Und wohin gehen wir jetzt? Am Kottbusser Tor beginnt der inoffizielle Teil des SportaustauschprogrammsBerliner Zeitung - 12. Oktober 2010als radiofeature: WDR5 Neugier genügt - 14. Dezember 2010, dRadio v. 12. November 2010von Erika Harzer

Jerusalem trifft Kreuzberg

Berlin - In einem Wirrwarr von Namen und Sprachen suchen und finden sich Anisa, Svetlana, Lihi, Momo, Karla, Avia, Asia, Gizem, Noga oder Toya, Ludmilla, Lara, Rina, Lada, Paulin oder Helen.
Sie schmieden Pläne für den Abend, verabreden sich mit den Freundinnen am Körnerladen am Kotti oder zum Sonnenuntergang am Engelbecken und später auch irgendwo auf ein Bier.

So einfach ist das nach einer guten Ballannahme, einem geglückten Zusammenspiel, einem schnellen Lächeln beim gemeinsamen Training, während die Schatten der Spielerinnen im Flutlicht immer länger werden.

Alle zusammen haben sie sich zum ersten Mal dort getroffen, wo donnerstags immer die Frauen und Mädchen von Türkiyemspor Berlin spielen, auf dem Kunstrasenplatz in der Kreuzberger Blücherstraße, mit Blick auf die Kirche am Südstern. Berlin trifft Jerusalem, so könnte diese Szene betitelt werden. Der Landessportbund Berlin (LSB) nennt es: Sportaustauschprogramm Berlin – Jerusalem. Das gibt es schon seit 1969, es wird getragen vom LSB und der Abteilung Sport und Internationale Beziehungen der Jerusalemer Stadtverwaltung.

Sympathie gegen Politik
Diesen Herbst sollten Fußballmädchen etwas von dem Programm haben. Dafür gab es in Jerusalem allerdings gar kein Team. Also wurden über Ausschreibungen an Schulen fußballbegeisterte Mädchen gesucht. Zahlenmäßig stellen jüdische Mädchen nun die größte Gruppe, ein paar sind palästinensische Muslimas, eine ist palästinensische Christin, dann gibt es noch einige halbjüdische Russinnen, deren Familien nach Israel eingewandert sind. Als Berliner Gastteam wurde Türkiyemspor ausgewählt. Der Kreuzberger Verein habe viel Erfahrung mit zusammengesetzten Gruppen und gerade die Jugendmädchenabteilung leiste hervorragende Arbeit. Das sagt Dietrich Dolgner, der für den LSB den Austausch organisiert, über diese Wahl.

So kommt es, dass die Jerusalemer Mädchen zwei der insgesamt zwölf Nächte in Berlin in deutschen oder türkischen, libanesischen oder polnischen, arabischen oder binationalen Familien, mit muslimischem, alevitischem, sunnitischem, christlichem oder atheistischem Background verbringen. Wer mit wem zu wem geht, das sollen sie nach dem gemeinsamen Training selbst entscheiden, als sie verschwitzt im Pulk dastehen. Schnell ziehen sich die ersten gegenseitig aus dem Kreis der Unentschlossenen, sagen sich in Englisch oder Arabisch „Ich will mit dir...“ oder gestikulieren, wenn die Sprache nicht ausreicht.

Jessika hingegen debattiert immer noch mit Mädchen aus beiden Teams, abwechselnd auf Englisch und Deutsch. Ihre langen lockigen Haare sind hochgesteckt und mit einem blauem Band zurückgehalten, so wie immer beim Training, die 18-Jährige mit den dunklen Augen trägt noch ihr rotes Torfrautrikot. Jessika braucht eine Lösung, bei ihr ging die Sympathie-Wahl schief. Sie kann ihr Wunschmädchen nicht mitnehmen. Ihre Familie hat libanesische Wurzeln, die Großeltern mussten aus Palästina fliehen. Ein jüdisches Mädchen soll nicht zu ihnen kommen – nicht wegen der eigenen Geschichte und auch nicht wegen der arabischen Nachbarn. Und Jessika fand Noga so sympathisch! Doch Noga mit den feinen, ordentlich in der Mitte gescheitelten langen brauen Haaren ist jüdisch und muss sich eine andere Gastfamilie suchen. Sie könne das verstehen, es habe sie auch nicht verletzt, sagt die 17-Jährige, schließlich hätten Jessikas Großeltern ihre Heimat wegen der Israelis verlassen müssen. Noga wirkt sehr ernst in diesem Moment, sehr erwachsen mit ihrem eigentlich so jugendlichen, leicht sommersprossigen Gesicht. Es sei dieses palästinensisch-israelische Problem, auf das sie auch in Berlin treffe, überlegt sie laut: Die Politik werde wohl, ohne dass sie es wollten, ein ständiger Begleiter in ihrem Austausch bleiben. Und gerade das mache ihn ja so wichtig. Später sagt Noga dann, dass es eine Chance gewesen wäre, wenn sie den Eltern von Jessika hätte zeigen können, dass es auch in Israel Menschen gibt, die sich für den Frieden einsetzen.

