image: Die Revolution ist ein Buch...

Erika Harzer in »Die Revolution ist ein Buch und ein freier Mensch«, Verlag PapyRossa Köln, September 2007 (S. 324 ff.)

Der Band präsentiert ca. 500 Farbplakate aus dem befreiten Nicaragua zwischen 1979 und 1990 und der internationalen Solidaritätsbewegung. Sie sind so bunt wie das Spektrum ihrer Gestalter, vielfältig in ihren Stilen, eindeutig in ihren politischen und sozialen Botschaften.

"Der von Otker Bujard und Ulrich Wirper herausgegebene Bildband "DieRevolution ist ein Buch und ein freier Mensch" ist eine Fundgrube der Erinnerungen für all jene, die sich in den 80er-Jahren mit der nicaraguanischen Revolution solidarisierten. "Nicaragua", das war zwischen dem Sieg des Volksaufstandes über die Somoza-Diktatur 1979 bis zur Wahlniederlage der Sandinistischen Befreiungsfront 1990 fast weltweit ein Code - für eine große Hoffnung, für einen neuen Weg, ja für die gerechte Sache schlechthin" ...

aus: TAZ-Rezension v. 15.12.2007...

Warum Nicaragua?
Erfahrungen und Gedanken 1984-1987

Alle wollten es von mir wissen, damals. Warum Nicaragua? Was willst du da? Man schrieb das Jahr 1983, als die Entscheidung, nach Nicaragua zu fliegen, mein bis dahin gelebtes Leben etwas durcheinander wirbelte. Im Orwell’schen Jahr 1984 sollte es für fünf Monate losgehen. Drei Jahre sind es letztendlich geworden.

Warum Nicaragua? Die Frage wurde mir nicht nur einmal gestellt und schon gar nicht aus reiner Neugierde an meinem Tun. In ihr steckte eine Zusammenfassung unendlich vieler Fragezeichen, aber auch eine gehörige Portion an Kritik und der Vorwurf, dass ich „abhauen“ wolle aus einer Welt, in der zu leben und zu kämpfen ebenso wichtig und unausweichlich war. Der saure Regen drohte die Wälder in dramatischer Form zu vernichten. Die beginnende Kohl-Ära läutete die konservative Wende ein mit drastischen Sparmaßnahmen im Sozialbereich, dem Festhalten am Nato-Doppelbeschluss und der Stationierung der Pershing-Raketen auf bundesdeutschem Boden. In Frankfurt war der Widerstand gegen die Startbahn-West gebrochen. Der Häuserkampf in Berlin war „weggeräumt“ oder durch die Legalisierung der Häuser „befriedet“. Die alternative Projekt- und Kollektivbewegung steckte im permanenten Etablierungs-Überstunden-Stress. In München gründete sich die Partei der „Republikaner“, um Deutschland ein neues altes Gesicht zu verleihen. Im Vorjahr hatte sich in Hamburg die Türkin Semra Ertan Bilir aus Protest gegen die Ausländerfeindlichkeit verbrannt, in Nürnberg erschoss der Rechtsextremist Helmut Oxner drei Ausländer, und im gleichen Jahr sprang der Türke Cemal Altun während seines Asylverfahrens aus dem Fenster eines Berliner Gerichtsgebäudes. Er starb wenige Minuten später.

Es gab viel zu tun in Deutschland. Und nicht nur da. Erschüttert hatten mich die Nachrichten vom Herbst 1982, als christliche Milizen unter den Augen israelischer Besatzungstruppen in den Beiruter Flüchtlingslagern Sabra und Chatila ein Massaker anrichteten, bei dem mehr als 1.000 Palästinenser ermordet wurden. Eine Nachricht unter vielen, die in jenem Herbst 1982 um die Welt ging und in ihrer Dimension verpuffte.

Zum Annähern an diese Zeit suche ich in meinen Tagebüchern und Briefen nach festgehaltenen Gedanken und Gefühlen zu diesem Damals:

Der Countdown läuft auf vollen Touren. Noch 9 Tage, dann sitz ich im Jet gen Managua. Einerseits freu ich mich darauf schon unwahrscheinlich. Andererseits bin ich immer mehr durcheinander. Hab das Gefühl von so viel Unbewältigtem, was ich hier zurücklasse. Und dann die Frage, ob es überhaupt richtig ist, für so lange Zeit abzuhauen, wo doch die Basis meines Schaffens hier ist.

