Omar Garcia bei der Migranten Karawane in Italien

Kurz vor Weihnachten 2016 nannte die Internationale Organisation für Migration (IOM) solche Zahlen. Knapp 7.300 Menschen, so die IOM, seien seit Jahresbeginn auf der Flucht verschwunden oder ums Leben gekommen. Über 4.900 davon alleine im Mittelmeer. Es sind die dokumentierten Zahlen. Die vielen kleinen Boote, denen irgendwann, irgendwo der Motor ausfiel, die Luft ausging, und die auf ihnen befindlichen Menschen ins Meer auskippte, sind darin nicht erwähnt. Wir können darüber nur vermuten, spekulieren, schätzen. Daraus ergeben sich ungenaue, angenommene Zahlen. Zahlen von Menschen, die verschwunden sind. Menschen, die für ihre Angehörige unauffindbar werden. Die einfach weg sind, abhandengekommen. Irgendwo, irgendwann.

Wer könnte den Angehörigen die dringend erhofften Antworten geben, wenn niemand überlebt hat? Wer, wenn die Überlebenden der Bootsmenschen namenlos neben all den anderen, dem gleichen Schicksal ausgesetzten Menschen saßen. Wer bist du? Woher kommst du? Fragen, die vielleicht gestellt wurden. Antworten, die vielleicht gegeben wurden, vielleicht aber auch nicht.
„Dass die Betroffenen gar nicht wissen, was ist aus ihren Angehörigen geworden, was ist jemals passiert, ist außerordentlich psychisch zerstörend und es ist ganz schwer, damit umzugehen“, beschreibt Michael Windfuhr die Situation für die Angehörigen.


Michael Windfuhr vom Deutschen Institut für Menschenrechte beschäftigt mit Verschwindenlassen als staatliches Repressionsmittel gegen politisch unliebsame Menschen und den Wirkungsmöglichkeiten der im Dezember 2006 von der UN Generalversammlung verabschiedeten Konvention gegen eben dieses Verschwindenlassen. Mit dieser Konvention sei ein Instrument geschaffen worden, so das Institut für Menschenrechte, „dass die mit dem Verschwindenlassen verbundenen Menschenrechtsverletzungen umfassend bekämpft. So verpflichtet das Übereinkommen die Vertragsstaaten, das Verschwindenlassen unter Strafe zu stellen und verschafft den Opfern und ihren Familienangehörigen Informations- und Entschädigungsrechte“


Die Bedeutung dieser Konvention sieht Michael Windfuhr darin, „dass Staaten sich dazu verpflichten, Verschwindenlassen staatlicherseits zu unterlassen.“ Gemeint sei damit direktes staatliches Engagiert sein oder auch ein staatliches Dulden im Vorgang des Verschwindenlassens. Mit der Konvention seien die Staaten aufgefordert sicherzustellen, dass in ihrem Territorium Verschwindenlassen nicht stattfindet und sollte es doch passieren, dieses dann strafrechtlich zu ahnden.


Was hat diese Konvention mit den Verschwundenen Menschen auf ihren Flucht- und Migrationsrouten Richtung Europa oder in die USA zu tun? Deren Verschwinden findet nicht durch direktes, unmittelbares Einwirken staatlicher Instanzen statt, wenn sie im Mittelmeer ertrinken. Oder wenn sie auf ihrem Weg durch Mexiko durch Gewaltverbrechen oder tödliche Stürze von der sogenannten Bestia, dem Zug, den die Migrant*innen in Mexiko als Transportmittel nutzen, nicht identifizierbar ums Leben kommen. Oder wenn nicht identifizierbare Skelette in den Wüsten Arizonas gefunden werden. Oder sie von Schutzgelderpressenden Banden in Mexiko oder Nord- oder Ostafrikanischen Ländern oder wo auch immer für Lösegeldzahlungen entführt und danach „verschwunden“ werden. Oder sonstige Verbrechen, die als Ursache für das Verschwinden von fliehenden oder migrierenden Menschen eine Rolle spielen.
Aber da sind die Grenzregime, mithilfe derer die Staaten der Europäischen Union oder die USA, zu verhindern suchen, dass die flüchtenden oder migrierenden Menschen ihre Grenzen überschreiten könnten, dort Zuflucht finden könnten oder Arbeitsperspektiven.


Wissend, dass Tausende im Mittelmeer ertrinken, drängt die Europäische Union durch ihre Grenzsicherungspolitik die Fliehenden und Migrierenden geradezu auf diese Todesrouten. Genauso wie in USA und Mexiko bekannt ist, dass durch die Illegalisierung der Migrant*innen die Wege für die Menschen auf der Flucht immer gefährlicher werden und die Zahlen der ermordeten und verschwundenen Migranten konstant zunehmen.


Das Verschwinden dieser Menschen auf den Flucht- und Migrationswegen ist nicht gleichzusetzen mit dem bewussten Verschwindenlassen, dem aktiven Handeln eines Staates. Und doch rät Michael Windfuhr den Angehörigen Verschwundener, von der Europäischen Union einzufordern, sich darum zu kümmern, dass das Verschwinden von Personen auf einer solchen Route möglichst vermieden werde. Dazu gehöre, so Windfuhr, Schlepperorganisationen zu unterbinden und für die Betroffenen eine effektive Seerettung zu leisten, ebenso wie eine offene, faire und wirkungsvolle Registrierung aller Ankommenden.