Durch Türkiyemspor als gastgebendes Partnerteam kommen weitere aktuelle Konflikte automatisch auf die Tagesordnung. So die angespannte Situation zwischen der Türkei und Israel. Für einige der jüdischen Mädchen fordern deren Eltern, sie dürften auf keinen Fall in türkischen Familien untergebracht werden. „Es war nicht einfach, allen Wünschen gerecht zu werden, aber letztlich ging es“, sagt Giovanna Krüger. Sie ist Betreuerin bei Türkiyemspor, kümmert sich ehrenamtlich um die vielen Probleme, die die Mädchen außerhalb der Trainings- und Spielzeiten bewegen. Und sie sorgte für die Bewerbung ihres Vereins als Gastgeberteam für das Jerusalemer Mädchenteam. Neue Erfahrungen erhofft sie sich dadurch für ihre Mädchen, trotz der Bedenken vieler Eltern und langer Diskussionen.

Täglich sind die Mädchen unterwegs. Sie besuchen das Jüdische Museum, die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Sachsenhausen, das Haus der Wannseekonferenz, sie laufen durch das Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals in Berlins Mitte. Durch die Zusammensetzung der Gruppen gehört auch ein Einblick in die Zentren des türkischen und des arabischen Lebens zum Besuchsprogramm. Muslimische Neuköllner Stadtteilmütter erzählen den Mädchen bei einem Stadtspaziergang beispielsweise ein paar Geschichten aus diesem Bezirk mit seinen Menschen aus über 150 Nationen.

Sie besuchen Moscheen und Synagogen. Und das Jugendzentrum Karame. Dort erzählt ihnen der Leiter von seiner Arbeit mit arabischen Kindern und Jugendlichen, von den Schwierigkeiten, auf die diese in Berliner Schulen stoßen. Wenn dort über den Holocaust geredet wird, und über die Gründung Israels nach Ende des Zweiten Weltkrieges, aber nichts darüber, was mit den Palästinensern seither passiert. Daran entzündet sich, wie zu erwarten war, eine explosive Diskussion. Ein jüdisches Mädchen fühlt sich angegriffen und sagt, im heutigen Israel würden keine Menschen mehr umgebracht werden. Daraufhin vergleicht ein palästinensisches Mädchen den heutigen Konflikt mit dem Holocaust. Ein vielstimmiges Geschrei folgt. Die Betreuer schaffen es mit vereinten Kräften, die Politik aus der Debatte zu verbannen. Und beim abendlichen Bowling konkurrieren wieder ganz normale Teenager kichernd miteinander um die größte Anzahl umgekippter Kegel.

Sie müssten viel mehr Zeit haben, über diese Themen reden zu können, sagt Giovanna Krüger. Und meint damit: Monate, Jahre über diesen Besuch hinaus. Der ist nur ein erster Schritt, geformt aus vielen klitzekleinen Erlebnissen, die vielleicht den Vorhang öffnen und den Blick in die Welt der Anderen zulassen.

Noga hat sich für den Austausch beworben, weil sie leidenschaftlich gerne Fußball spielt. Schon mit fünf Jahren habe sie damit angefangen und auch schon dem Nationalteam angehört, erzählt sie allen, die sie auf ihre perfekten Tricks ansprechen. Wie es weitergehen wird mit ihr und Fußball, weiß Noga noch nicht. Nächsten Sommer macht sie Abitur, danach wird sie erstmal den Militärdienst leisten müssen. In der Gruppe ist sie unersetzlich. Neben ihrer Landessprache Hebräisch spricht Noga fließend Englisch und Arabisch und wird so schnell zur Übersetzerin für viele Mädchen im Team. Das macht sie mit einer derartigen Professionalität, als ob sie schon seit Jahren damit ihren Lebensunterhalt verdienen würde.