Bin zerrissen in meinem Entscheidungsprozess. Wie viel wichtiger sind Klärungen unserer politischen Ziele hier in Berlin, hier bei uns? Ist es überhaupt sinnvoll, an andere Schauplätze der Erde zu fahren, dafür zu arbeiten und sich dadurch aus den tagespolitischen Ereignissen der BRD und Westberlins, das ja meine Heimat ist, etwas herauszuziehen?

Nicaragua, grad kommt es wieder in den Nachrichten: Die Wahlen werden wegen der von Honduras aus geflogenen Luftangriffe auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Situation wird sich zuspitzen. Das sandinistische Nicaragua ist klares Angriffziel der US-amerikanischen Mittelamerika-Politik. Von daher ist „Amis raus aus Mittelamerika“ eine klare, notwendige, eine richtige Position. Nicht nur für Nicaragua, für alle Länder der Region.

Aber was ist mit uns hier, mit unserer „Besatzer-Situation“? Hab ich da ähnlich klare Forderungen, Positionen? „Amis raus aus BRD und Westberlin“, kann und will ich hinter dieser eigentlich logischen Konsequenz überhaupt stehen, bedeutet dies gleichzeitig: Annäherung an den Osten, an die realsozialistischen Länder? Dann doch lieber das „kleinere Übel“, den BRD-Kapitalismus, weil der mir als Individuum noch viele Möglichkeiten bietet? Ist das so? Ist das meine konkrete politische Praxis? Wo bin ich da konsequent, wo bin ich da glaubwürdig? Bleib ich da nicht ein billiger Moralapostel, der auf Ungerechtigkeiten hinweist, wenn deren Abschaffung keine einschränkenden Konsequenzen für mich selbst mit sich bringt?

Wir drücken uns permanent um unsere Geschichte, die Geschichte der Teilung und der Entwicklung unterschiedlicher Systeme. Wir unterstützen lauthals und mit viel zeitlichem und materiellem Aufwand Bewegungen, die weit weg sind und legen eine nicht mehr zu überbietende Gleichgültigkeit gegenüber unserer eigenen Situation an den Tag, die eigentlich erschreckend ist. Das „Herz der Bestie“ sitzt hier bei uns, hier sind einige der Zentren der Schaltzentralen. Beispiele gibt es genug. Allein der Hamburger Hafen, Umschlagplatz zur Stabilisierung der Ausbeutung weltweit. Grund genug, diesen in seiner Funktion platt zu machen. Doch darauf orientieren wir uns nicht.

Weil wir alle noch individuelle Hintertürchen zur „kapitalistischen“ Freiheit suchen, finden, öffnen. Bin sehr im Zweifel über unser Handeln. Und dies, obwohl alle immer wieder betonen, beteuern, dass gerade unser Vorhaben in Nicaragua sinnvoll, notwendig, richtig, wichtig ist (5. 2. 1984 – Tagebuch).


Warum also Nicaragua? Zurück zu dieser Frage, die ich so oft noch beantworten sollte. Was war es, das mich dort hin zog? Warum wollte ich in dieses Land, das ich nicht kannte, dessen revolutionärer Prozess und die Verteidigung der gerade eben erkämpften Unabhängigkeit mich allerdings massiv anzog? Vielleicht war es die Vorstellung einer klaren, überschaubaren Ebene der Auseinandersetzung? Vielleicht war es der Reiz, in diesem fremden Land ganz praktisch an dem Versuch teilzuhaben, eine neue, menschlichere Gesellschaft aufzubauen? Vielleicht war es Hoffnung auf eine positiv bestimmte Aktivität, einer Politik, durch die ich für etwas und nicht, wie gewohnt, gegen etwas sein konnte? Vielleicht war es die vermeintlich einfache Klarheit, auf der richtigen Seite zu stehen? Vielleicht war es die Hoffnung, sich mit vielen tausenden von Gleichgesinnten dem Imperium des Nordens erfolgreich entgegenstellen zu können? Vielleicht war es eine Mischung aus all diesen und noch viel mehr Beweggründen?

