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Erika Harzer - Berliner Zeitung - 20. März 2008
José Antonio Gutierrez wurde in Guatemala geboren. Vor fünf Jahren starb er als erster US-Soldat im Krieg gegen den Irak

Der erste gefallene US-Soldat im Irakkrieg war der Marine-Obergefreite José Gutierrez. Er starb am 21. März 2003, als man den zweiten Tag der "Operation Iraqi Freedom" zählte. Sein Leben ließ er bei Umm Qasr im Süden des Landes, getroffen von der Kugel eines Kameraden. Tod durch "friendly fire", wie es im Militärjargon heißt.
Es war damals die Topmeldung in den guatemaltekischen Medien: "La muerte de José Gutierrez en el campo de batalla." Der Tod von José Antonio Gutierrez auf dem Schlachtfeld.

José Gutierrez war Guatemalteke. Die US-Army dokumentiert ihn als 22-Jährigen - so wird es auch auf seinen Grabstein graviert. Tatsächlich war José Antonio 28 Jahre alt, als er im Irak starb, so steht es auf seiner Geburtsurkunde, und so erzählen es die Menschen, die ihn als Kind in den Straßen von Guatemala kennen gelernt haben.
So erzählt es seine Schwester. Er war ein Greencardsoldier, ein Soldat, der ohne die US-Staatsbürgerschaft als Marine-Infanterist in den Irak geschickt wurde. Die ersehnte Staatsbürgerschaft bekam er posthum, als sie ihm selbst schon nichts mehr nutzte, als "fallen hero", als gefallener Held, nach der Rückkehr aus dem Irak. Auch ein feierliches Begräbnis auf einem der vornehmsten Friedhöfe der guatemaltekischen Hauptstadt wurde für ihn ausgerichtet. Und er bekam das "Purple Heart", den militärischen Orden, der von den US-Streitkräften an im Kampf verwundete Soldaten und an die nächsten Angehörigen gefallener Soldaten verliehen wird.
Er schaffte es noch auf die Titelseiten, damals am Anfang des Krieges. Sowohl in den USA als auch in Guatemala wurden Details zu seiner Lebensgeschichte gesucht, gefunden und zusammengetragen. José Antonio Gutierrez wurde 1974 in der guatemaltekischen Provinz geboren. Bald nach seiner Geburt flohen seine Eltern in die Stadt, ohne damit ihr Leben verbessern zu können. Sie landeten in einem der Elendsviertel der Hauptstadt, und bald darauf starb die Mutter.
Er wuchs als Waisenkind auf, der Vater war Alkoholiker und obdachlos, zur älteren Schwester verlor er früh den Kontakt. Er lebte als Straßenkind in Guatemala City, schlief auf Kartons, irgendwo auf Bürgersteigen, in Ruinen, im Müll. Ernährte sich von Abfällen, kleinen Diebstählen, schnüffelte billige Drogen. Hin und wieder wurde er in Einrichtungen für Straßenkinder gesteckt, bekam etwas zu essen, konnte duschen, dann ging es zurück auf die Straße, begleitet von Träumen von einem Leben in einem Haus, mit einem Beruf - Architekt will er werden - , mit einer Familie, und der Gewissheit, für diese Träume in Guatemala keine Chance zu haben.
Im Lande herrschte Bürgerkrieg, 36 Jahre lang. Über 200 000 Tote und Verschwundene gibt es und mindestens eben so viele Waisenkinder.
Ab Mitte der 70er Jahre begann die guatemaltekische Militärregierung mit der blutigen Politik der Aufstandsbekämpfung, bei der die USA indirekte und direkte Unterstützung leisteten. Die Außenpolitik der USA war geleitet von der Doktrin der Nationalen Sicherheit. Für deren Schutz unterstützten sie in vielen Ländern des latein- und mittelamerikanischen Kontinents Militärdiktaturen, schulten diese in Aufstandsbekämpfung und der Anwendung von "effizienten" Foltermethoden.
Als junger Mann floh José in die USA, ohne Papiere, ohne Geld und ohne Sicherheiten; gejagt, verfolgt, geprügelt, eingesperrt und immer mit der Angst vor Deportation. So begann sein Leben in den Straßen von Los Angeles. Er war jetzt über Zwanzig und begriff schnell, dass er nur als minderjährige Waise eine Chance haben würde. Krank und schmächtig, wie er war, machte er sich sechs Jahre jünger. Die Türen öffneten sich: Greencard, Pflegefamilie, Highschool - er kam in den Genuss der staatlich finanzierten Unterstützung für minderjährige Waisen.
Er war angekommen.

