Ciudad Juarez Frauenmorde

 

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Erika Harzer - Berliner Zeitung - 5. September 2007 (auch erschienen in DER STANDARD v. 28.4.07 u. Woz v. 31.5.07)
Eine Kultur der Gewalt beherrscht Guatemala. Viele Täter werden nicht bestraft - dagegen kämpft die Stiftung Überlebende

GUATEMALA-STADT. Am meisten erschreckt die Alltäglichkeit, das Normale. Morde, die passieren, als gehörten sie zum Leben dazu. 3 000 Schicksale von Frauen aus Guatemala könnten erzählt werden, alle enden sie gleich, in mörderischer Gewalt, von Männern verübt an Frauen. Einzig die Wege dorthin unterscheiden sich, in der Länge, in den sadistischen Zügen, in der Vielfältigkeit brutaler Quälerei.

3 000 Frauen sind in Guatemala in den Jahren 2000 bis 2006 ermordet worden, man fand ihre Leichname verstümmelt, weggeworfen, verbrannt. Es hat auch in diesem Jahr nicht aufgehört, im Gegenteil, die Zahlen steigen. Auch heute ist wieder eine Frauenleiche entdeckt worden, steht in der Zeitung. Morgen wird es eine andere sein, mindestens eine: 580 Frauen wurden umgebracht im Jahr 2006.

Leicht ersetzbare Arbeitskraft
Man liest auch, dass in den meisten Fällen gegen die Täter nicht ernsthaft ermittelt wird. Unterschiedliche Organisationen versuchen Statistiken zu führen, sie alle kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Manche ziehen Parallelen zu den Serienmorden von Ciudad Juarez, der mexikanischen Stadt, gut 2 500 Kilometer nördlich von Guatemala, direkt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Dort boomen die multinationalen Freihandels- und Billiglohnfabriken, in die hunderttausende von Frauen aus ganz Mexiko zogen in der Hoffnung, ihre prekäre Situation und die ihrer oftmals zurückgelassenen Familie zu verbessern. Sie leben in den Elendsvierteln, mit ungesicherten Arbeitsverträgen, ohne soziale Infrastruktur, in einer Gesellschaft, deren politische und ökonomische Führung einzig der Faktor Arbeitskraft interessiert, und der ist leicht ersetzbar. In diesem Grenzbereich zwischen erster und dritter Welt wurden in den vergangenen zehn Jahren über 400 Frauenleichen gefunden, weitere 700 Frauen gelten als vermisst.
Zahlen sind das eine, vom Schicksal der Betroffenen zu erfahren, ist das andere. Die "Fundación Sobrevivientes", die Stiftung für die Überlebenden in Guatemala- Stadt, sammelt die Geschichten jener, die sie noch selber erzählen können und jener, die nicht das Glück hatten, brutalste Misshandlung lebend zu überstehen. Von ihnen berichten Angehörige. Norma Cruz, Leiterin der Fundación Sobrevivientes, erkennt in der Sammlung der vielen erschreckenden Geschichten vergleichbare Fälle. Es werden keine 3 000 Mörder gesucht, davon ist die zierliche und unaufdringliche Frau überzeugt. Sie und ihre Mitarbeiterinnen wollen das belegen.
Sie werten Zeitungsmeldungen aus, gehen in Leichenschauhäuser, reden mit Gerichtsmedizinern, Familien, Ermittlungsbehörden und Staatsanwälten, füllen Ordner und füttern Computer, fordern Ermittlungen und reichen Strafanzeigen ein. Unermüdlich, hartnäckig, konsequent, ameisenhaft. Sie zwingen mit ihren Resultaten die staatlichen Behörden, die Strafverfolgung aufzunehmen.
Das ist nicht ungefährlich, kratzt man doch an Festgefahrenem, an Gewohnheiten, an gesellschaftlichen Strukturen, in denen der straffreie Raum für Gewalt gegen Frauen als selbstverständlicher Ausdruck patriarchalischer Kultur begriffen wird. In denen Männer nach Gutdünken Frauen bestrafen können: weil ihnen das Essen nicht schmeckt; wenn er meint, sie gehorche ihm nicht, wenn sie nichts sagt, wenn sie etwas sagt, wenn sie zu langsam ist, oder zu schnell, wenn sie sich gegen sexuelle Übergriffe wehrt, wenn sie ihn verlassen will, wenn sie kein Schutzgeld bezahlen will, wenn er besoffen ist, wenn er Frust rausprügelt. Die Gründe sind ebenso vielfältig wie beliebig, und er ist der Mann. Warum sollte er aufhören, sie zu prügeln, auch wenn sie daran stirbt, fühlt er sich doch im Recht, ist dies doch das Selbstverständlichste.
Dieses System zu durchbrechen bedeutet unsägliche Arbeit, Demütigung und ein Leben mit Bedrohungen. Norma Cruz weiß das, es ist Teil ihrer eigenen Geschichte, verwoben mit der ihrer Tochter und der ihres früheren Partners, eines angesehenen Politikers. Fünf Jahre hat er ihre Tochter sexuell missbraucht - das Mädchen war sieben, als er damit anfing. Norma Cruz zeigte ihn an. Anfangs wollte niemand sie verteidigen, kein Anwalt wollte sich an solch einem Fall die Finger verbrennen. Sie erreichte seine Verurteilung, erfuhr aber auch Demütigungen. Mit Mitstreiterinnen von damals gründete sie die Fundación und verfolgt das Ziel, den straffreien Raum bei Gewalttaten gegen Frauen zumindest einzugrenzen. Manchmal mit Erfolg: Täter werden verhaftet, Verfahren eingeleitet, Urteile gesprochen. Ihr früherer Partner bekam acht Jahre Haft. Vier Jahre später war er wieder frei.
Sie hätte der Tochter gern diese Erfahrungen erspart. Was wie ein einfach dahingesagter Satz klingt, zeugt von einem Leben voller Schuldgefühle: Warum, warum nur hat sie ihr Kind nicht rechtzeitig schützen können.
Der Kreis der Täter, die gefasst und sogar verurteilt wurden, ist klein: Ehemänner, Verlobte, Bekannte - Einzeltäter. Oder "Mareros", Mitglieder bewaffneter Jugendbanden, denen Morde zum Aufstieg innerhalb der Banden verhelfen. Für sie wurden neue Gesetze geschaffen oder bestehende verschärft. Ungeahndet bleiben Morde, die Täter aus dem organisierten Drogenhandel begehen. Unbehelligt bleiben auch jene, die sich selbsternannten "sozialen Säuberungskomitees" angeschlossen haben. Wer diese sind, darüber herrscht Schweigen. Ob aus Angst vor der Macht und der Skrupellosigkeit dieser Gruppierungen oder weil staatliche Funktionsträger involviert sind, Sicherheitskräfte, Militärs oder Todesschwadrone; Norma weiß es nicht zu sagen.
Auch sie und ihre Stiftung halten sich in bestimmten Situationen zurück, um nicht die Arbeit aufs Spiel zu setzen. "Du kannst in Guatemala die Gegenwart nicht losgelöst von der Vergangenheit betrachten", sagt Norma in den Raum hinein, zu den Frauen hin, die gelebt haben und von Fotos ihr zulächeln. "Hier hat die Aufstandsbekämpfung nie aufgehört. Sie äußert sich nur anders. Die damals zum Töten geschaffenen Einheiten existieren weiter." (Siehe Kasten) An 364 Fällen arbeiten sie und die Stiftung zur Zeit. Mehr Kapazität ist nicht vorhanden. Die Verhaftung von 40 mutmaßlichen Tätern haben sie 2006 mit veranlasst.