Die Menschen in Nicaragua sind für mich in ihrer Existenz, in ihrem Versuch
neue, freiere Lebensstrukturen zu schaffen, momentan massiv bedroht, übrigens ebenso wie wir durch das, was an Zeitbomben in unserem Lande bereit liegt. Die Machtspiele, die hochgeschaukelten Ost-West-Konflikte, all das kann jederzeit Tausende von Menschenleben kosten. Etwas weniger dramatisch geht täglich Lebensqualität flöten durch Vergiftungen, Umweltskandale etc. Und all diese Nachrichten darüber könnten mich permanent erschlagen, lähmen und mich in eine latente Warteposition auf den Tag X bringen. Um Widerstand und Lebenskraft zu entwickeln, brauchst du auch viel Spaß und deshalb ist es mir bei der Frage der Prioritäten wichtig zu wissen, ob da Spaß für mich als Person dabei ist. Das weiß ich von konkreter Projektarbeit, bei der ich mit vielen anderen Leuten nach immer neuen Wegen suche, wie wir uns gegen die Verdummung und Abstumpfung wehren können und uns die Lust am Leben nicht nehmen lassen. Das ist einer der Gründe, wieso ich jetzt nach Nicaragua fahre. Fertig (Brief vom 14. 2. 1984 an eine Freundin).


Das konkrete Projekt

Mein Arbeitsauftrag war der Aufbau einer Elektro-Ausbildungswerkstatt für Santa Rosa: Den hatte ich mir mit meinem damaligen Lebens- und Arbeitskollektiv „Werkschule Berlin“ selbst entwickelt. Alles war durchgeplant: Ein Haus für die Werkstatt sollte es geben, und nationale Träger sollten auch vorhanden sein. Mit diesen Eckdaten in der Tasche machte ich mich auf den Weg, während zur gleichen Zeit etliche Kisten voller Werkzeug, Elektro- und sonstigem Ausbildungsmaterial des Projekts eingeschifft wurden, damit die Einrichtung der Werkstatt und der Beginn des ersten Ausbildungskurses in unserem geplanten Zeitrahmen stattfinden könnte. Das war alles gut durchdacht, allerdings haarscharf an der nicaraguanischen Wirklichkeit vorbei. Alle Beteiligten in Santa Rosa fanden das Angebot gut, eine Elektroausbildungswerkstatt eingerichtet zu bekommen, aber es gab weder einen nationalen Ausbildungsrahmen noch einen Träger, der für eine solche Arbeit hätte zuständig sein können. Wir krempelten unser Konzept um, sahen wir doch vor Ort viel stärker die Notwendigkeit, den sozialrevolutionären Prozess zu unterstützen, der durch den Krieg der konterrevolutionären Kräfte – Contra massiv bedroht war.

Oft geht mir durch die Birne, dass wir mit dem Projekt „Elektrowerkstatt für Santa Rosa“ Dimensionen zu bewältigen haben, die ganz andere Strukturen erfordern würden. Es fordert so viel von uns: umfangreiche Vorbereitung, vorsichtiges Nachfragen, sich an die hiesigen Verhältnisse ranpirschen und mit ihnen vertraut werden, dabei sensibel bleiben und nichts überstülpen, viel Neues und Ungewohntes akzeptieren. Ganz schön viel für so wenig Leute mit wenig Vorbereitung und wenig Zeit (Brief vom 29. 3. 1984 ans Kollektiv).

Statt eine Werkstatt innerhalb eines Monats einzurichten, suchten wir zeitaufwendig mit den Aktivisten des Stadtteilkomitees nach realistischen Möglichkeiten für dieses Projekt. Sie fanden ein geeignetes Grundstück am Rande des Viertels und organisierten mit uns erste gemeinsame Arbeitseinsätze am Bauplatz. Einige Nachbarn identifizierten sich schnell mit dem Projekt und unterstützten uns, wo sie nur konnten mit Säften und Kuchen, boten Lagerraum an und halfen bei Schleppaktionen.

