Erika Harzer - Poonal - 29. Oktober 2001

Hinrichtungen von Jugendlichen bleiben straffrei


"Vier Tote und drei Verletzte hinterlässt das ´Kommando Exterminator´". Das steht nicht, wie vermutet werden könnte, in einem der vielen Drehbücher eines Action-Movies aus der Traumfabrik Hollywood. Es ist die Überschrift eines Artikels in der honduranischen Tageszeitung La Tribuna vom 2.10.2001. Sie titelt eine dieser in letzter Zeit immer häufiger gedruckten Meldungen oder Reportagen über Exekutionen an Jugendlichen. Die Urheber der Exekutionen scheinen unauffindbar, ihr Bewegungsradius grenzenlos.

Diese seit Monaten anhaltenden Negativschlagzeilen sorgen denn auch wieder dafür, internationale Aufmerksamkeit gegenüber den gesellschaftspolitischen Entwicklungen des sonst in absoluter Mittelmäßigkeit vor sich hindümpelnde Honduras zu schaffen.
Die letzte große internationale Öffentlichkeit und Anteilnahme erfuhr dieses mittelamerikanische Land Ende 1998, nachdem der Hurrikan MITCH einmal quer übers Land tobte und dabei Hunderte von Opfern mit sich riss und landesweit große Schäden hinterließ.
Einer humanitären Invasion gleich drängten sich in Folge zahllose Hilfsorganisationen ins Land um, nach der anfänglichen Soforthilfe, die notwendigen Wiederaufbaumaßnahmen zu unterstützen. Dabei war die Maßgabe vielfach und vielerorts weniger die Integration der Betroffenen in die Wiederaufbauprozesse, als vielmehr die Ausgabekriterien der Geberorganisationen sowohl zeitlich als auch quantitativ zu erfüllen.
Zeitgleich mit der Abwicklung der Hilfsprojekte füllten die honduranischen Strassen flotte Allradantrieb-Autos mit Kennzeichen der internationalen Missionen. Auch BMW und Daimler Produkte zeigten wenige Monate nach der Katastrophe mehr Präsenz. Die neuesten Modelle wurden stolz durch die Strassen chauffiert. Sie hatten einheimische Kennzeichen, und gehörten denjenigen, vor Allem in der Baubranche ansässigen, die die Katastrophe in eine persönliche Goldader umzuwandeln wussten.
Die große Mehrheit der Bevölkerung schaute auch in diesem Fall sinnbildlich in die Röhre. Noch heute wohnen hunderte von Familien in den damals errichteten kasernenähnlichen Notunterkünften. Dicht an dicht, sardinenbüchsenmässig zusammengepfercht auf kleinstem Raum, mit Gemeinschaftslatrinen am Ende jeder Baracke, auf staubig, steinigem Boden, ohne Schatten unter Wellblechdächern: das ist, was diese Notunterkünfte den dort lebenden Familien seit Ende 1998 bieten.

