Militärs auf den Strassen in Honduras [2009]

Berliner Zeitung - 28. Oktober 2009 von Erika Harzer

Nach dem Staatsstreich in Honduras werden Gegner der Putschisten unterdrückt. Für alle anderen geht das Leben weiter

 

TEGUCIGALPA. "Abierto" - "geöffnet" steht weithin sichtbar auf ein paar Sperrholzplatten geschrieben. Ohne diesen Hinweis würde wohl niemand auf die Idee kommen, dass hinter dieser Holzfassade ein Luxusmöbelgeschäft versucht, seine Ware an die Kunden zu bringen. Auch die Tankstelle gegenüber ist verbarrikadiert.

Die Tankstelle und das Möbelgeschäft liegen an der Avenida La Paz, der Allee des Friedens, einer stark befahrenen Zufahrtsstraße zum Zentrum von Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras. Nicht weit entfernt ist auch die brasilianische Botschaft, der Ort, an dem sich seit Mitte September der eigentliche, der gewählte und von Militärs Ende Juni aus dem Amt geputschte Präsident José Manuel Zelaya aufhält.

{gallery}resistencia{/gallery}

Betonblöcke versperren den Weg dorthin, abgesichert mit tragbaren Maschendrahtgestellen, mit auf dem Boden verlegten Holzleisten, die mit Nägeln gespickt sind. Dahinter und dazwischen bewegen sich behelmte und mit kugelsicheren Westen ausgestattete, schwer bewaffnete Militärs und Polizisten.

Diese sogenannten Sicherheitsorgane sind überall im Land präsent. Sie sorgen vor allem für die Sicherheit der Putschregierung von Roberto Michelettin. Und was sie sonst noch machen, das hat jetzt die honduranische Menschenrechtsorganisation "Komitee der Familienangehörigen der Verhafteten und Verschwundenen" publik gemacht. Bis Mitte Oktober, so das Komitee, seien Polizei und Armee für mehr als 4 200 Fälle von Menschenrechtsverletzungen verantwortlich gewesen.

Tote und Verhaftete

21 Tote sind vom Komitee registriert worden, die Opfer sind alle durch Schussverletzungen oder durch eine überhöhte Dosis von Tränengas gestorben. Mehr als 3 000 Personen sind im Verlauf von Demonstrationen oder während der Ausgangssperre verhaftet worden. Viele der Verhafteten wurden brutal verprügelt und weit über hundert seien von der Polizei gefoltert worden, so das Komitee.

In den Zeugenaussagen, die dem Komitee von Anwälten übermittelt wurden, tauchen auch viele sexuelle Übergriffe gegenüber festgenommenen Frauen auf. Illegale Hausdurchsuchungen, Angriffe auf Journalisten, Schließung von Radiostationen und die Beschlagnahmung der technischen Ausstattung dieser Stationen gehören ebenso zum Repertoire der Menschenrechtsverletzungen, wie wiederholte Todesdrohungen gegenüber Personen und die versuchte Einschüchterung von Anführern sozialer Organisationen.

Sarah Avila wohnt ihn einem der Armenviertel der Hauptstadt, an der Ausfallstraße nach Norden, in dem viele von Tortilla mit Salz leben, wie Sarah Avila sagt. Ihr Mann ist Lastwagenfahrer. Vor dem Putsch hatte er im Durchschnitt zwei Fahrten die Woche, jetzt nur noch eine im Monat. Das Geld wird langsam knapp.

In Carrizal beteiligen sich viele der Bewohner an den Kundgebungen gegen den Putsch, an Demonstrationen für die Wiedereinsetzung des Präsidenten Zelaya, der "sich auch um Leute wie uns gekümmert hat und der den Mindestlohn angehoben hat und dank dem ich nochmal eine Schulausbildung machen kann, weil er das Schulgeld gestrichen hat", wie Sarah Avila sagt.

Unruhig wandern Sarahs große Augen hin und her. "Vor Kurzem kamen ein paar Männer in mein Wohnviertel und fragten ein paar Jungs, die sie auf der Straße antrafen, wer hier zum Widerstand gehört. Woher sollten sie das wissen, antworteten die Jungs, das interessiert sie nicht. Dann fragten die weiter, ob sie Sarah kennen würden. Sie fragten nach mir!" Seitdem hat sie Angst, dass die Männer zurück kommen und sie holen.

Mitte September, in der Nacht, als José Manuel Zelaya heimlich nach Honduras zurückgekehrt war, stand Sarah Avila zusammen mit Hunderten von Menschen vor der brasilianischen Botschaft, um ihrem Präsidenten etwas Hoffnung zu geben. Auch sie selbst war voller Hoffnung, dass diesem Putsch ein baldiges Ende gesetzt würde. Dann kamen die Polizisten, drängten mit Tränengas und ihren fast körperlangen Schlagstöcken die Menge auseinander. Sarah Avila lief in die Botschaft, die sie erst einen Tag später in Begleitung der Menschenrechtsbeauftragten des Innenministeriums verlassen konnte. "Dabei wurde ich registriert. Seither passieren komische Sachen vor meinem Haus. Motorradfahrer bleiben stehen, beobachten mich." Ihren kleinen Sohn hat Sarah bei Verwandten untergebracht, ihm soll nichts zustoßen.

