Bertha OlivaBerliner Zeitung v. 31. Mai 2010 von Erika Harzer

Seit 30 Jahren setzt sich Bertha Oliva in Honduras für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen ein
TEGUCIGALPA. Drückende Schwüle liegt über Tegucigalpa. Alle Welt wünscht den Regen herbei, der zumindest ein kurzes Durchatmen zuließe. Aber der lässt sich Zeit, wie so vieles in Honduras. Und so treibt die stinkende Luft, die sich wie unter einer Käseglocke über der Stadt festgesetzt hat, den Schweiß aus allen Poren. Die Straßenverkäuferinnen versuchen mit Tüchern, sich ein bisschen frische Luft zuzuwedeln, und wirbeln doch nur die Abgase und die Abfallgerüche durcheinander.

In den kleinen Souvenirläden mit ihren Handarbeiten aus der Region ist nicht viel los. Touristen kommen hier nur noch selten vorbei, zu hoch ist das Risiko, überfallen und ausgeraubt zu werden. Landesweit wurden in Honduras im vergangenen Jahr annähernd 5 300 Morde registriert, und das bei nur 7,5 Millionen Einwohnern. Viele der Ermordeten waren wohl nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

Mit Gewalt in Honduras und ihren Verursachern befasst sich seit drei Jahrzehnten auch Bertha Oliva. Das von ihr mitbegründete Komitee der Familienangehörigen von Verschwundenen und Inhaftierten in Honduras - abgekürzt Cofadeh - residiert hier in der Avenida Cervantes in einem zweistöckigen Gebäude zwischen einem Kitschladen und einer Schule. "Doña Bertha", wie die 54-Jährige respektvoll genannt wird, hat ihr Büro im Obergeschoss. Tür und Fenster stehen offen, um ein wenig frische Luft hereinzulassen, denn die Klimaanlage funktioniert nicht. Statt ihres Brummens erfüllt heftiger Verkehrslärm den Raum.

Bertha Oliva war noch eine junge Frau, als sie sich dem Kampf für die Menschenrechte in ihrer Heimat verschrieb. Die Bauerntochter, fünftes von insgesamt sechzehn Geschwistern, hatte ihre Kindheit auf einem Hof in Olancho im Osten von Honduras verbracht, wo die Eltern Rinder züchteten und Kaffee anbauten. Für eine gute Schulausbildung kam sie in die Hauptstadt Tegucigalpa, wurde Buchhalterin, nahm ein Journalismusstudium auf. Sie verliebte sich in Professor Tomas Nativí, der bekannt war als Aktivist in sozialen Bewegungen, beide heirateten, sie erwarteten ein Kind. Dann kam der Tag, der das Leben von Bertha Oliva für immer veränderte: Ihr Mann verschwand.

"Trotz der Bedrohungen und Verfolgungen suchte ich Tomas überall, selbst auf Friedhöfen und in Leichenschauhäusern. Ich suchte ihn auch an den Orten, die wir heute als heimliche Friedhöfe der bleiernen Zeit kennen", erinnert sich Bertha an das unselige Jahr 1982. Honduras diente als zentrale Basis für die Aufstandsbekämpfung in ganz Mittelamerika, mit massiver Repression, mit Folter und Exekutionen erstickte das Militär jegliche Opposition bereits im Keim. Als Bertha Oliva ihr Kind zur Welt brachte, nannte sie im Krankenhaus aus Sicherheitsgründen einen falschen Namen. Doch einschüchtern ließ sie sich nicht. Gemeinsam mit den Angehörigen von elf weiteren Verschwundenen schloss sie sich im Cofadeh zusammen.

Heute ist sie seine Direktorin, und das Cofadeh ist zur Anlaufstelle für viele geworden, die Hilfe brauchen. Zum Beispiel für die Kleinbauern in Bajo Aguan, die Bertha Oliva schon seit langer Zeit in Organisationsfragen berät: Im Zuge einer in den 1990er Jahren erlassenen Agrarreform sollten mehrere tausend Hektar Land in der fruchtbaren Region an der Nordküste an die Bauern aufgeteilt werden. Doch die zuständige Stadtverwaltung hat etliche der Landtitel an Großgrundbesitzer verkauft. Nun haben die Bauern die Ländereien besetzt, um Druck zu machen. Und Bertha Oliva schreibt für sie einen Brief an die UN-Menschenrechtskommission, um auf den Konflikt aufmerksam zu machen.
Maximal 350 Hektar Land darf eine natürliche Person in Honduras nach dem Gesetz besitzen. Miguel Facussé, einem der einflussreichsten Unternehmer des Landes, gehören mehrere tausend Hektar - direkt oder über Mittelsmänner, auch in Bajo Aguan. Dort haben Armee und Polizei mehr als zweitausend Mann zusammengezogen. Um den in der Region ausufernden Waffen- und Drogenhandel und die organisierte Kriminalität zu bekämpfen, sagt die Regierung. Die Bauern aber berichten von Durchsuchungen ihrer Häuser, willkürlichen Festnahmen und permanenter Einschüchterung.

