

Paula: Dafür muß ich besser deutsch können.

 

Was waren ihre Erwartungen, Hoffnungen an Potsdam?

 

Cristiane Ich wollte meine Art und Weise zu spielen etwas verändern, wollte meinen Stil mit dem hiesigen Fußball vermischen. Hier wird europäischer Fußball gespielt. Der ist viel schneller, mit viel mehr Körpereinsatz. Mir war klar, daß ich den Ball viel schneller spielen mußte usw. Jetzt ist mein brasilianischer Fußball auf der Strecke geblieben.

 

Die Ballverliebtheit?

 

Cristiane lacht: Ja ich muß lernen, den Ball schneller abzuspielen.

 

In einer Zeitung stand, daß Marcelinho Ihnen empfohlen hat, nach Potsdam zu gehen. Ist dem so?

 

Cristiane: Ich kenn Marcelinho gar nicht. Aber alle Welt sagt so was. Als ich hier ankam, gab es einen großen Rummel um mich und da wurde so viel in den Zeitungen geschrieben. Alles Mögliche wurde da erfunden und das mit Marcelinho eben auch.

 

Wußten Sie schon einiges über Deutschland, bevor Sie hier her kamen? Wie kalt es hier ist, wie die Leute sind usw.

 

Paula: Wir wußten, dass es kalt ist, aber ich hätte nie gedacht, in welcher Dimension es hier kalt sein kann. Über die Leute wußten wir nichts.

 

Hat sich Ihr Wunsch erfüllt, die Spielweisen zu kombinieren? Wie sehen sie das nach fast einem Jahr?

 

Cristiane: Als ich hier angekommen bin, konnte ich das nicht wirklich auszuprobieren, ob diese Kombination klappt. Die ersten vier Monate saß ich auf der Bank – was ich auch verstanden habe - weil ich mich ja der Spielweise anpassen mußte. Aber dann spielte ich drei Monate auf einer Position, in der ich noch nie in meinem Leben gespielt habe, als linke Außenverteidigerin (lateral izquierda). Eine Position, bei der man ständig hinten mit mischen muß. Ich war immer Stürmerin und mußte nun in der Verteidigung spielen und den Stürmerinnen der anderen Teams den Weg verhindern. Und alle Leute hatten große Erwartungen an mich: Cristiane hat noch nicht so gespielt wie bei der Olympiade, warum? Aber ich habe deshalb noch nicht so gespielt wie bei der Olympiade, weil ich bisher noch keine Möglichkeit dazu gehabt habe.

 

 

Was glauben Sie woran es liegt, dass Sie bei so wichtigen Anlässen, wie den UEFA-Cup Halbfinalspielen kaum spielen. Ist es ein Verständigungs- oder ein kulturelles Problem, weshalb Sie ihren Raum hier nicht finden?

 

Cristiane Es ist kein Problem der Kommunikation. Ich kann viel verstehen und spreche auch, wenn ich das brauche und es ist auch nicht eine Frage meines Fußballspiels. Ich bin seit einem Jahr hier und ich spiele auch teilweise, wie sie es sich vorgestellt haben. Jetzt spiele ich auf meiner Position, aber ich verstehe nicht, was im Kopf des Trainers abgeht. Ich spiele immer nur die 1. Halbzeit und in der 2. Halbzeit werde ich ausgewechselt, egal ob ich ein Tor schieße in der 1. Halbzeit oder nicht, egal ob ich gut oder schlecht spiele. Wenn er denkt, daß ich nicht spielen soll, wenn das Spiel hart ist, dann werd ich nie spielen. Paula Ich bin ein bißchen enttäuscht, seit ich verletzt bin. Seit 1 Monat spiele ich nicht. Und jetzt noch die Verletzung an der Hand. Dann gibt es auch ein Problem mit meiner Leiste. Ich weiß nicht, wann ich wieder spielen werde. Ich habe hier viele Untersuchungen gemacht. Ich weiß nicht, wie lange ich Physiotherapie machen muß. Alles ist für mich jetzt offen.