"Fuera golpistas" - weg mit den Putschisten, an Hauswänden, Wellblechzäunen, an privaten oder öffentlichen Gebäuden, überall in der Stadt, stehen sie geschrieben, die Parolen gegen den Putsch und die Verantwortlichen. Ansonsten scheint das Leben in Honduras einfach weiterzugehen. Die Straßen sind voll mit stinkenden, alten Autos, die sich mit den neuesten BMWs, Hummers und Mercedes- Geländewagen um jeden Zentimeter Straße streiten. In den Malls, den riesigen Einkaufszentren der Wohlhabenden, wird die neueste Mode angepriesen. Nach 26 Jahren qualifiziert sich die Nationalelf zum zweiten Mal für eine Fußballweltmeisterschaft und erfüllt damit den honduranischen Traum von einer großen Fußballnation. Für viele ist der Fußball wichtiger als der Putsch. Auch darauf baut die neue Regierung, die immer stärker wird, je mehr sich die Menschen an die neue Lage gewöhnen.

Der Taxifahrer beschwert sich in seinem klapprigen Toyota Corolla darüber, dass nur zwei Fußballspieler sich den neuen Machthabern verweigert hätten. Aber das läge daran, dass die Putschisten so mächtig und so reich seien. Der Fahrer ist schwer zu verstehen, er redet gegen hupende Autos an, gegen Straßenmusik und gegen eine Stimme aus dem Autoradio, die vor einer möglichen Wahl ohne vorherige Wiedereinsetzung des rechtmäßigen Präsidenten und der damit entsprechenden verfassungsmäßigen Ordnung warnt.

Einen Tag nach Ankunft der UN-Menschenrechtsdelegation am 18. Oktober ist Radio Globo nach gut drei Wochen Sendeverbot wieder an den Start gegangen, allerdings ohne die gleichzeitige Rückgabe der beschlagnahmten Studioausstattung. Ob und wann er sie erhalten würde, vermag der Eigentümer Alejandro Villatoro nicht zu sagen. Umso beeindruckender ist es, wie sein Team sich all diesen Repressionen bis heute widersetzen konnte. Als ihre Frequenzen gesperrt wurden, haben sie über andere Frequenzen gesendet, manchmal auch nur über das Internet. Unermüdlich suchen sie Wege, der medialen Übermacht der Radio- und Fernsehstationen und Tageszeitungen der am Putsch beteiligten Eigentümer zu begegnen. Radio Globo versucht, der Widerstandsbewegung eine Stimme zu geben.

Die Zeit bis zur angesetzten Wahl am 29. November verrinnt, ohne das bisher die Forderung der internationalen Staatengemeinschaft nach einer Wiedereinsetzung Zelayas erfüllt wurde. Tagelang war das Hotel Clarion, in dem die Verhandlungen stattfanden, belagert von Journalisten, die alle auf ein Ergebnis der Verhandlungsdelegationen warteten. Darauf, dass die Ausnahmesituation in Honduras endlich beendet wird.

Laute Militärmusik

Stattdessen gab es eine Posse zu besichtigen, die ihresgleichen sucht. Zelayas geforderte Frist der Wiedereinsetzung spätestens am 15. Oktober, um noch eine transparente und demokratische Wahl gewährleisten zu können, wurde wieder und wieder hinausgeschoben, bis dann am 19. Oktober die Gesprächsrunde ausgesetzt wurde.

Am späten Nachmittag des 20. Oktobers zogen starke Militärkräfte an der brasilianischen Botschaft auf. Und es begann ein Psychoterror, der wohl die Gegner der Putschisten zermürben sollte. Extrem laute Militärmusik wurde gespielt, hin und wieder waren Schüsse zu hören. Diese Demonstration der Macht begründete der Oberkommandierende der Streitkräfte, General Vasquez Velasquez, später damit, dass dieser Tag der Feiertag der Militärs sei, den sie nun mal zelebrieren würden.

Die Lösung des honduranischen Konflikts scheint mit jedem Tag unmöglicher zu werden. Die Putschregierung unter Roberto Micheletti setzt alles daran, Zeit zu gewinnen, koste es, was es wolle. Ob mit oder ohne offiziell verkündetem Ausnahmezustand, ob mit oder ohne internationale Anerkennung. Micheletti regiert und hat die faktische Macht und nur das scheint für die Putschisten entscheidend zu sein.

So lange dieser Machtkampf andauert, werden die Läden an der Avenida La Paz verbarrikadiert bleiben. Und ein Mann, der einmal Präsident dieses Landes war, wird in der abgesperrten brasilianischen Botschaft sitzen bleiben und machtlos zuschauen, was seinem Volk und ihm selbst widerfährt.

------------------------------

Ein politischer Mord?

Ein Neffe des umstrittenen Übergangspräsidenten Roberto Micheletti ist getötet worden. Seine Leiche wurde am Sonntag in der Nähe von Choloma, rund 250 Kilometer nördlich der Hauptstadt Tegucigalpa, entdeckt, teilte das Innenministerium mit.

Die Behörden schließen nicht aus, dass der 25-Jährige aus politischen Gründen umgebracht wurde. Roberto Micheletti bekräftigte im Radio, er sei bereit, Frieden zu schaffen und auf sein Amt zu verzichten. Aber nur , wenn auch Zelaya abtritt.

Eine US-Delegation mit hochrangigen Diplomaten wird jetzt erstmals seit dem Umsturz zu Vermittlungsgesprächen mit den Konfliktparteien nach Tegucigalpa reisen. Das teilte das amerikanische Außenministerium gestern in Washington mit.

 

© Berliner Zeitung

Zum Seitenanfang