Ein elendes Dasein. Für die dort aufwachsenden Kindern und Jugendlichen ist es ein Leben, in dem sie mit Gewalt als täglicher Grunderfahrung sozialisiert werden.
Schon bei der Errichtung dieser Anlagen wurde vor der sozialpolitischen Zeitbombe gewarnt, die in solch unwürdigen Unterkünften sich aufladen könnte. Damals gaben die politisch Verantwortlichen den Notunterkünften einen zeitlichen Rahmen von ein- bis zwei Jahren als Übergangsfrist. Heute ist nicht absehbar, ob diese Unterkünfte jemals ihrer Funktion entledigt würden.
Fakt ist allerdings heute, dass ein Markenzeichen dieses sozialpolitischen Ghetto und all der anderen marginalisierten Randsiedlungen der beiden großen Städte Tegucigalpa und San Pedro Sula, die Bildung von Jugendbanden ist. Die Eintrittsmotive reichen von purer Angst vor den Banden, über unsägliche Frustration über die vorhandenen Lebensperspektiven bis hin zur gesteigerten Abenteuerlust. Einmal aufgenommen, verändert sich so ziemlich alles. Die Zugehörigkeit wird mit eigener Symbolik verkörpert. Sie drückt sich aus in Gesten, Fingersprache, Bewegungsabläufen oder in Tattoos, Graffitis, in Kleidung und eigener Sprache oder Songs. Mit dieser Symbolik wird gleichzeitig auch die Abgrenzung zu allen anderen, nicht dazugehörigen, gezogen:
Die Bande entwickelt ihren eigenen Rhythmus und bestimmt entsprechend den Alltag des einzelnen. Wer bis dahin noch familiäre Bande pflegt, entledigt sich dieser. Die "Mara" (Bande) übernimmt die Familienfunktion und fordert von den einzelnen absoluten Autoritätsgehorsam. Solange für den/die Einzelne/n die Identifizierung zur "Mara" vorhanden ist, bietet diese viel von den Gefühlen, die einer grossen Mehrheit der Jugendlichen während ihrer bisherigen Sozialisation unterschlagen wurde: die "Mara" kümmert sich um die Einzelnen, sie gibt Identität und verleiht Stärke. Als Gegenleistung wird von der Einzelperson gegenüber der "Mara" vollständige Hingabe gefordert. Sein Leben für die "Mara" zu riskieren ist Ehrensache. Ausstieg gilt als Verrat an der Sache, der geahndet wird.
Die mitgebrachten Werte aus der eigenen Geschichte sind vor allem die Anwendung und das Erleiden von Gewalt. Und eben diese Erfahrung bestimmt den Umgang innerhalb der Bande ebenso wie die Abgrenzungsmethoden zu Nichtmitgliedern oder heftiger noch, zu Mitgliedern anderer "Maras".
Die beiden größten Jugendbanden, aus den Nachbarländern importiert, die "Mara Salvatrucha" und die "Mara La 18" bekämpfen sich denn auch im wahrsten Sinne des Wortes "bis aufs Blut". Meist spielen sich diese Kämpfe in den marginalisierten Vierteln ab. Gewaltätiger und blutiger wurden diese Kämpfe seit Ende der 90er Jahre. Zeitgleich mit der Hurrican-Katastrophe nahmen ab 1997-1998 die Deportationen jugendlicher Illegaler aus den Vereinigten Staaten zu. Dadurch kamen zwangsweise Jugendliche zurück, die in den USA straffällig geworden waren und die sich dort in "Maras" organisiert. Ihre entsprechenden Erfahrungen in Jugendgangs der nordamerikanischen Vorstädte veränderten die hiesigen "Maras". Den Actions-Movies gleich nahm die Ausstattung mit und der Gebrauch von Schusswaffen zu. Ein erschossener Bandengegner bringt viele Pluspunkte in der Hierarchie der "Maras".
Mit den zunehmenden gewalttätigen Ausseinandersetzungen zwischen den "Maras" und den steigenden Zahlen an Todesopfern, nahm die öffentliche Stigmatisierung der gesamten Generation der Jugendlichen zu. Der Ruf nach der "starken Hand" wurde immer lauter. Ursachenforschung und darauf aufgebaut entsprechende Massnahmen oder Programme anzuschieben, ist kein Thema, das scheint als Zeitvergeudung abgehandelt zu sein. Urteile sind formuliert und werden als solche in beängstigender Form permanent mitgeteilt:
Es sind die Jugendlichen, die schlecht sind, die kriminell sind, die die Gefahr für Ordnung und Sicherheit darstellen und die müssen ausgeschaltet werden, dass ist die Botschaft.
Politiker, Arbeitgeber und vor allem die Medien sind sich denn auch einig darin, dass diese ausufernde Gewalt gestoppt werden müsse. Sie sind sich einig darin, dass die Schuldigen dafür bereits ausgemacht sind. Und sie sind sich auch darin einig, dass der vorhanden staatliche Repressionsapparat bisher nicht in der Lage war, diese zunehmende gewaltätige Kriminalitätsform zu stoppen.
Wen wundert es, dass aufgrund dieser öffentlichen Hetze gegenüber den Jugendlichen per se seit Anfang dieses Jahres sich selbst erklärte Saubermänner als nächtliche Todesschwadrone in Autos mit verdunkelten Scheiben durch die Strassen der Armenviertel der Grosstädte fahren und ihnen verdächtig vorkommende Jugendliche exekutieren. Es sind wenige, die sich darüber empören und die Zeitungen bemühen sich den auch, die Opfer dieser Exekutionskommandos in die Nähe der "Maras" zu rücken, womit ihr Mord ja gerechtfertigt wäre.

