Vor dem Drescher-Werk in Rutesheim stehen 60 schwarze HolzkreuzeDer Tagesspiegel - 7. November 2012von Erika Harzer

Als das schwäbische Traditionsunternehmen Drescher in Schwierigkeiten geriet, verzichteten die Beschäftigten auf Lohn, auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Entlassen wurden sie trotzdem. Nun fragen sie sich, was der Verzicht gebracht hat.
Er will nicht über sich reden. Es ist ja bloß seine Arbeit, von der Martin Reichel erzählt. Arbeit, das ist das sachliche Leben, gelebt wird ein anderes. Oder etwa nicht?

Martin Reichel sieht das vielleicht ebenso. Doch nun ist er 59 Jahre alt und arbeitslos. Seit Juli. Und plötzlich gibt es kein anderes Leben mehr. Also redet er jetzt doch über sich, wenn auch nicht unter seinem wirklichen Namen. Ja, sagt er, er fühle sich verarscht. Und diese Feigheit der Vorgesetzten, fügt er hinzu, stoße ihm immer noch bitter auf.

Er hat lange gebraucht, um diese Worte zu sagen. Seine Hände haben fahrig ins Bodenlose gegriffen, in dem er sich seither befindet, bewegten sich ziellos an der Kaffeetasse vorbei, bestrichen kurz die Brezel mit Butter, ließen sie dann liegen, suchten weiter, wollten festhalten.


Ihn und sein weggerutschtes Leben. Während er ausführlich Fakten aneinander reihte, Zahlen und Zeiten. Dabei Begriffe wählte, in denen Hoffnung steckte. An die man glauben könnte. An die er geglaubt hat: „Schutzschirmverfahren“, „Arbeitsplatzsicherungsmechanismus“.

Es sind Begriffe, die ihn persönlich nicht in die Geschichte einbinden sollten. Dabei spricht es bestimmt für ihn, nicht einen Fehltag gehabt zu haben, nie krankgeschrieben gewesen zu sein, weil ihm die Arbeit Spaß machte, und dass er dies immer gezeigt hat. Doch zählte das alles nichts mehr, so sieht er das. Einen Brief in die Hand gedrückt, kein Gespräch, keine Begründung, kein Bedauern. Nur die Gewissheit: Es ist vorbei. Nur die bittere Erkenntnis, wesenlose Verschiebemasse zu sein, nun verschoben ins Abseits.

Vielleicht ist Reichels Geschichte nur eine über verletzten Stolz. Denn wenn ihn jemand gefragt hat, wo er arbeite, konnte er „beim Drescher“ sagen. Und jeder wusste dann, dass die Großdruckerei gemeint war, die Unternehmen im ganzen Land mit ihren Geschäftsformularen, Formbriefen und Fax-Vorlagen beliefert. Noch im Oktober 2009, da stand Reichel in der Zeitung als Jubilar. Der Geschäftsführer dankte ihm für 40 Jahre Betriebstreue. Dass Drescher kränkelte, rote Zahlen schrieb, dass wusste er, wussten alle Kollegen. Aber sie setzten sich ein für die Rettung. Sie unterschrieben Verzichtserklärungen.

Vielleicht hätten sie das nicht tun sollen. Aber es klang vernünftig. Sie würden von Drescher weiterbeschäftigt werden, wenn sie auf Lohngeld verzichteten. Sieben Jahre haben sie verzichtet. Kein Weihnachtsgeld, kein Urlaubsgeld, keine Lohnerhöhung. Sie haben sich erpressbar gemacht. Kann man das mit Stolz erklären?

Drescher ist ein schwäbisches Traditionsunternehmen. Das heißt vor allem: verlässlich. Eine „Lebensfirma“ für die, die in ihr beschäftigt waren, „wie es sich gehört“ für jemanden in Rutesheim, dieser annähernd schuldenfreien Gemeinde im Speckgürtel um Stuttgart. Überall entstehen nette Ein- bis Zweifamilienhäuser, meist mit Gärtchen, auf Wiesen und Äckern.

Vor allem Familien mit Kindern werden angelockt von der guten Infrastruktur. Spiel- und Bolzplätze gibt es, sämtliche Schultypen am Ort, Vereine für jedes Interesse, begehrte Seniorenheime. Ein sauberes Städtchen mit gefegten Bürgersteigen, dessen einziger Makel nur der ist, zuweilen im Verkehrsaufkommen der eigenen Bewohner unterzugehen.

