Wenn Kinder nur noch weg wollen – Der mittelamerikanische Exodus

Für dieses 55 Minuten andauernde Radiofeature war ich im November und Dezember 2014 in Mexiko, Guatemala und Honduras unterwegs. Es waren mehrere tausend Kilometer Weg, die ich zwischen und in den Ländern gereist bin, um mir die Geschichte der Menschen anzuhören, die in diesem Stück zu Wort kommen sollten. Menschen auf der Flucht, die Familie, Heimat, ihr gewohntes Leben zurück gelassen hatten, die unterwegs waren mit viel Angst und doch auch Hoffnung, mit ihrer Flucht oder ihrem Weggang ein anderes Leben finden zu können.

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Image: Medienpreis Verleihung 2016 durch Ruprecht Eser

Ruprecht Eser überreicht den Medienpreises 2016 - Kinderrechte in der Einen Welt - der Kindernothilfe

Ein besseres Leben, ein angstfreies Leben, ein Leben in dem auch Würde eine Rolle spielen könnte, in dem sie durch ihre Arbeit so viel verdienen könnten, dass auch die daheim gebliebenen Liebsten nicht mehr hungern müssten, in dem sie vielleicht irgendwann auch ihre Liebsten nachholen könnten.

Selbst Kinder und Jugendliche verlassen in Massen ihre Länder, sind entweder alleine oder mit Schleusern unterwegs auf dieser extrem gefährlichen Route. Wege, auf denen Migranten ausgeraubt, entführt und erpresst, vergewaltigt und ermordet werden. Auf denen sie als Menschen ohne Papiere im Geschäftsmodell des Menschenhandels und Menschenschleppens zur geldbringenden Ware für extrem viel Beteiligte werden. Schutzlos, Rechtlos, überall und jederzeit verletzbar.
Und doch riskieren sie oder ihre Eltern diese Route. In ihren Heimatländern sehen sie keine Überlebenschance. Honduras und El Salvador konkurrieren in den vergangenen Jahren um die Führungsrolle als Land mit der weltweit höchsten Mordrate. Drogenkartelle kämpfen um Vormachtstellungen. Die Maras - brutale Jugendbanden – beherrschen ganze Regionen, in denen der Staat und dessen Sicherheitskräfte nicht existent sind. Es geht um Drogen, Waffen und Menschenhandel. Daneben sorgen multinationale Großprojekte für Landkonflikte, rauben Kleinbauern und indigenen Gemeinden mit den von ihnen angeeigneten Ländereien deren Existenzgrundlage.