 

Wie ist die Verständigung mit den anderen Spielerinnen?

 

Cristiane: Ich bin eher eine ruhige Person. Es ist schwierig als eine neue Person in einer Gruppe dazu zu kommen, in der die anderen sich schon länger kennen. Aber das ist für mich kein Problem, ich kann damit umgehen.

 

Gibt es einzelne Freizeitkontakte über das Spiel, das Training hinaus?

 

Cristiane: Nein, gar nicht. Nur mit Paula (sie klatschen sich lachend die Hände)

 

Cristiane, Sie haben Paula hier hergeholt, würden Sie das heute immer noch machen?

 

Cristiane: Natürlich! Das war eine gute Entscheidung. Ich wollte auch Paula die Möglichkeit geben, etwas Neues zu erleben und ihrer Familie zu helfen. Und Paula ist auch die ganze Zeit eine Unterstützung für mich, damit ich mich nicht so alleine fühle.

 

Paula: Ich hab sehr viele Erfahrungen mit Operationen gemacht. Vorher wurde ich noch nie operiert und hier gleich zweimal.

 

Ihr Transfer Anfang 2005 nach Potsdam wurde in Zeitungen als Experiment beschrieben. Die erste brasilianische Spielerin im deutschen Frauenfußball. Sie würden betreut und versorgt werden usw. Ist dieses Experiment gelungen?

 

Cristiane Die Erwartung an Brasilianer, die nach Deutschland kommen, die sind sehr, sehr groß. Bei Männern und Frauen. Er/sie soll wie Ronaldinho spielen. Das sind sehr hohe Erwartungen. Und es ist fast unmöglich, diese Erwartung zu erfüllen, denn diese verbieten einem Fehler zu machen. Bloß keinen Fehlpaß oder falsche Abgabe oder so, das darf nicht passieren. Also die Erwartungen sind viel zu hoch. Es ist unmöglich, diese alle zu erfüllen. Da entsteht ein unglaublicher Druck, der es einem nicht ermöglicht, normal zu spielen. Normal zu spielen, eine normale Leistung zu bringen, ist nie genug. Und diese Erwartung ist zu viel.

 

War/ist das das Problem in Potsdam?

 

Cristiane Unter anderem ja. Es ist der Mangel an Möglichkeiten, diese Erwartung zu erfüllen. Man kommt hier her und da fängt die Anpassungsschwierigkeit an. Man sitzt auf der Bank und muß mit der Kälte kämpfen. Und dann spielt man auf der Position, wo man noch nie gespielt hat, wo man eine Verteidigerposition hat und dann, wenn man denkt, man hat es geschafft, wird man ausgewechselt, immer nach der 1. Halbzeit. Sie haben an mich die Erwartung gehabt, aber sie haben mir nie die Möglichkeit gegeben, diese Erwartung zu erfüllen. Das ist so ein Paradox. Sie verlangen von mir, daß ich so spiele wie bei der Olympiade, aber sie verbieten mir, dass ich so spiele wie bei der Olympiade. Ich habe die Freiheit nicht, mir den Ball zu nehmen, und bis zum Tor zu schießen, wie Ronaldinho das macht. Ich könnte das machen, aber ich darf das nicht machen. Und wie kann ich dann so spielen, wie bei der Olympiade wenn man mir das nicht erlaubt, aber trotzdem das von mir verlangt?

 

 

Was müßte passieren, was wäre hilfreich?

 

Cristiane: Das man mir etwas mehr Freiheit gibt, das man mich spielen läßt.

 

Müssen Sie beide Ihre Familien in Brasilien finanziell unterstützen?

 

Cristiane: Das ist der Grund warum wir bis jetzt hier sind. Es ist deswegen: weil wir dadurch unsre Familie finanziell unterstützen können.

 

Das ist möglich mit ihrem Einkommen von Turbine Potsdam?

 

Cristiane: Es ist auf jeden Fall besser als in Brasilien. Sonst wären wir nicht hier.

 

Danke für das Gespräch.

 

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