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Erika Harzer in »FUTBOLISTAS«, Verlag Assoziation A, März 2006 (S. 66ff.)

Der honduranische Versuch
Im Oktober 2000 war es soweit: Die Zeitungen verkündeten hoffnungsvolle Meldungen.

FENAFUTH - der honduranische Fußballverband - hatte den Frauenfußball als neue Herausforderung angenommen. Den FIFA-Standards sollte diese Disziplin, die bis dahin in Honduras eine absolut untergeordnete Rolle innehatte, angeglichen werden. So verkündete es wie gesagt Ende Oktober 2000 der Kassenwart von FENAFUTH, David Matamoros Batson, gegenüber der honduranischen Tageszeitung La Prensa. "Die FIFA hat uns beauftragt, diese beiden Disziplinen des Fußballs (Frauen- und Hallenfußball) zu entwickeln und in diesem Sinne erteilte uns FENAFUTH -Präsident Lizandro Guillén den Auftrag, entsprechende Kostenpläne zu erarbeiten…".

Der Startschuß war gegeben, aber es war ein Startschuß, der nicht unbedingt aus ureigener Überzeugung in die Notwendigkeit einer solchen Entwicklung entwachsen war. Man wollte vielmehr als nationaler Verband der FIFA Aufforderung nicht widersprechen, da ein solcher Widerspruch die Gefahr in sich trug, von FIFA-Förderungen und Projekten teilweise nicht weiterhin profitieren zu können.
Also wurde noch im Oktober 2000 für Tegucigalpa die erste Mädchen- und Frauenstadtmeisterschaft angeschoben. Im Eilverfahren wurden Interessierte aufgefordert, Vereine zu gründen und Teams zu bilden und diese für die Stadtmeisterschaft anzumelden. Mannigfaltige Unterstützung wurde dabei vollmundig den sich bildenden Teams versprochen, von der Anfangsausstattung bis hin zur kontinuierlichen Förderung. Tatsächlich meldeten sich innerhalb kürzester Zeit mehr als 10 Vereine für die erste Stadtmeisterschaft an. Etliche davon hatten bereits als Schulteams an verschiedensten nationalen und zentralamerikanischen Schulmeisterschaften teilgenommen, andere suchten Spielerinnen aus ihren Stadtteilen oder aus sozialen Projekten und stellten völlig neue Teams zusammen.
Feierlich trafen sich bald darauf in den Katakomben des Nationalstadions von Tegucigalpa die Delegierten der eingeschriebenen Vereine zur Gründung der ersten Frauen- und Mädchenregionalliga unter dem Dach des nationalen Fußballverbands. Noch im selben Jahr begann die 1. Frauen- und Mädchenmeisterschaft der Stadt Tegucigalpa, nachdem die Teams mit Trikots, Kickschuhen, Schienbeinschonern und Stutzen durch FENAFUTH ausgestattet wurden. Ein hoffnungsvoller Start.
Der Frauen- und Mädchenfußball sollte auch in Honduras Terrain erobern: das war das Ziel, formuliert vom Verband, erhofft von vielen Spielerinnen und engagierten Betreuerinnen und Betreuer und Trainern. Ein hochgestecktes Ziel. Für den spielerischen Alltag in diesem Land ein äußerst hoch gestecktes Ziel. Sportplätze sind äußerst knapp und fast alle in Männerhand. Nur die aller wenigsten verfügen über minimale Grundausstattung mit Umkleidekabine oder gar Toilette. Die meisten Plätze sind unbepflanzte Erdflächen, in der Trockenzeit voller Staubwolken, in der Regenzeit kaum bespielbar. Die neuen Mädchenteams mußten also irgendwelche Lücken zwischen den Trainingszeiten der männlichen Teams finden. Das erforderte viele Absprachen, die, einmal mühevoll getroffen, beim nächsten Mal schon wieder nicht eingehalten wurden. Ähnlich kompliziert war die Ansetzung der Spiele ab der zweiten Runde.