In Rutesheim ging Martin Reichel zur Schule, begann bei Drescher seine Berufsausbildung als Industriekaufmann, heiratete und baute für Frau und zwei Töchter ein Mehrfamilienhaus mit Garten.

Ein Jahr vor Reichels Geburt hatte Philipp Drescher, ein Stuttgarter Unternehmer, Rutesheim als neuen Standort seiner Firma gewählt, spezialisiert auf Geschäftsdrucke. 1952 war das, als die Druckereibranche in ihrer Blüte stand. Als Wirtschaftsbetriebe ihre Korrespondenz auf Papier erledigten.

Philipp Drescher kam von außerhalb, war ein „Reingeschmeckter“ im Ort, aber einer mit Arbeitsplätzen, die der wachsenden Gemeinde gut zu Gesicht standen. Geschäftsdruck war eine boomende Branche und schon zu Reichels Ausbildungsbeginn waren gut 1000 Mitarbeiter bei der Firma beschäftigt. Bald kannte man Rutesheim in Deutschland wegen Drescher. Und in Rutesheim gab es kaum eine Familie, bei der nicht irgendeiner mal mit der Firma zu tun gehabt hätte. Mitte der 90er Jahre waren es schon über 2 000 Menschen, die für Drescher bundesweit an verschiedenen Standorten arbeiteten.

Doch dann kam mit den leistungsstarken Bürorechnern und Druckern der Einbruch. Geschäftsdrucke und Endlosformulare wurden überflüssig im digitalen Daten- und Mailverkehr. Ortwin Drescher, Sohn des Patriarchen und dessen Nachfolger in der Firmenleitung, meldete 1998 den Vergleich an. Das setzte der Drescher-Dynastie an der Firmenspitze ein Ende. Eine Stuttgarter Kanzlei wurde als Insolvenzverwalter eingesetzt, um die Sanierung des verzweigten Firmenkonglomerats voranzutreiben. Auf 550 Mitarbeiter geschrumpft – so übernahm der langjährige Geschäftspartner, die französische Eppe Groupe, das Unternehmen, fortan Eppe-Drescher Gruppe genannt, mit dem Standort in Rutesheim, einem weiteren in Offenburg sowie Werken in Tschechien und Polen.

Der erhoffte Aufschwung blieb in Rutesheim jedoch aus. Im August dieses Jahres endete das seit Jahren einvernehmliche Arrangement zwischen Belegschaft und Arbeitgeber. Und in den Worten der Geschäftsleitung klang es wie ein Triumph: „Als eines der ersten Unternehmen in Deutschland nutzte im März 2012 die Drescher Gruppe das neue ,Schutzschirm-Verfahren‘ zur Sanierung in Eigenregie, um Produkt- und Leistungsfelder neu auszurichten und das Unternehmen von Lasten zu befreien.“

Die Lasten, das war ihr Betrieb, war der Rutesheimer Standort, waren die Mitarbeiter, knapp 300 an der Zahl.

„Ein Schlag ins Gesicht für alle Beschäftigten“, empört sich Hans Peter Schaust über die Erklärung der Firma. Schaust kam 1970 zu Drescher, begann in der Setzerei. Vier Jahre später gehörte er dem Betriebsrat an, seit 1987 ist er dafür freigestellt. An einem Freitag Ende September war er zum letzten Mal im Betrieb. „Ein schlimmer Tag, ein tiefschwarzer Tag“, erzählt er. „Es gab nichts mehr zu sagen. Alle wirkten verloren, hatten verloren.“

Schaust, ein Mann mit freundlichem Gesicht, verabschiedete sich per Handschlag von den Kollegen. Er klingt bitter und verbittert, aber er sagt auch, dass mit der Werkschließung in Rutesheim „ein langes Siechtum“ endete.

Betriebsrat Schaust musste sich erst mit dem seit März dieses Jahres nach Europäischem Recht gültigen Schutzschirmverfahren vertraut machen. Unter Insolvenzexperten gilt es als „äußerst effektives“ Instrument, um den Ruin einer Firma abzuwenden. Denn es bietet Unternehmern die Möglichkeit, den Personalabbau kostenneutral und ohne Sozialplan und Kündigungsfristen binnen drei Monaten durchzusetzen.

