eine Geschichte über das guatemaltekische Polizeiarchiv
von Erika Harzer

Der Himmel ist zugezogen. Züngelnde Blitze künden das Gewitter an. Dann prasselt der Regen auch schon los, laut und heftig und verdunkelt die wenigen noch verbliebenen Stunden des Tageslichts an diesem Nachmittag Mitte April in Guatemala City. Ein Tag wie jeder andere in der guatemaltekischen Hauptstadt. Die Zeitungen sind, wie das Leben selbst, voller Beispiele erfahrener Gewalt und ungelöster politischer Probleme. Ein Auftragskiller wurde festgenommen. Er ist 13 Jahre alt. Sein Opfer eine 34jährige Verkäuferin, die ihre Kinder zur Schule begleitete. Ein Mord mitten in der Stadt auf offener Straße. Alltäglich in Guatemala. Schon seit Jahren. Beständig anwachsende Gewalt, bei der Morde zum Tagesgeschäft gehören, schafft Angst und reduziert Bewegungsfreiheit. Nicht alltäglich ist der minderjährige Auftragskiller, der bei seiner Verhaftung angibt, bereits 8 Personen ermordet zu haben. Ein kurzatmiges gesellschaftliches Raunen begleitet diese Tat in diesem Land, in dem „du davon ausgehen kannst, dass weit über 95 % der begangenen Verbrechen, gleich welcher Art, straffrei bleiben.“ Ana Hilda Gutierrez* (Name von der Redaktion geändert) sieht darin eine gesellschaftliche, eine politische Bankrotterklärung. Sie wohnt seit über 15 Jahren in der Hauptstadt, bewegt sich dort fast ausschließlich mit dem Auto, auch für kürzeste Strecken. Impunidad – Straffreiheit ist ein Teil des Übels, an der unsere Gesellschaft krankt, erzählt ein etwas älterer Herr einigen jüngeren, sehr elegant gekleideten Damen. Ein Grüppchen innerhalb einer Menschenmasse, die sich schlangenartig am bizarr wirkenden Gebäude des Nationaltheaters entlang windet. Sie stehen schon seit Stunden an für eine Filmpremiere im 2000 Plätze bietenden Nationaltheater. Schon seit Wochen gibt es keine Tickets mehr, weder für diesen, noch für die beiden folgenden Abende. Er sei stolz, dass dieser Film hier einem breiten Publikum vorgestellt werden wird, erzählt Carlos Garcia, der Direktor des Theaters. Dabei behält er für sich, dass ein paar Stunden vorher eine Bombendrohung eingegangen war und die Premiere auf der Kippe stand. „Es ist schwer einzuschätzen, was das bedeutet.“ Uli Stelzner ist der Regisseur des Films. „La isla – Archivos de una tragedia“ - Die Insel – Archive einer Tragödie“ wird das erste Mal in Guatemala laufen. An dem Ort, an dem er gedreht wurde, dem Land in dem in knapp 40 jährigem Bürgerkrieg über 250 000 Menschen ermordet wurden, indem ganze Dörfer verbrannt und dem Erdboden gleichgemacht wurden, in dem ein Genozid an der indianischen Bevölkerung stattfand. In dem bis heute über 45.000 Menschen verschwunden sind.

Mitte der 1990er Jahre fand die Unterzeichnung des Friedensabkommens statt. Danach untersuchte eine Wahrheitskommission die Verbrechen des Bürgerkriegs. Unzählige Interviews und Zeugenaussagen von Betroffenen gehörten dazu. Dokumente waren damals nicht auffindbar. 2005 explodierte ein Munitionslager auf dem Gelände der PNC, der Nationalen Zivilen Polizei inmitten der Hauptstadt. Nachbarn fürchteten eine weitere Explosion in einem Nebengebäude und alarmierten das Menschenrechtsombudsbüro. Neben alten Munitionskisten fanden sie tonnenweise Papier, fanden sie das akribisch detailliert geführte Polizeiarchiv aus den Zeiten des Bürgerkriegs. Acht Millionen Dokumente angefüllt mit staatsterroristischen Aktionen. Zeugnisse über das „Wegschaffen“ von Menschen. „Als ich davon hörte, nahm ich sofort Kontakt zum Ombudsmann auf, um die Aufarbeitung der Geschichte dieses Archivs filmisch dokumentieren zu können“ erzählt Uli Stelzner. Guatemala war für ihn kein Neuland. Seit den 1990er Jahren beschäftigt sich der Berliner Filmemacher mit Themen aus Guatemala. Aufsehen erregte 1997 der von ihm und Thomas Walther gedrehte Film über die deutschen Siedler in Guatemala „Die Zivilisationsbringer“. Ähnlich wie heute waren auch damals die Aufführungen des Films in Guatemala mit Drohungen gegen die Filmemacher begleitet.

