Erika Harzer - Poonal Nr. 575 - 28. Mai 2003


Die Bilder über die Gefängnisrevolte in der Strafanstalt "El Porvenir" (Die Zukunft) im Norden von Honduras unterbrachen Anfang April 2003 für einen kurzen Moment die Kriegsberichterstattung über die Bombardements im Irak. Es waren schreckliche Bilder von verkohlten Leichen, die im Innenhof der Haftanstalt aufgereiht waren. Ein kurzer Zwischenbericht über die Niederschlagung eines Aufstands, dann bestimmte wieder der Irak Krieg die Tagesordnung.

Gut einen Monat nach dem Massaker legte jetzt die von der Regierung des konservativen Präsidenten Ricardo Maduro eingesetzte Untersuchungskommission ihren Bericht mit erschreckenden Details vor. Bei dem Massaker starben insgesamt 69 Menschen, davon 66 Häftlinge, von denen 61 den sogenannten "Maras", organisierten Jugendbanden, angehörten. Außerdem kamen drei Besucherinnen ums Leben - zwei Frauen und ein Kind, die sich zum Zeitpunkt des Massakers in der Haftanstalt aufhielten. Was anfänglich als Streit zwischen unterschiedlichen Häftlingsgruppen aussah, bekommt mit dem Untersuchungsbericht neue Konturen.
"El Porvenir" liegt am Fuß des zum Pico Bonito Nationalpark gehörigen Mittelgebirges inmitten riesiger Ananasplantagen, auf denen in Monokultur für die Dole Food Company Inc. angepflanzt wird. Zur Karibikküste ist es ein Katzensprung und an klaren Tagen sind die vorgelagerten Inseln der Bahia, die hondurenischen Tauchparadiese, klar umrissen zu erkennen. Die Häftlinge sind in Landwirtschafts- oder Handwerksgruppen aufgeteilt, bauen Bohnen, Reis, Mais und Gemüse an oder stellen Möbel und Kunsthandwerk her. "El Porvenir" gilt als Modell-Gefängnis. Ein Grossteil der Insassen sind Untersuchungsgefangene, die auf ihre Verurteilung warten und wegen Verwicklung in Drogengeschäfte, in Waffenschiebereien oder wegen Vergewaltigung angeklagt sind.
Die Anlage hat eine Kapazität von 150 Insassen. Am Tage des Massaker befanden sich 555 Gefangene in "El Porvenir". Im Februar dieses Jahres wurden 50 "Mareros", wie die Bandenmitglieder im Volksmund genannt werden, von der Hauptstadt Tegucigalpa nach "El Porvenir" verlegt, sehr zum Missfallen der dort bereits untergebrachten Häftlinge.
Die Ergebnisse der Untersuchungskommission lesen sich wie das Drehbuch einer Billigproduktion für einen brutalen Actionfilm, in dem letztendlich 69 Menschen ums Leben kommen. Ausgangspunkt war demzufolge ein Streit zwischen zwei "Mareros" der berüchtigten "Mara 18". Dies nahm Gefängnisdirektor Dany Rodríguez zum Anlass für eine Überraschungsrazzia am 2. April. Laut Untersuchungskommission ist bei dieser Razzia deutlich geworden, dass die "Mareros" nicht bewaffnet waren. Dennoch ordnete Dany Rodríguez an, die "Mareros" in zwei Zellen von den anderen Gefangenen zu isolieren und belegte sie mit Ausgangsverbot. Danach fuhr er ins Wochenende und übergab die Aufsicht dem Gefängniskommissar Oscar Sánchez Rodríguez.
Dieser bat sogleich zwei Vertreter der Häftlingskomitees, das Organisations- und Wächteraufgaben übernimmt, zum Gespräch, das offenbar unbefriedigend verlief. Laut Zeugenaussagen drohte Sánchez Rodríguez daraufhin an, dass "gleich etwas passieren" würde. Gesagt, getan: Er ließ die Mitglieder der "Mara18" aus den Zellen holen und auf den Hof bringen. Dort angekommen soll ein "Marero" eine Pistole gezückt und mehrmals Schüsse auf die Mitglieder des Häftlingskomitees abgefeuert haben. Einer war sofort tot, ein zweiter schwer verletzt, so der Ermittlungsbericht. Der Funke war gezündet, die Schlacht konnte beginnen. Mit Hieb- und Stichwaffen stürmten die im Komitee organisierten Gefangenen auf die "Mareros" ein. Dabei gab es über 20 Tote. Die hoffnungslos unterlegenen "Mareros" zogen sich in ihre beiden Zellen zurück, nicht ohne auf dem Weg dorthin Besucherinnen als Geiseln mitzunehmen.
Mit Steinen, Holzstangen und Stühlen bewarfen die Gefangenen von außen die Zellen und versperrten damit den Zugang. In dieser aufgeheizten Situation warf ein Gefangener ein brennendes Handtuch auf die verbarrikadierten Zellen. Feuer brach aus und in den Zellen Panik. Die "Mareros" suchten nach Fluchtwegen. Wer sie fand, hatte allerdings nur für den Bruchteil einer Sekunde die Hoffnung auf Rettung. Vor den Zellen hatten sich mittlerweile Gefängniswärter aufgebaut, die rücksichtslos auf alle schossen, die sich aus den Zellen herausretten wollten. Das Resultat ist bekannt: 61 "Mareros" und acht weitere Menschen fanden innerhalb der Mauern von "El Porvenir" einen grausamen Tod.
Die vermeintliche "Häftlingsrevolte" von "El Porvenir" erweckt den Anschein, dass die Provokation mit tödlichen Folgen von offizieller Stelle gefördert wurde. Menschenrechtsorganisationen äußerten den Vorwurf, dass dieses Massaker Teil der Politik der hondurenischen Regierung sei, die die Ermordung Jugendlicher bewusst toleriere.
Allein in den vergangenen fünf Jahren sind 1.600 Fälle von Erschießungen und Hinrichtungen von Jugendlichen in Honduras registriert worden, die nahezu alle nicht aufgeklärt worden sind. Selbsternannte "soziale Säuberungskomitees" ziehen als schwerbewaffnete Killertrupps in Autos mit getönten Scheiben nachts durch die Strassen der großen Städte und richten nach Gutdünken Jugendliche hin. Über all diese Ereignisse der letzten Jahre existieren vielfach Untersuchungsberichte, angefertigt von nationalen Institutionen wie auch internationalen Delegationen der Sonderbeauftragten der UNO und von Amnesty international. Bewirken tut all dies nichts: Allein im Januar dieses Jahres meldete die Kinderhilfsorganisation Casa Alianza 59 ermordete Jugendliche.
Auch in den Gefängnissen des mittelamerikanischen Landes kam es in jüngster Vergangenheit immer wieder zu Übergriffen und Ermordungen von "Mareros". Am 4. März wurden bei Auseinandersetzungen in der Haftanstalt Tela zwei "Mareros" ermordet und sieben verletzt. Im Knast von San Pedro Sula wurden wenig später insgesamt sieben "Mareros" der "Mara Salvatrucha" ermordet.

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