Für wen da der Schutzschirm aufgespannt wird, das war den Rutesheimern allerdings nicht sofort klar. Anders als bei der Insolvenzankündigung von Ortwin Drescher 1998, durch die er entmachtet wurde, konnte die Eppe-Drescher Gruppe die Insolvenz diesmal in Eigenregie abzuwenden versuchen. Für Schaust fatal: „Das hoch gelobte Schutzschirmverfahren, das die Rettung bringen sollte, stellte sich schnell als untauglich für eine Sanierung heraus, da der Gesellschafter nicht bereit war, sich mit einer Finanzspritze an der Sanierung zu beteiligen.“ Nur die Beschäftigten investierten da noch in ihre Firma.

Als Sachwalter war der Anwalt Wolfgang Bilgery eingesetzt worden. Er erklärt diese Nichtbereitschaft mit zwei Millionen Euro. So viel hätte die Umstrukturierung des Betriebs, die effektivere Nutzung der Büroräume und Werkshallen sowie der Abbau des Personals in Rutesheim auf rund die Hälfte gekostet. Nach Einleitung des Schutzschirmverfahrens sei offensichtlich geworden, sagt Anwalt Bilgery am Telefon nüchtern, dass dem zu hohe Produktionskosten entgegengestanden hätten. In Tschechien und Polen konnte es die Firma billiger haben. Das Rutesheimer Ende.

„Auf etwa 40 000 Euro hat jeder Facharbeiter bei Drescher in den vergangenen sechs Jahren verzichtet“, rechnet Betriebsrat Schaust vor. Er scheint es selbst kaum zu glauben. „Immer wieder wurden der Belegschaft Opfer abverlangt mit dem Ziel, billiger produzieren zu können und damit wieder Marktanteile zurückzugewinnen.“ Die Belegschaft machte mit. Schaust als Betriebsratsvorsitzender vorneweg. Ein einseitiges Unterfangen, so sieht er es heute. Immer wieder habe die Belegschaft auf Mängel hingewiesen. Vergeblich. Die beseitigen wollte von den Eppe-Drescher-Gesellschaftern offenbar niemand. „Der Betrieb blutete regelrecht aus.“ Hatten die Gesellschafter überhaupt ein Interesse an der Rettung des Standorts? Und gab ihnen der Schutzschirm nur das Recht, ihn möglichst schnell abzuwickeln?

Im Nachhinein fragt sich Hans Peter Schaust, ob es immer richtig war, über Jahre hinweg diese Beschäftigungssicherungspolitik mitzutragen. „Man hat es einfach glauben wollen“, sagt er, „doch das Schutzschirmverfahren schützt in erster Linie die Interessen der Kapitaleigner. Verlierer sind die Beschäftigten.“ Diese Erkenntnis nimmt er mit in sein beginnendes Leben als Rentner.

Die Logik von Rutesheim ist eine teuflische. Das Angebot an die Arbeiter ist, dass sie selbst aus roten Geschäftszahlen schwarze machen könnten, wenn sie nur persönlich zurücksteckten. „Dafür gibst du doch alles. Wenn sich ein Strohhalm anbietet, ergreifst du den doch!“ Frank Matzcak redet Dialekt, aber nicht den um Stuttgart üblichen schwäbischen. Der gelernte Schriftsetzer kam im August 1990 von Jena nach Rutesheim. Er war der erste Ostdeutsche bei Drescher. Rutesheim wurde für ihn, seine Frau Gabi und die Tochter zur neuen Heimat. Heute ist Frank Matzcak 52. Gekündigt Ende Juni. Ausgespuckt von einer Branche, die Mediengestalter seines Typs kaum mehr braucht.

Für die Matzcaks war es ein unheilvolles Jahr. Ehefrau Gabi war Filialleiterin bei Schlecker. Sie ist seit Juli arbeitslos. Ihre beider Mietwohnung im dritten Stock wirkt einladend, hell. Draußen vor den Fenstern Wiesen und der hochstehenden Mais. Drinnen, am Wohnzimmertisch, versuchen die beiden, ihr Leben wieder in Bahnen zu lenken. Gabis Chancen auf eine neue Anstellung könnten größer sein als seine. Wer wolle schon einen Mann aus dem Druckergewerbe? „Die Branche gibt das doch gar nicht her, uns alle wieder aufzunehmen“, sagt Matzcak.

Ein paar Wochen später zeichnet sich für ihn eine Lösung ab. Frank Matzcak arbeitet jetzt als Selbstständiger. Von zu Hause aus, auf eigenes Risiko und ohne Auftragsgarantie. Einer der ersten Auftraggeber ist die sanierte Drescher Full Service Versand GmbH aus Offenburg. Wieder ein Krümel Hoffnung.

 

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