Dann das nächste Hindernis. Als er - nun auch nach seiner amerikanischen Biografie - volljährig ist, läuft die Unterstützung aus. Ohne Einkommen oder Stipendium wird er nicht studieren können. Die Lösung sieht er bei den US-Marines, die suchen Leute und bieten Unterstützung an, beim Studium und der Einbürgerung. Ein bisschen Blut, Schweiß und Tränen während der Grundausbildung vergießen - und danach studieren. So war der Plan.
Der Irakkrieg kam dazwischen, der Marschbefehl nach Kuwait, die Bombardierung von Bagdad, der Einmarsch im Süden, erste Gefechte mit dem Feind, der so massiv kämpfend an diesem Ort nicht erwartet wurde - die Kugel aus dem Gewehr eines Waffenbruders.
"Gave his life in the defence of the United States". Gab sein Leben für die Verteidigung der Vereinigten Staaten. So steht es auf dem Sarg. Darin, rot-weiß-blau geschmückt, kam er zurück, zunächst in die USA. In Lomita, einer kleinen Vorstadt von Los Angeles, wird ihm die Totenmesse gelesen, mit allen militärischen Ehrenbekundungen.
Später wird sein Leichnam nach Guatemala gebracht und dort im Blitzlichtgewitter der Kameras in einer Umgebung beigesetzt, die unendlich weit entfernt ist von seinem früheren Leben mit den Freunden auf der Straße. Einer der ehemaligen Erzieher von Casa Alianza, einer Einrichtung, die sich in Guatemala seit Jahrzehnten um Straßenkinder kümmert, erzählt von den erfolglosen Bemühungen, José Antonio im Umfeld seiner damaligen Freunde, im Umfeld seines guatemaltekischen Lebens beerdigen zu wollen. Die US-amerikanische Botschaft hatte für ihren gefallenen Helden einen anderen Platz gewählt, inmitten der Wohlhabenden, die selbst auf dem Friedhof für ihre Toten größere Häuser bauen können, als José sie jemals für sich als Kind der Straße gehabt hätte.
Engracia Sirin, seine ältere Schwester, die er als Jugendlicher mit Hilfe einer Sozialarbeiterin wiederfand, erhält nach seinem Tod für sich und ihren Mann das Visum für die USA. Zu seinen Lebzeiten hatte sich José vergeblich darum bemüht. Engracia bringt in ihrer neuen Heimat, den USA, zwei Kinder zur Welt, und sie ist nun stolz darauf, dass diese "Amerikaner" sind. Gleichzeitig ist sie verwirrt in diesem, ihrem jetzigen Leben, zu dem ihr erst der Tod ihres Bruders den Zugang gewährte. Es fällt ihr schwer, diesen Lebenssprung in seinem gesamten Ausmaß emotional nachzuvollziehen. Als Kind hatte ihr Vater sie an Gemüsehändler verkauft, als billige Magd für ein bisschen Essen und einen Schlafplatz. Auch sie war ohne Schulausbildung, ohne Freizeit, ohne Kontakt zum Bruder. Es war eine bittere Zeit, aus der sie sich erst als junge Frau, nicht zuletzt durch ihre Heirat, lösen konnte. Die Briefe ihres Bruders José Antonio aus den USA erfüllten sie mit der Hoffnung, irgendwann mit ihm gemeinsam dort leben zu können, in einem großen Haus, das er als Architekt für sie alle bauen würde.
Die Hoffnung der Familie Gutierrez starb am 21. März 2003.