Wir wohnen hier in Santa Rosa bei Familien, Lothar und ich bei Anita mit ihren beiden Kindern und ihrer Schwester. Ihr Mann ist tot, vor einem Jahr gefallen. Santa Rosa ist mit der ärmste Stadtteil von Masaya. Wir erleben Situationen, die dermaßen weit von unseren bisherigen Erfahrungswelten entfernt sind. Es beeindruckt mich dabei immer wieder, wie die Menschen hier mit dieser absolut schwierigen Situation klar kommen und dabei immer noch „alegria“ – Lebensfreude – ausstrahlen. Permanent gibt es irgendwelche Überfälle der Contra. Der Norden, der Süden und die Atlantikküste sind Kriegsgebiet mit täglichen Gefechten. Die Mobilisierung für die Verteidigung ist ein ständiges Problem und die Contra versucht momentan immer stärker, ins Land einzudringen und Positionen einzunehmen. Wir werden oft gefragt, aus welchem Deutschland wir kommen, ist doch die RDA (DDR) auf politischer Ebene eines der unterstützenden Länder, während die RFA (BRD) deutlich die US-Politik unterstützt. So direkt mitzubekommen, auf welcher Basis unser Wohlstand begründet ist, schafft schon ungeheure Wut; vor allem, wenn dann Nachrichten aus unserer Republik kommen, die von neu ausholenden Schlägen gegen dieses Nicaragua berichten. Die Dekadenz unserer eigenen Gesellschaft wird mir hier so deutlich. Werte sind hier anders bemessen als bei uns. Das Leben spielt sich in großer Klarheit aufs Überleben ausgerichtet ab. Es gibt hier so viel, was bei uns unvorstellbar, undenkbar ist (Brief vom 13. 6. 1984 an eine Freundin).

Da stehst du hier auf dem Bauplatz und ziehst zum vierten Mal die Nägel aus den Brettern, biegst die, so weit es geht, wieder gerade, damit sie auch ein fünftes Mal eingeschlagen werden können. Oder: Da werden bei der Totenmesse unserer Bauplatznachbarn die Essensportionen in aufbewahrten Milchbeuteln serviert, die danach wieder eingesammelt und abgewaschen werden. Zwei von irre vielen Beispielen unseres Lebensalltags hier (Rundbrief vom 17. 9. 1984).

Oder bis auf den letzten mm² ausgenutzte Busse, Pkws, Camionetas als Transportmittel oder einfach Autos, die schon fast keine Karosserie mehr haben, aber irgendwie noch fahrtauglich sind. Aufgrund des vorherrschenden Mangels an allem ist Improvisation auf allen Ebenen angesagt. Oder die Wiederverwertung unseres Wohlstandsmülls! Im Radio, Fernsehen und in den Zeitungen wird ständig dazu aufgefordert, Energie oder Wasser zu sparen. Die Menschen sind dabei, Verantwortung für ihre Zukunft zu übernehmen, und müssen gleichzeitig diesen absolut mörderischen Krieg führen.

Sicher gibt es auch einiges, was blöd ist, wie z.B. die vor allem bei Männern stark ausgeprägte Neigung zum Suff, die manchmal tierisch – im wahrsten Sinne des Wortes – ist. Damit komm ich nicht so gut klar, genauso wenig wie mit dem nach wie vor gut ausgeprägten Machismo (Brief vom 13. 6. 1984 an eine Freundin).

Und überall triffst du auf verlassene Frauen mit einem Stall voller Kinder, wo sich der Alte abgesetzt hat, um irgendwo anders mit einer weniger verbrauchten Frau seiner Lust zu frönen. Und das ist so selbstverständlich und entsprechend zum Kotzen, vor allem, wenn man mitkriegt, was das hier heißt: Kinder zu versorgen in einem Land, wo im wesentlichen Mangel verteilt wird (Brief vom 17. 6. 1984 an die Frauen vom Kollektiv).

Aus Deutschland kamen regelmäßig freiwillige Helferinnen und Helfer. Unterkunft fanden diese bei einigen Familien im Viertel, die in ihren beengten Häusern oder Hütten Räume freischaufelten und diese zur Verfügung stellten. Durch das Leben in den Familien entstanden viele Freundschaften und ein intensiver Austausch über die jeweils andere Kultur. Viele von uns fühlten sich hier heimisch. Wir genossen die gegenseitige Zuneigung in vollen Zügen und auch, wie in den Begenungen die Menschen neugierig aufeinander waren. Wir bauten in gut einem Jahr das Gebäude für die Elektrowerkstatt.

Statt einer viermonatigen Assistenz beim ersten Kurs führten wir in Eigenregie insgesamt drei zweijährige Ausbildungskurse durch. Statt fünf Monaten blieb ich drei Jahre, wohnte bei einer nicaraguanischen Freundin, organisierte und koordinierte das Ausbildungsprojekt in Santa Rosa, arbeitete in der „Brigadenkoordination“ der bundesdeutschen Brigaden mit, schrieb unzählige Rundbriefe über den Alltag in diesem Land, die Wechselbäder zwischen Krieg, Tod, Verletzungen, Zerstörung, Zwangsrekrutierungen, Wirtschaftsblockaden; über die unendlich langen Wege auf der Suche nach Waren, über die Hintergründe des Krieges und die überall anzutreffenden Hoffnungen auf ein würdevolles Leben. In dieser Zeit lernte ich meinen heutigen Partner kennen, und unser Sohn kam dort zur Welt. Es waren drei intensive und anstrengende, spannende und schöne Jahre – Jahre von der Sorte, die man auf keinen Fall im gelebten Erfahrungsschatz missen möchte.