Bertha Oliva spricht von Staatsterrorismus. "Jederzeit muss damit gerechnet werden, dass diese Einheiten die Landarbeiter-Kooperativen mit Gewalt räumen könnten", sagt sie. Schon zu oft hat sie erlebt, dass Recht und Gesetz keine Rolle spielten, wenn große wirtschaftliche und politische Interessen berührt waren. "Und wenn es dabei Tote gibt, dann stört das die Verantwortlichen auch nicht wirklich."
Lange Zeit hatte sich die Menschenrechtsorganisation vor allem um die Verschwundenen der 1980er Jahre gekümmert. Ihre Fotos dominierten bis vor knapp einem Jahr den Eingangsbereich des Gebäudes. Cofadeh drängte auf Aufklärung, forderte die Bestrafung der Täter. Dann kam der Juni 2009 mit dem Putsch der Unternehmerverbände und des Militärs gegen den linksliberalen Präsidenten José Manuel Zelaya. Heute stehen im Foyer Plakate, die die Todesopfer der letzten Monate zeigen: Lehrerinnen, Gewerkschafter, Schüler, die im Widerstand gegen den Putsch umkamen. Sie wurden bei Demonstrationen erschossen, erstickten im Tränengas, einige von ihnen wurden regelrecht hingerichtet, vermutlich von Auftragskillern.

Viele Namen der Verantwortlichen sind Bertha Oliva seit langem vertraut. Es sind Militärs, die schon an Verbrechen der 1980er Jahre beteiligt waren. Doch ihre Taten wurden juristisch nie geahndet. Und mehr als 25 Jahre später ziehen sie erneut die Fäden, wenn es darum geht, aufkommenden Widerstand zu unterdrücken. Binnen weniger Wochen wurden in Honduras fünf Journalisten umgebracht. An eine Bestrafung der wirklich Verantwortlichen ist nicht zu denken: So wurde der Oberkommandierende der Streitkräfte, General Romero Vasquez Velasquez, zwar vorzeitig in den Ruhestand verabschiedet - aber nur damit er den begehrten Chefposten bei der staatlichen Telefongesellschaft Hondutel übernehmen konnte. Der von den Putschisten zum Staatschef ausgerufene Roberto Micheletti ließ sich zum Abgeordneten auf Lebenszeit ernennen. Damit genießt er die parlamentarische Immunität.

"Die Situation ist äußerst angespannt. Es gibt keine funktionierenden rechtsstaatlichen Institutionen, und das internationale Interesse an den Entwicklungen in unserem Land sinkt", resümiert Bertha Oliva die Lage seit der Machtübernahme durch den konservativen Präsidenten Porfirio Lobo. Sie ist in Eile, der nächsten Termin wartet, sie will mit anderen Menschenrechtsorganisationen die weiteren Schutzmaßnahmen für Bajo Aguan abstimmen. Hätte sie bei einem solchen Arbeitspensum nicht dringend Ruhemomente nötig? Ein Lachen ist die Antwort: "Vielleicht im nächsten Leben."



Zurück zur alten Ordnung
Zentralamerika war in den 1970er- und 80er-Jahren Schauplatz heftiger sozialer Kämpfe. In Nicaragua stürzten die Sandinisten die Somoza-Diktatur, auch in El Salvador und Guatemala entstanden starke Guerillabewegungen.

Nur in Honduras wurde der aufkeimende Widerstand vom Militär im Ansatz erstickt.

Konservative und liberale Politiker lösten einander an der Macht ab. Erst der 2005 gewählte linksliberale Präsident Manuel Zelaya leitete soziale Reformen ein. Er hob den Mindestlohn an, unterstützte Kleinbauern und beschränkte die Macht der Banken. Im Juni 2009 putschten die Unternehmerverbände mit Unterstützung des Militärs gegen ihn.

Die neuen Machthaber riefen Parlamentschef Roberto Micheletti zum Übergangspräsidenten aus. Vom Ausland wurde er nicht anerkannt.

Im November 2009 fanden Wahlen statt, die von der Opposition boykottiert wurden. Es siegte der konservative Kandidat Porfirio Lobo. Im Januar trat er das Präsidentenamt an.

 

© Berliner Zeitung

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