Damals und in den Tagen darauf waren die Geschichten der Gefallenen noch umfangreich. Heute, fünf Jahre und 4298 gefallene Koalitionssoldaten später, würden all diese Lebensläufe die Informationskanäle überfordern. Die Toten dieses Krieges sind Zahlenmaterial, die Amerikaner, die Koalitionssoldaten, die irakischen Truppen und Polizeikräfte und die hunderttausende von Toten in der irakischen Zivilbevölkerung.
Sie sind Tote eines Krieges, dessen Ende eigentlich bereits am 1. Mai 2003 erklärt wurde.
"Die Kampfhandlungen im Irak sind weitgehend beendet", hatte der amerikanische Präsident George W. Bush an diesem Tag erklärt. "In der Schlacht im Irak haben die Vereinigten Staaten und ihre Bündnispartner obsiegt. Und nun ist unsere Koalition dabei, dieses Land zu sichern und wieder aufzubauen."
George W. Bush strahlte in die Kameras, die speziell für seine historische Erklärung auf dem Flugzeugträger USS "Abraham Lincoln" vor der Küste Kaliforniens aufgebaut wurden. Als einer von ihnen postierte er sich stolz und siegesgewiss vor den Soldaten und vor der Weltöffentlichkeit. "Die Operation Iraqi Freedom wurde mit einer Mischung aus Präzision, Geschwindigkeit und Kühnheit ausgeführt, die der Feind nicht erwartet und die Welt zuvor noch nicht gesehen hatte. Von weit entfernten Stützpunkten oder von Schiffen auf See haben wir Flugzeuge und Raketen geschickt, die eine ganze feindliche Division zerstören konnten oder nur auf einen einzigen Bunker zielten. Marineinfanteristen und Soldaten rückten 350 Meilen durch Feindesland auf Bagdad vor - einer der schnellsten Vormärsche mit schwerem Geschütz in der Geschichte. Sie haben der Welt die Fähigkeiten und Macht der amerikanischen Streitkräfte demonstriert."
Nach dieser Rede von der kühnen Operation starben nahezu täglich Soldaten der so genannten Allianz gegen das Böse. Nach dieser Rede überschlugen sich die Meldungen von Selbstmordanschlägen in Bagdad und anderen Städten, mal waren es mindestens 30, mal mindestens 64, mal mindestens 49 Tote, über 150 000 zivile Opfer allein in den ersten drei Kriegsjahren schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Genaue Zahlen gibt es nicht, und dennoch weiß man, überall waren es Menschen, die auf Märkten, vor Restaurants, vor Polizeistationen, auf öffentlichen Plätzen durch Sprengstoffattentate zerrissen wurden, umgebracht im Alltag eines anhaltenden Krieges, bei dem auch Bomben auf eine Hochzeitsfeier fallen - Kollateralschäden jenes Kampfes gegen den Terror.
Nach dieser Siegesrede erschütterten die Fotos von den Folterskandalen von Abu Ghraib in den USA diejenigen, die sich auf der Seite der Guten gesehen hatten.
Nicht etwa die Foltermethoden als solche waren es, die Entsetzen hervorriefen, waren diese doch schon damals, in den 70er Jahren Bestandteil der Aufstandsbekämpfung in Lateinamerika, Teil der Ausbildung für die Militärs der dortigen Diktaturen durch nordamerikanische Trainer. Das alles konnten die Amerikaner wissen. Der Schock lag vielmehr darin, erstmals US-Bürger als Ausführende zu sehen. Der US-Militärstützpunkt Guantanamó auf Kuba steht in unserer Zeit als Inbegriff für Unrecht und Folter: rund 775 Inhaftierte seit Anfang 2002, ohne Anklage, ohne Aussicht auf einen fairen Prozess und ohne Schutz vor unmenschlicher Behandlung.
"Die Befreiung des Irak ist ein wesentlicher Fortschritt im Feldzug gegen den Terror", sagte Bush. "Wir haben einen Bündnispartner der El Kaida beseitigt und den Terroristen den Zugriff auf eine Geldquelle unmöglich gemacht. Und soviel ist sicher: Kein terroristisches Netzwerk wird Massenvernichtungswaffen vom irakischen Regime erhalten, denn das irakische Regime gibt es nicht mehr. In diesen 19 Monaten, die die Welt veränderten, waren unsere Maßnahmen zielgerichtet, überlegt und dem Angriff angemessen." Weltweit wurde sie damals ausgestrahlt, diese Rede des obersten Befehlshabers George W. Bush.
"Diejenigen, die wir verloren haben, wurden zuletzt im Dienst gesehen. Ihre letzte Tat auf dieser Erde war der Kampf gegen ein großes Übel und für die Freiheit anderer."
Für die Freiheit anderer soll auch José Antonio Gutierrez gestorben sein, der seine eigene Freiheit nicht gefunden hat.
Engracia Sirin wird am 21. März ihres Bruders gedenken, sie wird ihren Kindern das Foto von José zeigen, dem Onkel, dem sie die Staatsbürgerschaft der USA verdanken, und der dort irgendwo im Irak gefallen ist, in einem Land, das ihr fremd ist, in einem Krieg, dessen Sinn sie nicht verstehen kann.


Die Autorin ist Co-Autorin des Dokumentarfilms "Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez", der im April 2008 mit dem Adolf-Grimme-Preis in der Sparte Information & Kultur ausgezeichnet wurde.

Hintergrundinformationen
Fünf Jahre danach
US-Präsident George W. Bush hat die Invasion der alliierten Streitkräfte im Irak erneut verteidigt. In einer Rede vor Mitarbeitern des Pentagon erklärte er am Mittwoch, dass er "trotz der hohen Kosten an Menschenleben und Vermögen" nicht daran zweifle, dass seine Entscheidung zum Einmarsch am 20. März 2003 richtig gewesen sei. Alle Forderungen nach einem Truppenabzug wies er zurück. Dies würde nur die Rolle des Irans in der Region stärken und dem Terrorismus neuen Auftrieb geben.
Auf den Beginn des Krieges zurückblickend sagte Bush: "Nach fünf Jahren in dieser Schlacht gibt es eine verständliche Debatte darüber, ob es sich gelohnt hat, diesen Krieg zu führen, ob es sich lohnt ihn zu gewinnen und ob wir ihn gewinnen können. Die Antworten sind für mich klar. Es war die richtige Entscheidung, Saddam Husseins zu entmachten und dies ist ein Kampf, den Amerika gewinnen kann und muss."
Seinen Kritikern im eigenen Land entgegnet der Präsident: "Die Erfolge, die wir im Irak sehen sind unbestreitbar, und dennoch fordern einige in Washington immer noch den Rückzug. Die Kriegskritiker können nicht länger glaubwürdig argumentieren, dass wir im Irak verlieren. Deshalb sagen sie jetzt, die Kriegskosten seien zu hoch. Laut Bush seinen diese Ausgaben jedoch notwendig, um einen "strategischen Sieg für unsere Feinde im Irak" zu verhindern.
In den fünf Kriegsjahren kamen hunderttausende Iraker und mindestens 4 298 Koalitionssoldaten ums Leben, darunter 3 990 US-Amerikaner. Die Kosten für den Einsatz betragen bislang 500 Milliarden Dollar.

 

© Berliner Zeitung

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