Wir werden es mit den Leuten aus dem ‚barrio‘ – Stadtteil – schaffen, es dauert nur alles viel, viel länger. Wichtig ist, dass wir dran bleiben. Wir dürfen uns nicht abschrecken lassen von den Schwierigkeiten des täglichen Kleinkriegs von außen, der gesteuert ist durch die US-amerikanische Regierung mit dem Ziel, die nicaraguanische Revolution zu verhindern. Durch die Hafenverminung ist auch unser nach Nicaragua geschicktes Werkzeug und Material erst mal in Costa Rica gelandet. Auch Hapag Lloyd fährt Nicaragua nicht mehr direkt an. Das Risiko, das Menschen und Material kosten könnte, ist zu groß. Seit Anfang April 1984 laufen wieder US-Manöver vor den Küsten El Salvadors und Nicaraguas. Honduras ist durch die US-Regierung zur Drehscheibe von Angriffen gegen El Salvador und Nicaragua geworden. Starke Militäreinheiten konzentrieren sich an den jeweiligen Grenzen (Brief vom 6. 4. 1984 ans Kollektiv).

Jetzt ist Donnerstagabend, die Arbeit ist vorbei, der Rücken lahm. Auf der Baustelle bereiten wir gerade den Fußboden vor, buddeln Unmengen von Erde aus, um den Boden ersteinmal zu nivelieren. Mitten beim Buddeln meinte dann das kleine Nachbarmädchen „jetzt bauen sich die Deutschen ihren Unterstand“. Nicht ohne, diese Überlegung – waren doch heute auf der Arbeit auch wieder diese berüchtigten Detonationen zu hören, die von den nordamerikanischen Überschallflugzeugen erzeugt werden. Einschüchterung auf allen Ebenen. Alle starren gen Himmel, kühne Vorahnungen in sich unterdrückend. Anita vom Bauplatz meinte dazu nur, sie habe keine Angst vor einer Invasion, die würden die eh‘ nicht schaffen (Rundbrief vom 7. 11. 84).

Anziehungspunkt Nicaragua

Anfang der 1980er Jahre entwickelte sich die sandinistische Revolution zu einem Hoffnungsschimmer für die linken und fortschrittlichen Kräfte weltweit, vor allem, da es den Militärs in Chile, Argentinien und Uruguay mit Unterstützung der US-Regierung gelungen war, die dortige Linke brutal zu zerschlagen. Die Alphabetisierungs- und Gesundheitskampagne, die Enteignungen der Ländereien des Somoza-Clans und deren Übergabe an landwirtschaftliche Kooperativen machten die sandinistische Revolution zu einem Sympathieträger und mobilisierten weltweit Unterstützungsgruppen; darunter allerdings auch viele, die sich von Nicaragua bereits das politische Paradies erhofften.

Mein Bezug zu Euch, unserem Kollektiv, ist mir irre wichtig, wenn ich z.B. hier auf Leute treffe, die aus der BRD kommen – ins Land ihrer Träume, ihrer bisher verpassten Möglichkeiten, ihrer in der BRD nicht gelebten Utopien. Leute, die sich dann voll von der BRD, den Menschen dort – und damit von ihrer eigenen Vergangenheit – distanzieren. Da werd ich sauer, weil ich es albern finde zu glauben, dass hier plötzlich all das möglich sein sollte, was in der BRD nicht geht. (...) Dann erzähl ich, dass ich aus gut funktionierenden Zusammenhängen in der BRD komme, die mir wichtig sind und als Teil derer ich mich nach wie vor begreifen will (Brief vom 28. 4. 1984 ans Kollektiv).

Für meine Entscheidung, hier länger zu bleiben, ist wichtig zu spüren, dass dies nicht gleichzeitig Isolierung von meiner Umwelt in der BRD bedeutet. So albern es klingt, ich brauch’ das Gefühl, dass ich in den Auseinandersetzungen, die bei Dir, bei Euch vor Ort laufen, unbedingt drin bleiben muss, davon was mitkriegen muss und nicht fernab davon in neue Welten eintauche, wodurch dann, wenn ich zurück komme, mir diese Rückkehr nicht mehr gelingt, weil ich nichts mehr begreife, weil mir die Prozesse fehlen (Brief vom 29. 3. 1984 an eine Freundin).