Das ursprünglich den Frauen und Mädchen zugewiesene Stadion mit Kabinen und Toiletten wurde bereits nach der 1.Meisterschaftsrunde wieder dem finanziell lukrativeren american football zur Verfügung gestellt. Ab diesem Moment wurden die Spiele Woche für Woche an anderen Plätzen angesetzt und damit die Organisation um ein vielfaches aufwendiger und der Ablauf entsprechend chaotischer. Zu oft fielen Spiele einfach aus, entweder weil der oder die Schiedsrichter nicht zum zugewiesenen Platz kamen oder eines der Teams nicht auftauchte oder der Platz nicht markiert war oder …. Eine Sisyphosarbeit! Einmal wöchentlich, abends nach der Arbeit, trafen sich die Delegierten der Clubs, um unter diesen Voraussetzungen trotzdem die Liga am Leben zu erhalten. Sie machten die Spiele Auswertungen, die Berichterstattung für den Verband, die Spiele Ansetzungen, die Schiedsrichterkontakte und mußten gleichzeitig alle gemeinsam und jeder für sein Team auch die notwendigen Schutzvorkehrungen treffen wegen immer wieder vorfallenden Anmachversuche gegenüber den Spielerinnen. Dann der Streß mit dem Verband, wenn bewilligte Gelder für Platzwarte und Platzmiete oder für Schiedsrichter nicht ausgezahlt werden und erst Monate später kommen. Oder der Streß mit Schiedsrichtern, wenn welche gar nicht kamen oder wenn welche zwar das Spiel pfiffen, aber völlig lustlos, belustigend, jedenfalls nicht unbedingt den Regeln entsprechend ihre innerliche Position zu diesem "Frauengeplänkel" offen zeigten.
Dazu kam noch die Arbeit mit den Eltern. Die Überzeugungsarbeit. Daß es o.k. ist, wenn ihre Tochter Fußball spielt, daß sie bestimmt am nächsten Sonntag wieder um diese Zeit zur Kirche gehen oder mit die Verwandten besuchen kann, daß sie sicher nach dem Spiel all die ihr übertragene Hausarbeit erledigen wird, daß das Spiel in gesichertem Raum stattfindet, daß auch die Transportwege sicher sein werden usw. Mädchen aus Randvierteln haben lange Wege zu den Plätzen und die sind mit öffentlichen Bussen für die einzelnen nicht bezahlbar und zum Teil auch zu gefährlich. Also müssen bei den meisten Teams die Betreuer die An- und Heimfahrt organisieren. Wenn dann das Team nach all diesen Hürden im Vorfeld endlich komplett am Platz ankommt und dort das Spiel ausfällt, ist der Frust auf allen Seiten hoch.
Dabei wäre es gerade so wichtig, das Spiel. Dieses Spiel: das Fußballmatch. Die meisten Spielerinnen kommen eben aus den Randvierteln der Hauptstadt und dort aus einem Alltag voller Gewalterfahrungen mit auferlegten Verpflichtungen schon seit frühester Kindheit. Honduras gehört zu den ärmsten Ländern der Region. Über 60 Prozent der Haushalte werden nach kurzen Intermezzos mit Männern von allein stehenden Frauen geführt, die sich und ihre Kinder in der Regel ohne finanzielle Hilfe durchbringen müssen. Und da sind die Mädchen diejenigen, die den Müttern bei Haushalt und Geschwisteraufzucht helfen, während die Brüder möglichst sich für irgendwelche Arbeiten qualifizieren sollten und dadurch innerhalb der Familien nicht arbeitende aber bestimmende Rollen einnehmen. Offen gezeigter Machismo prägt nach wie vor das soziale Leben, auch wenn vereinzelt Frauen politische Führungspositionen innehaben. Das ist Fakt und an dem will Mann nicht unbedingt etwas verändern. Schon gar nicht auf dem Fußballplatz, der ungeschriebenen Gesetzen nach für Männer geschaffen wurde. Fußball gilt als absolute Männerdomäne, als zu schützende Bastion vor neumodischen Trendwellen. Und so soll es auch bleiben.