Uli Stelzner bekam die Dreherlaubnis für das Polizeiarchiv. Mit seinem guatemaltekischen Team tauchte er ein in die bürokratischen Details systematischer Menschenrechtsverletzungen, in die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, den guatemaltekischen Genozid. Der daraus entstandene Film „La Isla“ visualisiert diese Verbrechen anhand der Aufarbeitung der vorgefundenen Dokumente durch das im Archiv arbeitende Team. Durch die Begleitung Angehöriger auf der Suche nach ihren „Verschwundenen“ zeigt er die Dimension der menschlichen Tragödien dieses Jahrzehnte andauernden Staatsterrorismus. Darüber hinaus gelingt es dem Film durch die Montage historischer Filmaufnahmen mit den Archivdokumenten den Bezug zwischen den Verbrechen und den Tätern herzustellen. Und genau darin liegt die Brisanz, liegt die aktuelle politische Aussagekraft des Films. Otto Perez Molina, Kandidat der ultrarechten patriotischen Partei für die Präsidentschaftswahlen im September 2011 erzählt als junger Offizier in bisher unbekannten historischen Aufnahmen - umgeben von getöteten Bauern - wer die Waffen für das erfolgreiche Morden lieferte. Bisher hatte er seine Beteiligung an dem Völkermord an der indigenen Bevölkerung kategorisch abgestritten.

Während vor dem Nationaltheater das Gewitter tobt, laufen im Theater die letzten Vorbereitungen. Der Soundcheck, die Bildeinstellung. Plötzlich ist alles dunkel. Stromausfall. Kann passieren bei Gewitter, dass in der Stadt oder einem Stadtviertel der Strom ausfällt. Aber rings um das Theater leuchten die Lampen. Ein Anrufer spricht von einem gezielten Anschlag gegen das Theater. „Meinen sie es ernst?“ fragt Uli Stelzner seine guatemaltekischen Mitstreiter. Seine Anspannung ist deutlich zu spüren. Die letzten Tage brachten permanente Verunsicherung. Ana Hilda Gutierrez, die ihn in den Wochen vor der Aufführung unterstützte erzählt, wie zuerst alles perfekt aussah. „Uli Stelzner hat es geschafft, die guatemaltekische Premiere in ein Filmfestival zum Thema Erinnerung einzubinden. Erinnerung an bleierne Zeiten in verschiedenen Ländern, in Chile, in Argentinien, in Ruanda. Damit steht die guatemaltekische Geschichte nicht alleine da, kann als Teil des Prozesses wahrgenommen werden, der die Aufarbeitung der historischen Verbrechen sucht. Es gab gute Presse.“ La Isla wurde zum Thema. Dann kamen die ersten Rückschläge. „Plötzlich wurde es eng. Sowohl die deutsche Botschaft, als auch die Regierung von Guatemala zogen ihre Zusage zurück, vor der Filmvorführung eine kurze Rede zu halten,“ erzählt Uli Stelzner von den Momenten, an denen bei ihm die Unruhe wuchs, zumal auch ihm „angeraten wurde, lieber nicht zu reden.“

Mit Verspätung öffnet das Nationaltheater die Türen. Die 2000 Plätze füllen sich im Nu. Bombendrohung und Stromausfall zum Trotz nimmt der Film „La Isla“ die seit Ewigkeiten darauf wartenden Menschen mit in die verstaubte, dunkle und doch so gnadenlos brutale Wirklichkeit einer Vergangenheit, die durch die nicht vorhandene Auseinandersetzung damit, massiv in die Gegenwart wirkt. Später, nach dem Ende des Filmes, nach lang anhaltendem Applaus und einem tiefen, betroffenen, auch hilflosen Schweigen, wird der Deutsche Botschafter und auch der guatemaltekische Regierungsvertreter des Sekretariats für den Frieden – SEPAZ im Zwiegespräch sagen, dass es wichtig war, diesen Film auch in Guatemala in dieser Form zu zeigen. Zu diesem Zeitpunkt weicht aus Uli Stelzner langsam die Anspannung. In seinen Dankesworten übergibt er den Film an die Menschen in Guatemala. Er hat La Isla dahin zurück gebracht, wo der Film entstanden ist. Eine nicht unbedingt gängige Praxis unter den Filmschaffenden, aber charakteristisch für den Umgang Uli Stelzners mit den Themen seiner Filme.

Termine

Zukünftige Termine

03. Dez 2017 11:00 – 12:00
NDRInfo

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