Möglicherweise, so Michael Windfuhr, ist das Verschwinden von Flüchtenden eine Unterlassung bestimmter Schutzpflichten von Staaten in Kombination mit einem hohen Problemdruck. Daher seien diese Staaten gefordert, „sehr sensibel zu reagieren und denjenigen wirklich zu helfen, die schutzbedürftig sind und, sollten Personen verschwunden sein, diesem Tatbestand nachzugehen. Wir dürfen trotz hohem Problemdruck durch die Zuwanderung nicht zulassen, dass Rechte einzelner Flüchtlinge einfach missachtet werden und man sie ohne faires Verfahren wieder zurückschiebt. Und Länder zu sicheren Herkunftsländern erklärt werden, die gar keine sind. Der ganze Umgang mit dieser Situation darf nicht dazu führen, dass wir nahelegen, dies wären Menschen 2. Klasse. Die Menschenwürde ist unteilbar. Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist ja grade formuliert worden nach den Gräuel von Nazideutschland, dieser unglaublichen Negation im Grunde von Menschenwürde. Und ich glaube, wir haben als Deutschland, aber auch als Europa, eine ganz besondere Aufgabe, sicherzustellen, dass wir die Menschenwürde ganz besonders achten. Und sie zeigt sie natürlich auch im Umgang mit gefährdeten Migrantengruppen ganz besonders.“


Marta Sanchez Soler, Leiterin der von medico international unterstützten Menschenrechtsorganisation M3, Movimiento Migrante Mesoamericano, der Mesoamerikanischen Migrantenbewegung, in Mexiko organisiert und begleitet Karawanen mittelamerikanischer Mütter auf der Suche nach ihren in Mexiko verschwundenen Angehörigen. Im Dezember 2016 war die Karawane bereits zum 12. Mal unterwegs. Für Marta Sanchez ist das Verschwinden der Menschen auf den Flucht- und Migrationsrouten „ein Problem ohne Lösung.“ Denn, so Marta Sanchez, „die Angehörigen können weder ihr normales Leben fortsetzen, noch mit der Trauer aufhören. Auch wenn es schmerzt, wäre es besser zu wissen, dass die Person tot ist, denn dann kann das eigene Leben fortgeführt werden. Diese Unwissenheit, ob er oder sie morgen auftauchen wird oder nie wieder, ist furchtbar und lähmt und verunmöglicht, ihr eigenes Leben weiter zu führen. Und das mein ich nicht nur in Bezug auf den nicht aufhörenden Schmerz. Wenn zum Beispiel das Haus auf den Namen des Verschwundenen eingetragen ist, kann sie nichts damit machen. Oder auch irgendein anderes Besitztum, ein Stück Vieh, ein Stück Land. Sie kann damit nichts machen. Sie kann weder emotional noch materiell ihr Leben perspektivisch angehen. Witwen können nicht wieder heiraten, auch 20 Jahre nach dem Verschwinden nicht. Der Status des Verschwundenen verunmöglicht ein eigenständiges Überleben."


Diese Situation zu verändern, daran arbeitet Marta Sanchez mit ihrer von medico international unterstützten Organisation M3. Während der Karawanen sind mittlerweile über 250 Verschwundene in Mexiko aufgefunden worden. Oft sind es Angehörige, die schon seit mehr als zwanzig Jahren verschwunden sind. Einfache Menschen, die weder lesen noch schreiben können, die irgendwo als Tagelöhner in Mexiko hängen geblieben sind und nicht imstande waren, die Adressen oder Telefonnummern ihrer Angehörigen ausfindig zu machen. Oder Angehörige, die als Straftäter verurteilt in mexikanischen Gefängnissen aufgefunden wurden. Manchmal unter anderem Namen, da sie ihre eigentliche Identität mit Grenzübertritt abgelegt hatten.
Marta Sanchez befürchtet, dass die Verschwundenen der jüngsten Zeit in irgendwelchen klandestinen Gräbern anonym und namenlos verscharrt sind. Nicht registriert, nicht existent. Sie beschreibt auch, dass es mehr Männer als Frauen sind, die sie finden. Die Frauen, so ihre Annahme, sind vermutlich von international agierenden Menschenhändlern als Sexsklavinnen verschleppt worden, vielleicht an Orte in Russland oder China oder nach New York.


Die Vorbereitung und Durchführung der Karawanen ist mühsam für die über 70Jährige Marta Sanchez und doch ist es ihr nach wie vor ein wichtiges Anliegen. Anfangs seien es ein paar wenige Frauen aus dem Norden von Honduras gewesen, die sich auf die Suche gemacht hatten. „Heute gibt es überall in Zentralamerika Komitees der Angehörigen von Verschwundenen. Die Arbeit mit der Karawane verwandelte die Mütter, die anfangs vor Tränen kaum reden konnten in Menschenrechtsaktivistinnen. Sie haben die Trauer nicht abgelegt, aber es ist heute eine kämpferische Trauer und nicht mehr diese selbstzerstörerische.“


Zur Aufgabe der M3 gehört es, das Thema der Verschwundenen in der Öffentlichkeit präsent zu halten. Im Rahmen der von medico international mitgetragenen Konferenz „Für das Recht auf legale Wege“ Mitte Oktober 2016 in der Heinrich Böll Stiftung in Berlin war Marta Sanchez Podiumsteilnehmerin. Auch aus Italien nahmen die Organisator*innen der bereits mit der M3 vernetzten Gruppe der Carovane Migrante an der Konferenz teil. Auf die Frage, was sie sich für die Zukunft wünsche, zögerte Marta Sanchez nicht lange: eine internationale Karawane, die weltweit das Thema der Verschwundenen aufgreife, vielleicht als Aktionstag an unzähligen Orten.

 

Erika Harzer, Januar 2017

 
 
 
 
 
 

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