Kreuze Ciudad Juarez

Weitere Fotos zum Thema: Ciudad Juarez...Erika Harzer - Frankfurter Rundschau - 22.März 2006

Sergio Dante kämpfte für die Aufklärung der Frauenmorde von Juárez und wurde damit selbst zum Ziel der Killer

Er hatte es befürchtet. Schon länger wusste Sergio Dante Almaraz Mora, dass er auf einer Schwarzen Liste steht und es nur eine Frage der Zeit sein würde. Entsprechend ernsthafte Morddrohungen gab es genug. Schon im Februar 2003 empfahl die Interamerikanische Menschenrechtsorganisation den örtlichen Autoritäten, dem Anwalt Sergio Dante Almaraz Mora Polizeischutz zu gewähren. Er bekam ihn nicht.

Wie sooft fuhr Sergio Dante Almaraz Mora auch am 25. Januar dieses Jahres mit seinem Wagen durch die mexikanische Stadt Ciudad Juárez. Unweit der Stadtverwaltung schloss ein Auto zu ihm auf. Die Insassen feuerten durch die Fenster. Von neun Kugeln wurde Sergio Dante Almaraz Mora getroffen und starb.

Im Herbst 2003 war er einer unserer Interviewpartner in der Wüstenstadt Ciudad Juárez, der Grenzort zwischen Mexiko und den USA, einer aus den Fugen geratenen Stadt, einer Stadt, in der Frauen gefährlicher leben als anderswo. Hunderte Frauen und Mädchen sind dort seit Mitte der 90er Jahre verschwunden oder getötet worden. Darüber wollten wir mehr wissen. Sergio Dante holte uns damals in seinem schrottreifen Pritschenwagen ab, und wir fuhren gemeinsam zum Treffpunkt für das Interview. Als er auf uns zukam, waren wir uns zunächst unsicher, ob er der mit uns verabredete Anwalt ist oder einer der Männer, von denen wir gewarnt worden waren. Seine Cowboystiefel und Sonnenbrille verunsicherten allerdings nur kurz. Seine Worte waren eindeutig:

"Nach meiner Einschätzung müssen es Leute mit Einfluss sein, die hier die Mädchen entführen und sie für alle möglichen sexuellen Grausamkeiten ausnutzen und sie dann, wenn sie ihnen nichts mehr bedeuten, wenn sie alles aus ihnen rausgeholt haben, umbringen. Es ist schon passiert, dass der Leichnam eines Mädchens angezogen war mit Kleidungsstücken einer anderen Entführten. Das spricht dafür, dass mehrere Mädchen an dem gleichen Ort gehalten wurden. An einem hygienischen Ort, der alle gewünschten sexuellen Spielchen ermöglicht. Ein Ort, an dem die Schreie nicht auffallen, weitläufige Ranches. Weder beim Verschleppen der Mädchen noch beim Wegwerfen der Leichen gibt es Zeugen. Drei Leichen wurden an einem gesicherten Ort abgelegt, zu dem nur Streifenwagen unkontrollierten Zugang haben. Es ist naheliegend, dass die Obrigkeit verwickelt ist. Ich sage nicht, dass die Regierung als solche verwickelt ist, aber es sind Leute, die auf Grund der Immunität ihres Amtes in der Lage sind, sich überall problemlos zu bewegen."

Sergio Dante kämpfte für die Aufklärung der Frauenmorde in Ciudad Juárez und die Möglichkeit, sich damit selbst zur Zielscheibe für beauftragte Killer zu exponieren, hielt ihn nicht zurück. In aller Deutlichkeit benannte er die Versuche, die Morde an den Frauen von Ciudad Juárez nicht aufklären zu wollen. Detailliert beschrieb er die Vertuschungsarbeiten der Ermittlungsbehörden. Anstatt Spuren zu sichern, wurden diese verwischt oder unkenntlich gemacht, Zeugen wurden nicht befragt. Und der Anwalt ließ keine Gelegenheit aus, die Verantwortung für diesen rechtsfreien Raum der politischen Antihaltung der Regierung des Bundesstaates Chihuahua zuzuschreiben:

"Was hier seitens der Polizei gemacht wird, entbehrt jeder ermittlungstechnischen Erkenntnisse. Wenn sie es braucht, verhaftet die Polizei zwei oder drei Individuen, foltert sie brutal über einige Tage, bevor sie diese dann der Öffentlichkeit mit den Foltermerkmalen präsentiert, mit verbrannten Genitalien, blutigen Beinen und Anzeichen von angewandten Elektroschocks. Der staatliche Justizapparat ist völlig abhängig von der Regierung. Hier im Bundesstaat Chihuahua fürchten sich die Richter und Staatsanwälte extrem vor der politischen Macht des Gouverneurs. Hier in Chihuahua ist der Gouverneur gottähnlich, er benennt und enthebt seine Leute nach Lust und Laune. Er verfügt über die absolute Macht im Land. Hier gibt es keine Gewaltenteilung."