Fußball gilt als absolute Männerdomäne, als zu schützende Bastion vor neumodischen Trendwellen. Und so solle es auch bleiben. Ganz besonders hier in Honduras, in dem der Machismo in seiner ganzen Fülle gelebt wird. In dieser Logik können fußballspielende Mädchen nur Lesben, oder "Mannweiber" sein, auf jeden Fall Mädchen, die jegliche femininen Züge verloren haben, die männerverachtend sind und mit denen Mann besser nichts zu tun haben sollte. Und angesichts dieser vorherrschenden Meinung verbieten etliche Eltern ihren Töchtern zu spielen. In dieser Logik können fußballspielende Mädchen nur Lesben, oder "Mannweiber" sein, auf jeden Fall Mädchen, die jegliche femininen Züge verloren haben, die männerverachtend sind und mit denen Mann besser nichts zu tun haben sollte. Nicht selten werden die spielenden Mädchen angemacht - auf dem Weg in die Kabinen oder auf dem Heimweg. Und angesichts dieser vorherrschenden Meinung verbieten etliche Eltern ihren Töchtern zu spielen.
Diese Vorurteile sind seit 2000 nicht abgebaut worden. Wie auch? Dazu müßte ein Interesse vorhanden sein, müßte gezielt diesen Vorurteilen entgegen gewirkt werden, gesteuert von den ausschließlich von Männern besetzten Entscheidungsgremien von FENAFUTH (*1). Doch nur unter Druck der Fifa begann der Verband, Mädchen- und Frauenligen anzubieten - als reine Pflichterfüllung.
Heute, im Herbst 2005, fünf Jahre und viele spannende, gute, spaßmachende Spiele später, gibt es aktuell keine Frauen- und Mädchenliga in Tegucigalpa, zumindest nicht innerhalb und unter Regie des nationalen Fußballverbandes. Und das, obwohl mittlerweile einer der neuen Plätze der Mädchenliga zugewiesen ist und obwohl viele Mädchen und Frauen liebend gerne Fußball spielen würden. Die Aktiven der ersten Stunde sind verschwunden. Zu den Delegiertentreffen kommen nur so wenige, daß an eine Neuansetzung nicht zu denken ist. Vielleicht klappt es wieder im Frühjahr 2006, hofft der gewählte aktuelle Präsident der Mädchenliga, ein Präsident ohne Gefolgsleute. Er kennt etliche fußballspielende Teams im Land, die unorganisiert hin und wieder irgendwelche Freundschaftsspiele machen, unabhängig vom Verband. Innerhalb des Verbands schaffen sie es nicht, eine neue Meisterschaftsrunde zu organisieren. Ein Konzept oder gar eine Unterstützung für systematischen Aufbau des Mädchen- und Frauenfußballs in Honduras gibt es nicht. Nicht von FENAFUTH und auch nicht von der FIFA.
"Die Zukunft des Fußballs ist weiblich". Viel wird dieser Satz in letzter Zeit zitiert und mit Fifa-Präsident Blatter in Verbindung gebracht. Im November 2004 verweilte Joseph Blatter für 24 Stunden in Honduras. Sein erster Besuch in diesem fußballverrückten Land. Entsprechend groß war das Interesse an ihm, seitens des Regierungschefs Maduro, seitens der Medien, die ihn bei seiner Ankunft auf dem Flughafen fast erdrückten, und natürlich seitens aller fußballinteressierten Menschen. In Artikeln oder Pressemeldungen über diesen Besuch und Blatters Gespräche mit den nationalen Funktionären ist nichts über die Förderung des Frauenfußballs nachzulesen.

(*1) was wiederum keine honduranische Besonderheit ist. Ein Blick auf das FIFA Präsidium, das DFB Präsidium und die leitenden Funktionen in den meisten nationalen Verbänden zeigt ausschließlich Männer in den wichtigen Entscheidungspositionen.

 

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