Carlos DelorenzoRheinische Post - 26. November 2011 von Erika Harzer

Carlos Delorenzo liebt Stempel

Und er lebt von ihnen. Gut geordnet stehen mehrere Dutzend auf seiner Verkaufstheke, verdeckt von Landkarten, Reiseführern oder Postkarten.
Die Wände um ihn sind behangen mit Urkunden, alten Fotos von Seefahrern und Tauchern, Landkarten, Plakaten und Zeitungsausschnitten.

Vor ihm drängeln sich Menschen, die die unterschiedlichsten Sprachen sprechen und ihm den Reisepass hinhalten.

Für 20 argentinische Pesos, umgerechnet vier Euro, verewigt Delorenzo mal lächelnd, mal mit der Routine eines in die Jahre gekommenen Beamten in den Pässen aus aller Welt den Besuch am Ende der Welt. Delorenzos Andenkenbude steht auf einem verbreiterten Holzsteg im Wasser. Vor der Bude steht ein Briefkasten, darüber ein Rettungsring und darüber das Schild der argentinischen Post.

Innerhalb des Nationalparks von Feuerland hätte Delorenzo sein Geschäft nicht betreiben dürfen, dafür gibt es keine Erlaubnis. Deshalb steht er über dem See, der liegt außerhalb der Parkgrenze. Doch über den Park kommen seine Kunden. Das Geschäft lohnt sich für den ehemaligen Professor für Tourismus. Seit über 13 Jahren steht er da, verkauft Ansichtskarten und stempelt Pässe, Postkarten und Briefe.

Wer nach Ushuaia und damit ans Ende der Welt kommt, für den gehört der Nationalpark zu den Pflichtveranstaltungen neben Fahrten auf dem Beaglekanal zu Pinguinen, Eisschollen oder abgelegenen Haziendas oder ein Spaziergang zum Gletscher Martial. Ushuaia – die Bucht, die zum Sonnenaufgang schaut – ist nicht nur wegen der vier aufeinanderfolgenden Vokale etwas besonderes. Ushuaia ist die Hauptstadt von Feuerland, der südlichsten Provinz Argentiniens.

Nur tausend Kilometer sind es von Ushuaia bis zur Antarktis, so steht es an den Wegweisern der Stadt. Nur Port Williams liegt südlicher. Es liegt auf der chilenischen Seite des Beaglekanals, deutlich kleiner als Ushuaia. Den Titel "südlichste Stadt" der Welt beanspruchen beide für sich. Doch die Touristen kommen nach Ushuaia, sehen dort das Ende der Welt – oder den Anfang.

Ohne größeren städteplanerischen Einfluss schlängeln sich in Ushuaia kunterbunte Häuschen neben stillosen Betonbauten an den Hängen des Beaglekanals entlang. Da trifft Puppenstube auf Betonklotz, knallige Farbe auf ödes Grau, Wellblech auf Spanplatte. Ushuaias Einwohnerzahl wächst beständig. Anfang der 80er Jahre zählte man rund 10 000 Einwohner, heute sind es annähernd 80 000. Das liegt an der in Feuerland gewährten Steuerfreiheit und daran, dass seit den 50er Jahren die Regierung den südlichsten Zipfel zu bevölkern suchte in Verbindung mit der Schaffung eines neuen Industriestandortes.

Vor allem aus den nördlichen Provinzen Argentiniens kamen die Menschen auf den südlichen Archipel. Multinationale Konzerne bauten mit staatlichen Subventionen große Fertigungshallen. In diesen Freihandelszonen werden noch heute elektronische Geräte zusammengebaut. Einige Konzerne zogen sich jedoch schnell zurück, als die Subventionspolitik eingeschränkt wurde. Eine gigantische Ruine steht mitten in der Einkaufsstraße San Martin. "Das Grundighaus wurde nie bezogen", sagt Susana, die eine kleine Bed&Breakfast-Pension betreibt. "Eine Schande. Ein Prachtbau sollte das werden. Außen war Marmor angebracht. Aber Grundig meldete Konkurs an." Der Marmor ist weg. Stattdessen zieren Graffiti die kahlen Wände.

Susana kam mit ihrem Mann Ende der 70er Jahre aus Nordargentinien auf der Suche nach Arbeit nach Ushuaia. Das Paar gehört heute zu den Einheimischen, hat ein Häuschen und den Luxus eines Grünstreifens dabei. "Das Haus ist ein Fertigbau aus Finnland", sagt Susana. "Anfang der 80er Jahre wurden die Häuser jeweils als Dreierpack nebeneinander gebaut, insgesamt mehr als 1000 Stück. Das Material wurde in Containern angeschifft. Von einem zum anderen Ende der Welt. Die Häuser wurden an Wohnungssuchende vergeben. Wir standen auf der Liste, erfüllten alle Kriterien. Unser ganzes Viertel wurde so gebaut." Eigentlich war es immer so in Ushuaia: Menschen, die kamen, Arbeit fanden und sich zum Bleiben entschlossen, meldeten Bedarf für ein eigenes Haus an. Irgendwann wurden sie von der Gemeinde berücksichtigt und erhielten Baugrundstücke. Diese Ordnung ist durchbrochen. Davon zeugt eine in den Wald geschlagene Schneise oberhalb der Wohnviertel. Wild gebaute Hütten stehen am Hang. "Das Gelände ist besetzt worden", empört sich der Taxifahrer. Baugrund ist knapp in Ushuaia. Das heizt die Stimmung gegen die Arbeitsmigranten auf, die sich den Platz zum Wohnen nehmen, auf den andere so lange gewartet haben.

Ansonsten schwärmt der Taxifahrer von seiner Zeit als Seefahrer. Als er mal in Hamburg war. "St. Pauli, ja, die Reeperbahn, unglaublich", begeistern ihn seine Erinnerungen. Heute chauffiert er Touristen. Er erzählt von den heftigen Winden, die das Leben in Feuerland manchmal verlangsamen, von den Seefahrern, die sich von dort aus in die Antarktis aufmachen, oder von den Pinguinen, die im Beaglekanal die Touristen entzücken. Im Hafen läuft gerade ein größeres Schiff ein. Es kehrt von einer Antarktisexpedition zurück – nach Ushuaia, den Anfang oder das Ende der Welt.

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