tapachula verletzte

Fotos zum Thema: Migration...Erika Harzer - Poonal Nr. 671 - 31. Mai 2005
Sie heißen Elmer, Carlos, Enrique, Hugo, Olban, Xiomara, Tatiana, Saida, Maria, wenn sie Glück haben und identifizierbar sind. Ihnen selbst nützt dieses Glück nicht mehr viel, aber wenigstens wissen ihre Eltern, ihre Geschwister und Liebsten, wo und wie ihr junges Leben zu Ende ging. Die Frage nach dem Warum wird kaum gestellt, wer sollte sie auch beantworten. Viele dieser Jungen und Mädchen sind einfach nur noch Körper, namenlos, herkunftslos, leblos. Vermutungen sind es, die bleiben, über ihr mögliches Alter, ihre mögliche Herkunft. Vielleicht spielen sie noch als namenlose Hauptperson eine Rolle in einem Zeitungsartikel über brutale Hinrichtungen und sinnloses Sterben.

Ihre Geschichten sind unterschiedlich, das Ende ähnlich. Gemeinsam haben sie alle, dass sie noch keine 18 Jahre alt waren, als ihr Leben bereits zu Ende war auf einer Welt, die ihnen so absolut wenig Menschliches zu bieten hatte. Carlos könnte aus Santa Barbara, dort im Bergland von Honduras kommen, oder dem Santa Barbara in Guatemala. Oder war er aus Masachapa, Nicaragua oder vielleicht aus Aguilares in El Salvador?
Von einem Elmer ist ein Stück seiner Geschichte zusammengetragen. Es ist eine dieser vielen gescheiterten „Migrantenstorys“. Er kam aus Tocoa, ganz oben im Norden Honduras, kurz vor der Biosphäre, dem kaum noch besiedelten tropischen Regenwald. Eine gottverlassene und vor allem arme Region, in der der Schutzraum für die meisten Kinder mit der Geburt aufhört. Elmer war 16, als er Tausende Kilometer von Tocoa entfernt in der mexikanischen Stadt Saltillo mit anderen Gleichgesinnten irgendwo auf der Straße schlief. Ein uniformierter mexikanischer Soldat näherte sich den Schlafenden und feuerte mehre Kugeln ab. Elmer und ein namenloser Freund waren sofort tot. Aus nächster Nähe hingerichtet. Drei weitere Jugendliche wurden schwerverletzt.
Sie alle waren auf der „Ruta“, der strapaziösen Route Richtung USA und setzten sich unsäglichem Leid und Entbehrungen aus. Dabei mussten sie ständig auf der Hut sein vor gewalttätigen Überfällen von Polizei, Militär oder den organisierten Jugendbanden. Aber ihre Aufgabe trieb sie voran. Wenn die Angst sie lähmte, oder der Hunger sie quälte, war doch klar: es gab kein zurück. Zu Hause warteten die Mütter und all die anderen Geschwister auf die erste Geldsendung aus dem gelobten Land. Sie sollten Retter sein, diejenigen, die für das Essen der Familie sorgten. Es war ihre Aufgabe, da konnten sie nicht schlapp machen. Wenn sie ausgeraubt wurden oder von der Migration zurück zur Grenze geschickt wurden, durften sie sich davon nicht einschüchtern lassen. Sie mussten weiter, auf keinen Fall zurück. Dort wartete nur Armut und Hoffnungslosigkeit. Vor ihnen dagegen lag der „amerikanische Traum“. 16 Prozent der Bevölkerung Mittelamerikas leben in den USA.
In Honduras gehörten sie zu den annähernd 40 Prozent, von denen die Statistiken sagen, dass sie mit weniger als 1 Dollar pro Tag überleben müssen. Das neoliberale Modell hat in wenigen Jahren zur extremen Verarmung großer Bevölkerungsgruppen in der gesamten Region geführt.
Elmer hat es nicht geschafft. Die Kugel aus einem Militärgewehr hat seinen Weg und auch sein Leben jäh beendet. Elmer ist einer von Tausenden Kindern und jungen Menschen, die auf der Suche nach schlecht bezahlten Hilfsarbeiterjobs „auf der Strecke bleiben“, meist irgendwo in Mexiko. Seine Mutter hat ihn wieder. Statt Geld kam der Sarg. Dabei hatte sie Glück. Elmer war identifizierbar und die Kinderhilfsorganisation Casa Alianza setzte sich für seine Rücküberführung ein. Der namenlose Junge neben ihm, gleichfalls hingerichtet, blieb dort in Saltillo, für immer. Sein kleines Grab auf dem Gemeindefriedhof von Saltillo trägt für kurze Zeit ein namenloses Kreuz. Bald wird es umgekippt sein, vielleicht sogar auf ein nächstes, neueres gesteckt werden und damit ist sie ausgelöscht, die Erinnerung daran, dass dort dieser junge heranwachsende Unbekannte ermordet begraben wurde.
Irgendwo in einem kleinen Dorf oder in einer der vielen Hütten der immer größer werdenden Armenviertel in Nicaragua, in Honduras, in El Salvador oder Guatemala, wartet eine verzweifelte Mutter mit ihren hungrigen parasitenbäuchigen Kindern noch immer auf die erste Geldsendung aus den USA. Ob sie sauer ist, dass er, ihr Ältester, sich nicht meldet? Ob sie ahnt, was mit ihm geschehen ist? Sie wird nie erfahren, wo ihr Junge „auf der Strecke“ blieb, warum er sich nicht meldet. Zu viele sind es, die auf diesem Weg ins „gelobte Land“ ihr Leben lassen. Wer sollte da die Nachforschungen machen? Für wen auch? Für diese arme Frau etwa, die dort im hondurenischen El Paraiso nicht mal die Zeitung lesen kann? Fast 500 Tote wurden alleine im Jahr 2002 auf den Migranten-Routen in Mexiko gezählt. Der Anteil der unter 18jährigen ist nicht bekannt, nur, dass sie die wehrlosesten im Überlebens- und Repressionskampf sind.
Eine honduranische Statistik, herausgegeben vom Justizministerium im August 2003 benennt für das Jahr 2002 insgesamt 28.441 Jugendliche unter 18 Jahre, die sich von Honduras aus auf den „Weg gemacht“ haben. Von der Gesamtzahl der illegalen Migranten auf dem Weg in die USA erreichen nur zehn Prozent ihr Ziel. Elmer war einer der Gruppe der restlichen 90 Prozent.

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