US-Präsident Barack Obama sprach im Frühsommer 2014 von einer humanitären Katastrophe angesichts der zehntausenden von Kindern und Jugendlichen, die an der Grenze zu Mexiko von US-Migrationsbehörden aufgegriffen wurden. Bilder dieser Kinder, die eng nebeneinanderliegend in Turnhallen provisorisch untergebracht wurden, unterstützten diese Aussage. Diese neue Dimension des mittelamerikanischen Dramas schien besorgniserregend im Frühsommer 2014, zu einer Zeit, in der in Europa die Abschottungspolitik gegenüber migrierenden und flüchtenden Menschen noch gut zu funktionieren schien.
Mein Exposé zum mittelamerikanischen Exodus brachte mir recht schnell Koproduktionszusagen von BR, DLF und WDR und dadurch war es mir tatsächlich möglich, sowohl im Transitland Mexiko, als auch einem der Herkunftsländer, Honduras, für längere Recherchen unterwegs zu sein.
Ich besuchte Migrantenherbergen im Transitland Mexiko, reiste ein paar Tage mit der Karawane mittelamerikanischer Mütter auf der Suche nach ihren verschwundenen Kindern durch Mexiko. Der Plan Frontera Sur – Plan Südgrenze – war kurz zuvor in Kraft getreten. Dieses Programm soll dafür sorgen, dass der Großteil der flüchtenden und migrierenden Menschen aus Mittelamerika nicht mehr an die Grenze zwischen USA und Mexiko gelangen. Dass die Menschen bereits in Mexiko abgegriffen und zurück in ihre Herkunftsländer deportiert werden. Die Zahlen des Jahres 2015 sprechen eine deutliche Sprache. Nahmen zum Beispiel die Deportationen aus den USA nach Honduras verglichen zu 2014 um rund 40 Prozent ab, verdoppelte sich im gleichen Zeitraum die Zahl der Rückführungen von Honduranern und Honduranerinnen aus Mexiko.
In Honduras sprach ich in der Hauptstadt mit Regierungsvertreterinnen über vorhandene oder nicht vorhandene Kinderschutzprogramme, mit Vertreter*innen von Kinderschutzorganisationen über die Zunahme der besorgniserregen den Gewalt. Und ich konnte Vertreter*innen der CIDH, der Interamerikanischen Menschenrechtskommission während ihres ad-hoc Besuches in Honduras interviewen. Die zusammenfassende Lageeinschätzung dieser von der OAS gegründeten Kommission zur Menschenrechtssituation in Honduras beschrieb eine extrem besorgniserregende Situation in diesem Land gerade auch für Kinder und Jugendliche, erklärte mir viel zum Thema: Wenn Kinder nur noch weg wollen.
Auf meiner Reise durchs Land fand ich Menschen, die aus Mexiko oder den USA nach Honduras zurück deportiert wurden. Oder Menschen, die das Glück hatten, in Mexiko Entführungen durch dortige Wege-Zoll Banden überlebt zu haben. Menschen, die in Mexiko beim Versuch mit der „Bestia“  - wie die das Land durchquerenden Güterzüge genannt werden, auf denen Migrant*innen versuchen, vorwärtszukommen – zu reisen, abgestürzt sind oder heruntergeworfen wurden. Sie waren losgezogen, um ihre Familien besser ernähren zu können und sind nun als Schwerverletzte, als Menschen mit amputierten Gliedmaßen schwerer Ballast für ihre Familien geworden, ohne irgendwelche materielle Unterstützung und ohne irgendeine Möglichkeit, die erlebten traumatischen Momente mit kompetenter Unterstützung zu verarbeiten.
Bald schon, nachdem das Feature erstmals – im März 2015 – ausgestrahlt wurde, spielten sich in unserer unmittelbaren Nähe, an den europäischen Außengrenzen, dramatische Szenen ab. Tausende von Menschen flüchteten vor den andauernden und zerstörerischen bewaffneten Konflikten, dem kriegerischen Alltag in den Ländern Syrien, Afghanistan, dem Nahen Osten. Ihre Hoffnung: Zuflucht in Europa zu finden. Auch aus verschiedenen afrikanischen Ländern, in denen sich die politische Lage zuspitzte und humanitäre Grundrechte missachtet werden, flüchteten die Menschen Richtung Europa. Dazu weiterhin die Armutsflüchtlinge.
In Politik und Medien tauchten Begriffe auf, die auf Horrorszenarien abspielten. Flüchtlingslawinen oder -ströme suchten unser Land zu überschwemmen. Ängste wurden damit geschürt, diese unaufhaltsam auf uns zubewegende Lawinen und Ströme würden unsere Kultur, unseren Wohlstand, unseren Alltag durcheinanderwirbeln und gefährden. Auf der Balkanroute spielten sich humanitäre Dramen ab. Dann die kurzzeitige Öffnung des Balkankorridors, die auf der einen Seite für eine unerwartet große, spontane zivilgesellschaftliche Willkommenskultur in Deutschland, die auf der anderen Seite durch angstmachende Äußerungen einiger führender Politiker ein neues Ausmaß an nach außen getragener fremdenfeindlicher und rassistischer Haltung offenbarte.
Als ich zu meiner Recherchereise nach Mittelamerika im Spätherbst 2014 aufbrach hätte ich mir nicht vorstellen können, dass rund ein Jahr später um das Thema Flucht und Migration in Deutschland eine von Hass und Angst geprägte Debatte angeschoben werden kann. Eine Debatte, die tiefe Gräben durch die Gesellschaft zu ziehen vermag, die Rechtspopulisten zu 2014 noch unvorstellbarer Popularität verhilft und die uns heute mehr denn je fordert, diesem Populismus entgegen zu wirken.

Auch deshalb freut es mich besonders, dass gerade dieses Feature über den Mittelamerikanischen Exodus durch die beiden erhaltenen Preise eine von mir unerwartet große Anerkennung erhalten hat.

November 2016

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