Hildas Leben
Darunter ist auch ein Mann, der im Juli 2000 die damals zwölfjährige Hilda umbringen wollte, ein Kommunalpolitiker aus ihrer Gemeinde. Hilda arbeitet heute bei der Fundación. Sie hatte den Mann schon damals benannt, längst hätte er hinter Gittern sitzen können. Dass es zur Verhaftung kam, liegt an der Hartnäckigkeit der Frauen gegenüber der Polizei. Der Erfolg wird gefeiert. Auf der Homepage weist ein Link zum Verhaftungsfoto. Sie wollen die Freude darüber mit allen teilen, so steht es in der Mitteilung. Und sie wollen Mut machen. Den Mut, der gebraucht wird, um die Dimension der Abwertung weiblichen Lebens und der tödlichen Gewalt deutlich zu machen und gegen die Täter vorzugehen. Deshalb muss sich der Mann, der Hilda umbringen wollte, seiner Tat stellen. Sechs Jahre später.

Hilda wird bange, wenn sie an die Anhörungen denkt. Leute werden ihr gegenübersitzen, die "sowieso nur denken, dass die ermordeten Frauen selbst schuld sind: Für die sind es immer Prostituierte oder Bandenmitglieder, die die Tat herausfordern", fürchtet sie. Aber Hilda wird vor dem Täter aussagen. Für sich selbst und für die anderen Frauen.

 

© Berliner Zeitung

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