Zum Zeitpunkt meiner Abreise Anfang 1984 wurde der fünfte Jahrestag des Sieges über die Somoza-Diktatur gefeiert. Die Euphorie der ersten Jahre, die aufbauenden Kampagnen wichen großangelegten Mobilisierungen zur Verteidigung der Errungenschaften. Die von der US-Regierung verordnete Wirtschaftsblockade hinterließ deutliche Spuren in der Versorgung. CIA-Truppen verminten den Hafen von Corinto. Spionage-Tiefflüge über der Hauptstadt schürten die Angst vor einer Intervention. Regelmäßige Überfälle der Contra-Truppen von operativen Basen in Costa Rica oder Honduras aus gegen ländliche Kooperativen, die gezielte Zerstörung von Schulen, Gesundheitsposten und Vorratslagern und der damit verbundene Einzug des Krieges in den Alltag machte die Mobilisierung zur Verteidigung des Landes notwendig. Aus denselben Gründen wurde Nicaragua immer stärker von der Unterstützung durch die realsozialistischen Länder abhängig.

Manchmal fühl ich mich hier irre. Ich weiß, dass Nicaragua diesen Verteidigungskampf nicht eigenständig führen kann; Unterstützung ist überall nötig, eingeschlossen militärische Hilfe. Und gleichzeitig ist mir klar, dass die Sowjetunion nicht aus rein humanitären Gründen Unterstützung leistet. Die Frage, was das für Nicaragua und für die Entwicklung bedeutet, geht mir permanent durch die Birne (Brief vom 21. 6. 1984 an einen Freund).

In dieser Situation in Nicaragua zu leben und zu arbeiten, gab mir das Gefühl, direkt Geschichte mit gestalten zu können. Es war etwas Besonderes, galt es doch, in diesem kleinen Land die Utopie einer sozial gerechten Gesellschaft gegen die imperialistische Großmachtpolitik der US-Regierung zu verteidigen und mit konkreter Unterstützungsarbeit einen alternativen, blockfreien Weg zu beschreiten. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Die politisch Verantwortlichen im Bezirk sind in ihren Aussagen und auch in ihrer Praxis konkret und fassbar: arme Leute, die neben dem Überlebensjob noch Politik machen, mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Das ist beeindruckend – diese Basis, die Menschen, mit denen wir konkret zu tun haben. Und da wünsch ich mir manchmal, nur das wahrnehmen zu wollen, einfach nur das, und vor allem anderen die Augen zumachen zu können und wirklich diese Situationen ausschließlich als solche zu erfassen und zu spüren. Das sind die ganz guten, ganz dichten Momente, in denen ich Werte spüre, Menschen, Leben, Hoffnung und auch Freude (Brief vom 21. 6. 1984 an einen Freund).

Ende 1983 zog die erste Arbeitsbrigade los, für die bundesweit unter dem Motto: „Wir bauen auf, was die Contra zerstört“, mobilisiert worden war, vorbereitet vom Informationsbüro Nicaragua in Wuppertal. Die Einsatzorte der Brigaden wurden mit Vertretern der sandinistischen Regierung ausgewählt – gezielt in den Regionen, aus denen sich die offizielle deutsche Entwicklungshilfe des Deutschen Entwicklungsdienstes oder der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit zurückgezogen hatte.

Die militärische Mobilisierung ist ein permanentes Thema, überall und täglich; die Zeitungen voll von lobenden Artikel über diejenigen, die sich mobilisieren ließen: die Helden des Landes. Diese tägliche Eintrichterung der fast gleichgeschalteten Information ist nicht deshalb da, weil die Verteidigung das Selbstverständlichste ist. Nein, sie ist nötig, weil es eben nicht mehr so einfach ist, genügend junge Männer mit der entsprechenden Begeisterung in die „trincheras“ – Schützengräben – an den Landesgrenzen abzuziehen, während gleichzeitig der Rest sich den Freuden und Genüssen der wenigen Errungenschaften hingibt. NO PASARAN – wird das zutreffen? Manchmal hab ich Angst. Angst davor, das, was geschieht, nicht mehr einordnen zu können (Brief vom 23. 6. 1984 an einen Freund).