Juárez ist eine mitten in unendlich ausgedehnte Sandwüsten hineingepflanzte Stadt, deren Grenzfluss Rio Grande nicht nur für die Grenze zwischen zwei Ländern, sondern für die Grenze zwischen Welten steht. Nach Norden sichert eine hochmoderne Grenzbefestigung den Zugang zum Nachbarland USA. Das Stadtzentrum bietet Unterhaltung, Bars, Bordelle, Spiel- und Tanzsalons für die Tagesausflügler aus dem texanischen El Paso im Norden. Ansonsten ist es die Stadt der Maquilas, der Fabrikhallen in Freihandelszonen, der Billiglohnarbeitsplätze für tausende Frauen. Die Stadt wirbt damit, dass in ihren Fabriken alle drei Sekunden ein Fernseher und alle sieben Sekunden ein Computer hergestellt wird. In mehr als 400 Hallen arbeiten schätzungsweise 230 000 Menschen - mehr als die Hälfte sind Frauen. Aus allen Regionen Mexikos kommen junge Frauen, um hier ihr Glück zu suchen. Sie setzen in Neun-Stunden-Schichten mikroelektronische Teile zusammen für Datenverarbeitung, Medizin und Militärindustrie. Fabrikeigene Busse karren sie täglich aus den Randvierteln der Stadt in die Hallen und zurück. An den Haltestellen oder von den Fußwegen sind immer wieder Frauen verschleppt worden. Für Sergio Dante gab es dabei etliche Auffälligkeiten: "Es ist wahr, hier in Ciudad Juárez agiert eine kriminelle, eine furchtbar sadistische Bande. Sicher, die Regierung sagt zu Recht, einige der Frauen sind von ihren Ehemännern umgebracht worden. Aber bei ungefähr 100 bis 150 Frauen gibt es verdächtige Anzeichen auf Serienmorde. Fast alle wurden erwürgt, fast alle waren dünne Frauen mit langen, dunklen Haaren. Sie wurden sexuell gefoltert, bevor sie ermordet wurden. Ihre Hände waren mit Schnürsenkeln am Rücken gefesselt, und ihre Schuhe neben dem Leichnam abgestellt. Ihre Leichen wurden mit zum V geformten offenen Beinen abgelegt, so als ob ihre Mörder den letzten Blick auf ihre Genitalien richten wollten, bevor sie sich zurückzogen."

Sergio Dante wollte, dass die wahren Täter zur Verantwortung gezogen werden und nicht irgendwelche mit Folterungen gebrochene Vorzeigeschuldigen. Aus diesem Grund übernahm er gemeinsam mit seinem Kollegen Mario Escobedo Anaya die Verteidigung zweier Busfahrer, die des Mordes an acht jungen Mädchen angeklagt waren. Sein Kollege wurde bereits im Februar 2002 erschossen, an dem Tag, an dem er Beweisfotos abholte, auf denen sein Mandant, der Angeklagte Gustavo Gonzáles, mit Folterspuren zu sehen war. Getötet wurde der Anwalt von Polizisten, die ihn angeblich verwechselt hatten. Von den zwei Anwälten und zwei Angeklagten des Verfahrens hat nur einer bis heute überlebt. Nach der Ermordung des Anwalts Mario Escobedos starb bald darauf dessen Mandant Gustavo Gonzáles unter dubiosen Umständen bei einer Operation. Der zweite Angeklagte, Víctor García Uribe, ist heute wieder frei. Sergio Dante konnte dessen Unschuld nachweisen.

Sergio Dantes Angehörige, seine Frau und seine fünf Kinder, haben jetzt nach seinem Tod das Land verlassen, auch sie wurden bedroht. Ihre Sicherheit war in Ciudad Juárez nicht mehr gewährleistet, in dieser Stadt, über die Sergio Dante sagte: "Sie hat den Ausverkauf an die Drogenmafia erfahren. Diese Stadt ist eng verwoben mit dem Drogenhandel, hier ist einer der größten Umschlagplätze. Und unsere Stadt wird von diesen Leuten beherrscht, sie bestimmen, was hier passiert, wer was zu sagen hat und wer verschwinden muss."

Am 2. März 2006 erklärte der Anwalt Pedro Díaz Luna, dass er von Agenten der städtischen Polizei unter Druck gesetzt werde. Er solle gefälligst die Ermittlungen über den Mord an Sergio Dante Almaraz Mora einstellen, habe man ihm zu verstehen gegeben.


Hintergrundinformationen
Die Morde am Rio Grande
Das Töten nimmt keine Ende: Allein 2005 wurden 35 Frauenmorde in Ciudad Juárez gezählt und damit die höchste Zahl seit Beginn der Tötungsserie in dieser mexikanischen Stadt. Insgesamt starben seit Mitte der 90er Jahre dort mehr als 400 Frauen, Hunderte werden vermisst. Sergio Dante Almaraz Mora kämpfte als Anwalt und Chef der Convergencia Partei für die Aufklärung der Morde und wurde selbst getötet.
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