Auch Jessika wird 2011 ihr Abitur machen, da muss der Fußball wohl ein bisschen in den Hintergrund rücken. Sie isterst vor wenigen Jahren durch eine Freundin zu Türkiyemspor gekommen und konnte schnell die Position der Torfrau übernehmen. Der Teamgeist sei ihr absolut wichtig, sagt sie und nickt dabei überzeugend. Das sei wie tiefe Freundschaft – und wenn man dieses Füreinander-Dasein nicht habe, würde es auch keinen Sinn machen, gemeinsam etwas zu unternehmen. Jessika redet schnell, wenn ihr ein Thema wichtig ist. So wie dieser Austausch und die Mädchen aus Jerusalem. Einmal sprechen sie darüber, welche Rolle der Mädchenfußball in ihren Ländern hat. Eine sehr geringe, erzählen die Jerusalemerinnen, und dass fußballspielende Mädchen noch immer schief angeguckt würden. Auch da ist Jessika schnell dabei, appelliert an die Gastmädchen, sie sollten selbstbewusst als Fußballerinnen auftreten und doch bitte alles dafür tun, um mit ihrem gemischten Team weiterzumachen. Schließlich hätten sie es bei Türkiyemspor Berlin auch geschafft, miteinander ein Team zu bilden, egal ob die Mädchen Türkinnen, Kurdinnen, Deutsche, Palästinenserinnen oder woher auch immer seien.

Beim gemeinsamen Training und dem Fußballturnier, an dem es wie aus Kübeln gießt, verwischen sich alle sonstigen Grenzen. Da albern dann Teenager unterschiedlichster Nationalitäten und Religionen miteinander, zeigen sich Tanzbewegungen, singen ihre Musik, zeigen sich Handyfotos und genießen einfach ihre gemeinsame Zeit.

Es ist Ende September, eine Zeit, in der viele Politiker hierzulande die Integration als gescheitert erklären. In einer kleinen Kreuzberger Galerie versammeln sich beide Gruppen noch mal zur Auswertungsrunde. Ein Mädchen hat eine Trainingsjacke von Türkiyemspor übergeworfen, auf dem Vereinswappen trifft im blauen Kreis die türkische Fahne auf den Berliner Bär. Die meisten sitzen auf dem Fußboden, einige eng aneinandergeschmiegt, Händchen haltend.

Alle Nationalitäten zusammen
Was ihnen gefehlt und was ihnen gefallen habe, werden sie gefragt. Jessika beginnt: Für sie sei es sehr interessant gewesen, sie sei glücklich darüber, mitgemacht zu haben und sie habe jede Minute genossen. Dann folgen die kritischen Äußerungen. Nur zwei Nächte bei Gastfamilien seien zu wenig gewesen und der Fußball sei zu kurz gekommen, es hätten viel mehr Spiele stattfinden sollen, darin sind sich alle einig. Einige finden, die Politik habe gestört, habe nur Unruhe geschaffen und die Annäherung gefährdet. Und ein Jerusalemer Mädchen erzählt freudig überrascht davon, dass sie nie gedacht hätte, so intensiven Kontakt zu arabischen oder auch den ihr unbekannten deutschen Mädchen aufzunehmen, wie sie es jetzt gemacht habe.

In der Gruppe sitzt auch Murat Dogan. Er ist Mitbegründer von Türkiyemspor und heutiger Trainer der Frauen und B-Mädchen. Er sei anfangs sehr, sehr skeptisch gewesen bei dem Gedanken, diesen Austausch zu machen, sagt er. Weil er dachte, das könnte viel zu viel Unruhe in die Teams und auch in den Verein bringen. Jetzt strahlt er zufrieden in die Runde. Seit der Gründung der Mädchenabteilung von Türkiyemspor arbeite er mit seinen meist ehrenamtlichen Mitstreitern daran, „dass wir im Kiez unsere Mädchen zusammen bringen, also die deutschen, türkischen und die anderen Nationalitäten“. Dafür ist die Abteilung schon mehrfach ausgezeichnet worden. Und nun steht ihnen eine neue Herausforderung ins Haus, mit dem Titel: „Nächstes Jahr in Jerusalem“.

 

© Berliner Zeitung

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