„Gestern Abend war in unserem „barrio“ eine „asamblea“ – Versammlung. Ein Vertreter des zuständigen Ministeriums für die Verteilung der notwendigen Basisgüter sollte den leicht unruhig werdenden Menschen Rede und Antwort stehen. Planmäßig mit einer Stunde Verspätung – „Nicazeit“ – fing die Versammlung dann an. Viele Frauen und auch Kinder saßen mitten auf der Straße vor dem kleinen Haus des Sandinistischen Verteidigungskomitees – CDS. Der Vertreter des Ministeriums hielt eine dermaßen langweilige, lange Rede, sprach über das, was sowieso täglich in der Zeitung steht, im Fernsehen und Radio erzählt wird und dir selbst das kleinste Kind beim Zeitungsverkauf vorträllern kann. So ein Schwachsinn. Das macht die Menschen eher stumpf als aktiv. Statt sie konkret aufzufordern, an Lösungen mitzuarbeiten, werden sie mit Phrasen erschlagen. Solche Veranstaltungen lösen keine Veränderung des Denkens und des Bewusstseins aus (Brief vom 21. 6. 84 an eine Freundin).


Von Managua aus betreuten wir neben unserer eigentlichen Arbeit in Nicaragua einen Großteil der Gruppen mit Kurzzeitbrigaden. Keine einfache Arbeit. Sie erforderte in vielen Fällen unsere Vermittlung zwischen den Welten, den Kulturen, den Menschen, um sinnvolle Projekte für die nicaraguanische Bevölkerung, die verantwortlichen Sandinisten und die Brigaden vorzubereiten und umzusetzen. Wir mussten die Transporte der Brigadisten organisieren, deren Werkzeug aus dem Zoll holen, uns um Unterkünfte und Betreuung vor Ort kümmern, bei Konflikten intervenieren und Lösungen zu suchen. Es waren weite Wege und vor allem Wege in die Kriegszonen, nach El Pochote, nach Talolinga und San Jacinto in der Umgebung von Nueva Guinea und von Pantasma.

Weihnachten im Norden, in Pantasma bei der Kaffeeernte: Aus unserer Kooperative rückt frühmorgens blitzschnell das Bataillon ab. Kurze Zeit später klärt uns Ismael, der Vizepräsident der Kooperative auf, dass in der Nacht circa zwei Kilometer entfernt der Verantwortliche der Miliz der Nachbargemeinde Santa Cruz bei sich zu Hause von der Contra geknebelt und gefoltert, dann ermordet wurde. Seine Frau wurde mit einem Munddurchschuss getötet.
Compañeros aus der Militärstation sollen im zehn Kilometer entfernten Pantasma-Tal zur Verteidigung geholt werden. Es gibt kein Auto dafür, nur unsere VW-Bus-Pritsche. Klar fahren wir los. Alles ist so schwer einzuschätzen und verdaubar und mitten auf dem Weg wird mir auch bewusst, dass das Auto weit entfernt ist von einem Transport von „Zivilpersonen“ und von daher diesem Transport jeglicher Schutz vor militärischen Hinterhalten („emboscadas“) genommen ist. Das macht mir schon ganz schön Angst auf der Strecke, vor allem auf der Rückfahrt, als ein paar mit Panzerfäusten bestückte Soldaten auf die Pritsche zugestiegen sind. Aber angesichts der Vorfälle, der Lage, was willst du da machen? „Ja aber“ geht da nicht mehr. Du musst dich schnell entscheiden. Alles läuft Schlag auf Schlag. Zudem waren wir für unsere Bemühungen, mit einigen Kaffeebohnen den Devisenfluss des Landes zu vergrößern, unzureichend ausgestattet, um gegen die gewaltigen Regenmassen geschützt zu sein. In den Kaffeefeldern war der reinste Schlitterboden. Und wir ernteten unter Detonationsgeräuschen – mit dem Wissen um die dadurch verursachten Opfer, die Toten, die Verwundeten – Bohne für Bohne wanderte in die Körbe.

Abends halte ich mit Nicolai, einem der Kooperativen-Mitglieder Wache. Er erzählt, dass er eigentlich überhaupt nicht hier leben will, dass es in El Ventaron, von wo seine Familie kommt, viel besser war; aber da können sie momentan nicht hin, von dort sind sie umgesiedelt worden. Dabei wird mir so klar, dass auch wenn die Contra in der Nähe sein sollte, dieser Ort von denen nicht angegriffen werden würde, einfach weil hier Deutsche sind und unser Leben mehr zählt in diesem schmutzigen Krieg. Nicolai sitzt mir da im Nachtregen gegenüber und ich spüre deutlich – auch bei seinen Erzählungen über sich –, wie auch er genau weiß, dass sein Blut ganz sang- und klanglos vergossen werden kann (Rundbrief vom 1. 1. 1985).


