Reinaldo Rueda

Berliner Zeitung - Sport v. 28. Mai 2010, Interview von Erika Harzer

Reinaldo Rueda, kolumbianischer Trainer des WM-Teilnehmers Honduras, über Teamgeist, Solidarität und den Fußball in Zeiten des Umsturzes
Nach 28 Jahren Abstinenz hat sich Honduras wieder für eine WM qualifiziert. Sie müssen dort jetzt ein sehr beliebter Mann sein?
Es ist ein großer Erfolg vom fußballerischen Aspekt aus betrachtet, aber noch viel mehr, wenn man sieht, was dieser Erfolg für das soziale Leben in Honduras gebracht hat. Die Nationalelf wurde zu einem wichtigen Bezugspunkt für Respekt, Glaubwürdigkeit und für das Zusammengehörigkeitsgefühl des Landes.


Wie haben Sie in nur drei Jahren den honduranischen Fußball verändern können?
Ich musste vor allem Erklärungen dafür finden, warum Honduras trotz des vorhandenen fußballerischen Potenzials sich nicht für die letzten Weltmeisterschaften qualifizieren konnte. Es ging darum, Prozesse anzuschieben, die sowohl die Funktionäre als auch die Spieler betrafen. Das war nicht einfach, vor allem auch dadurch, dass fünf bis sechs Spieler im Ausland spielen. Diese Spieler reisen zwischen den Fußballwelten.


War die größere Herausforderung die Arbeit mit den Spielern oder die mit den Funktionären?
Eher der administrative Bereich. Man trifft hier überall auf Lücken, auf Schwierigkeiten, auf Defizite.


Was war fußballerisch gesehen das größte Problem?
Das Inpidualistische herrscht sehr vor, der Fußball braucht aber das Kollektive, den Teamgeist. Honduras brachte in der Vergangenheit ein paar Stars hervor, aber es fehlte und fehlt noch immer der Solidaritätsgedanke, der es ermöglicht, ein großes Team zu bilden.


Als Honduras sich qualifizierte, befand sich das Land nach dem Sturz von Präsident Manuel Zelaya in einer tiefen politischen Krise. Wie hat sich das ausgewirkt?
Wir wollten der Nationalmannschaft die Rolle eines sozialen Bindeglieds geben. Sie übernahm die Rolle des Katalysators, der half, Luft abzulassen. Familien waren gespalten, Geschwister hatten unterschiedliche politische Standpunkte. Der Ehemann stand auf der einen Seite, die Ehefrau auf der anderen. Paare trennten sich aufgrund der politischen Differenzen. Ich glaube, dass die Selección zur Annäherung beitrug.


Beeinflusste diese Situation auch die Arbeit mit den Spielern?
Logischerweise gibt es in so einer Gruppe unterschiedliche Tendenzen, das gehört zur politischen Pluralität einer Gesellschaft. Wichtig war uns, dass sie sich gegenseitig respektieren. Ich glaube, die Jungs haben das begriffen. Sie spielten danach mit großem Engagement, mit viel Seele, was für das Land ganz wichtig war.


Werden Sie nach Südafrika Nationaltrainer in Honduras bleiben?
Die Motivation ist vorhanden. Und der Erfolg der Projekte ist offensichtlich. Honduras schaffte vier Qualifikationen, die WM der U17 und der U20, die Olympischen Spiele und die WM 2010. Das lässt einen davon träumen, weiter in diese Arbeit zu investieren. Aber dazu braucht es bessere Bedingungen. Die WM wird wegweisend für eine positive Stimmung sein.


Wie schwierig ist es, den in Honduras üblichen langsamen Fußball mit dem schnellen Stil zu verbinden, den die Spieler aus den europäischen Ligen mitbringen?
Die Mannschaft braucht diese Erfahrungen, die aber nur nützlich sind, wenn sie sich mit dem hiesigen Spiel verbinden lassen. Die Spieler der hiesigen Liga können den europäischen Stil nicht übernehmen, das ist nicht ihr Alltag. Das Team muss mit diesen Unterschieden zusammenwachsen, muss harmonieren. Sowohl strategisch wie auch technisch muss das inpiduelle Können zu einer kollektiven Spieltechnik führen.


Die Fußballbesessenheit in Honduras ist groß, vor allem auch bei Kindern und Jugendlichen? Müsste da nicht mehr getan werden?

Zweifelsohne. Es gibt kaum ausgebildete Fußballlehrer, es fehlen Plätze und Turniere. Die Talente sind überall vorhanden. Es ist eine Frage des Wollens, der Leidenschaft für den Fußball. Hier entwickeln sich die Spieler nur sehr langsam, im Vergleich zu anderen Ländern mit Fußballkultur, in denen es bessere Voraussetzungen gibt. Das wäre eine soziale Investition, die seitens der Regierung mit Hilfe des Fußballverbands erfolgen sollte, damit sich letztlich weniger Kinder den Jugendbanden anschließen oder Drogen konsumieren.


Erwarten Sie, dass sich durch die WM-Teilnahme etwas ändert?
Die WM-Teilnahme ist ein großer Gewinn für den honduranischen Fußball. Es wäre fatal und traurig, wenn das, was sie an Chancen bietet, nicht genutzt würde.


Werden Sie in Südafrika über die Vorrunde hinauskommen?
Wir müssen mit dem nötigen Hunger zur WM fahren, voller Ambitionen, der notwendigen Bescheidenheit und voller Teamgeist. Chile ist ein hervorragendes Team, Spanien gilt als möglicher Weltmeister und die Schweizer werden auch ihre Spur hinterlassen wollen. Es ist für Honduras eine sehr schwierige Gruppe.

 

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