Exekutionen an Jugendlichen in Honduras vermeldet Casa Alianza, eine Organisation, die in allen Ländern Mittelamerikas an der Resozialisierung von Strassenkindern arbeitet, schon seit 1998. Die Resonanz darauf war von staatlicher Seite jeweils sehr zurückhaltend. Die diesjährigen Berichte und Stellungnahmen seitens Casa Alianza auch gegenüber internationalen Menschenrechtsorganisationen und den Vereinten Nationen veranlasste den auch im August den Besuch von Asma Jahangir, die als Sonderbeauftragte der UN den Vorfällen nachgehen sollte. Für Honduras ein alarmierendes Zeichen. So bemühte sich bereits im Vorfeld die Regierung um Schadensbegrenzung.
Nach ihren vielfältigen Gesprächsrunden und Interviews, kam sie zu der vorläufigen Einschätzung, dass in Honduras eine z.T. lebensgefährliche Diskriminierung gegenüber Strassenkindern und -jugendlichen vorhanden ist.
Ihr lagen Zahlen vor, wonach in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 66 Kinder/Jugendliche umgebracht wurden. Von Menschenrechtsorganisationen wurde diese Zahl als zu niedrig benannt. Die Mehrzahl dieser Todesopfer blieb bis heute ungeahndet. Untersuchungen finden kaum statt oder werden als unlösbar eingestellt und in der öffentlichen Betrachtung als Bandenkriegsopfer abgehackt.
Für Kinder oder Jugendliche bedeutet schon allein die Tatsache, dass sie irgendwo am Körper Tattoos haben, eine Lebensgefahr.
Im Oktober berichtet Casa Allianza, dass seit Januar 1998 insgesamt 940 Kinder und Jugendliche umgebracht worden sind und seit Mitte 2001 die monatliche Durchschnittszahl an Todesopfern bei mehr als 50 liegt. Jose Gustavo Zelaya, Rechtshilfeberater bei Casa Alianza in Tegucigalpa, zeigt bei einem Gespräch in seinem Büro den Stapel unerledigter Akten. Es sind alles Fälle, in denen sie von Casa Alianza aus aktiv geworden sind, in denen sie den Hinterbliebenen Rechtsbeistand anboten bei der Verfolgung der Täter.
Frustriert resumiert er seine Arbeit damit, dass die Mehrheit der Fälle nicht mal richtig bearbeitet werden, vor allem dann, wenn der Verdacht geäussert ist, dass Sicherheitskräfte in dem Mord involviert sind."
Da hat sich auch seit dem Besuch von Frau Jahangir nichts verändert. Allein seit ihrer Abreise Mitte August sind weitere 110 Kinder und Jugendliche umgebracht worden. Davon etliche durch die schwerbewaffneten Todesschwadrone, wie die am Anfang beschriebenen 4 Todesopfer durch das "Kommando Exterminador". Dessen Vorgang liesst sich wie ein Krimi:
Sonntag abends um 9.30 Uhr taucht in einem der Randviertel ein schwarzer Pick-up auf, ohne Nummernschilder, die Scheiben verdunkelt. Sie sehen fünf Jugendliche an einer Ecke stehen. Gut gekleidete Männer Mitte dreissig steigen aus dem Auto und schiessen auf die Gruppe Jugendlicher. Dabei zeigen sie professionellen Umgang mit den Waffen.
Diese Darstellungen der Augenzeugen des Geschehens reichen den öffentlichen Medien nicht, um diese Tat komplett zu verurteilen. Besagter Zeitungsartikel fügte als Teil seiner spezifischen Ursachenforschung noch einen "Hintergrundsinformationskasten" auf der gleichen Seite mit ein, in dem Daten über einige der Toten und Verletzten angefügt wurden und mit denen ihnen eine kriminelle Vergangenheit nachgewiesen werden soll und damit zumindest eine gewisse Legitimation für die Exekution herzustellen.

In dieser Stimmung herrscht unter der grossen Mehrheit der Jugendlichen des Landes Angst, die nächste Zielscheibe für diese bisher unauffindbaren Todesschwadrone zu bieten. Und am 4.Oktober sah sich denn auch Kardenal Oscar Andres Rodriguez, der in Lateinamerika als möglicher Papstnachfolger gehandelt wird, aufgrund der sich häufenden Ereignisse dazu veranlasst, öffentlich von der Existenz von Todesschwadronen zu sprechen. Als Indiz dafür nahm er, dass fast täglich ermorderte Jugendliche vorgefunden würden und schlussfolgerte, dass es Menschen zu geben scheint, die hier in Form von Selbstjustiz handeln. Er formulierte die klare Aufforderung an die staatlichen Autoritäten, die Straffreiheit zu kontrollieren und die Täter zu verfolgen.
Für die verängstigten Jugendlichen bietet seit Mitte Oktober ein Projekt einer katholischen Kirchengemeinde unter dem Titel "Nein zu Tattoos" einen Strohhalm an. Für umgerechnet ca. 8 DM können Jugendliche dort in einem aufwendigen Verfahren ihre Tattoos mit Infrarotstrahlung entfernen lassen. Vom ersten Tag an sind die Warteschlangen vor dieser im Gemeindehaus provisorisch eingerichteten Klinik lang. Eine bunte Mischung Jugendlicher sitzt auf den Wartebänken, ständig bemüht, die deutlichen Identifikationstattoos der verschiedenen "Maras" verdeckt zu halten. Da sitzen Aussteiger, aus tiefverfeindeten "Mara"s nebeneinander auf einer Bank und hoffen beide, mit den Infrarotstrahlen ein Stück Vergangenheit wegwischen zu können. Es sitzen aber auch viele andere Jugendliche auf den Bänken, die nicht die Spur Kontakte zu "Mara"s hatten. Sie wollten einfach nur modisch sein, so wie es Jugendliche in Europa auch sind, und ein cooles Tattoo gehört da eben dazu. Nicht in Honduras, wo damit bereits das Todesurteil gefällt werden könnte.

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