Die drei in Nicaragua gelebten Jahre haben mich lange Zeit danach noch intensiv beschäftigt und mich in meinen politischen Aktivitäten – bis zum erneuten Weggang von Berlin nach Honduras Ende der 1990er Jahre – beeinflusst. Viele Jahre haben wir als politische Gruppe von Berlin aus versucht, mit Berichten, Artikeln, Reportagen, Radiosendungen und Aktionen die Hintergründe dieses Angriffskrieges aufzuzeigen. Unser Schwerpunkt waren Recherchen über das bundesdeutsche Netz von Organisationen und Gruppierungen, die die Contra unterstützten. Die Bundesregierung hatte damals bereits zugesagte Entwicklungshilfegelder eingefroren. Wir recherchierten gegen rechte Stiftungen, die sich als Contra-Unterstützer hervortaten, wie die „Internationale Gesellschaft für Menschenrechte“ oder die „Konrad Adenauer Stiftung“. Wir unterstützten Aktionen gegen diese Organisationen.

Meine anfängliche Verteidigung der Avantgardepolitik der politischen Führung Nicaraguas hatte im Laufe der dort gelebten Jahre immer stärkere Risse erfahren bis hin zu klar formulierter Kritik daran, dass die direkte Einbeziehung der in den unterschiedlichsten Basisbereichen aktiven Menschen nicht gefördert, offensichtlich nicht gewollt wurde.
Diese Einstellung drückte sich in der Parole aus „!Dirección nacional, ordene!“ (Nationale Leitung, befiehl!) und wurde mit dem von außen aufgezwungenen Krieg begründet. Die Strategie der Kriegstreiber aus dem Pentagon mit ihrer außenpolitischen Doktrin der Verhinderung souveräner Regierungen in ihrem Hinterhof ging auf. Der „Krieg der niederen Intensität“: der Contra-Krieg, der Wirtschaftsboykott und der mediale Feldzug als Kampf um die Köpfe erreichte 1990 mit der Wahlniederlage der Sandinisten sein Ziel. Das Projekt der Befreiung war beendet, Nicaragua „befriedet“!

Im Sommer 2005 war ich noch einmal in Nicaragua. Alles ist gigantisch im heutigen Nicaragua. Gigantisch sind die an den Rändern der Hauptstadt entstandenen Einkaufszentren mit Luxusboutiquen, Kinos und den weltweit einander gleichenden Tankstellen mit ihren Running points, sind die zweisprachigen Werbeschilder in englisch und spanisch, auf denen US-amerikanische Immobilienfirmen die Filetstücke des Landes zum Kauf anbieten, sind die neuen Autopistas um die Hauptstadt herum und die Fabrikhallen der Freihandelszonen mit tausenden von Billigarbeitsplätzen für Arbeiterinnen. Absolut gigantisch angewachsen ist die Armut im Land, und die Armenviertel sind weit entfernt von der infrastrukturellen Entwicklung der letzten Jahrzehnte.

Wir treffen Anita, die Frau, die uns damals in den Anfängen meiner Nicaraguazeit in ihrem Haus aufgenommen hat. Wie unzählige andere kämpft sie ums Überleben im heutigen Nicaragua. An ihr sind alle Bereicherungsaktionen vorbei gegangen. Wir sitzen in ihrer Sala. Auf dem Wellblechdach prasselt irre laut der Regen. Die Enkelkinder von Anita rennen schreiend einem Plastikball hinterher.

Wir reden über die 1980er Jahre. Wir müssen uns anschreien, um uns zu verstehen. „Die Regierungen können das Land ausrauben, aber sie können uns nicht die Erfahrung von damals nehmen“. Bei diesen Worten von Anita wird auch mir wieder deutlich, wie gut es war, dass ich die Frage „Warum Nicaragua?“ für mich mit der Reise dorthin beantwortet hatte. Ich gehöre zu der Generation, die das Glück hatte, über Jahre intensiv an diesem Prozess teilhaben zu können, der es wert war, erkämpft und verteidigt zu werden.

Zum Seitenanfang