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Erika Harzer - Berliner Zeitung - 7. Juni 2007
In Honduras bekämpfen Umweltaktivisten die illegale Abholzung der Wälder - einige bezahlen dafür mit dem Leben

OLANCHO. Heraldo Zúniga hatte Angst um sein Leben und um das seiner Familie. Am 19. Dezember 2006 suchten er und seine Frau Miriam das Büro des "Movimiento Ambientalistas de Olancho" auf, kurz Mao, der Umweltbewegung der Region Olancho. Sie erkundigten sich nach Möglichkeiten, Honduras zu verlassen, wollten im Ausland Asyl beantragen. Einen Tag später war Heraldo Zúniga tot. In Guarizama wurden er und sein Freund, Nachbar und Mitstreiter in der Umweltbewegung, Roger Murillo, auf offener Straße von Polizisten erschossen.

Olancho ist die größte Provinz von Honduras, vergleichsweise gering besiedelt, reich an Bodenschätzen und biologischer Vielfalt. Und es ist die Region, in der am stärksten Raubbau am tropischen Wald betrieben wird. Gut 80 000 Hektar werden nach Schätzungen des Agrarministeriums jährlich durch illegale Abholzung und Brandrodung zerstört.
"Hier in Olancho ist die Luft mit Blei geschwängert", sagt ein Mann, der in Guarizama nahe des Tatorts wohnt. Die Umstehenden nicken, sie wissen, was gemeint ist. Seit Generationen gibt es Konflikte zwischen Großgrundbesitzern und landlosen Bauern, Geschichten von Vertreibungen und Besetzungen. So mancher Bauer verlor durch Kugeln paramilitärischer Schutztrupps der Großgrundbesitzer sein Leben. Es wird nicht lange gefackelt - und noch weniger wird danach von der Polizei ermittelt.

Trauerschleifen über der Tür
Nach langer Fahrt über staubige Wege und Kreuzungen ohne Wegweiser taucht Silca auf, ein verschlafenes, von kahlen, abgeholzten Hügeln umgebenes Dorf. In Silca kannten alle Heraldo und Roger. Sie sind hier aufgewachsen. Sie gehörten dazu. Das und wie sie ermordet wurden, sorgt im Dorf für Wut und Angst zugleich. An zwei Häusern weisen schwarze Trauerschleifen über der Tür darauf hin, dass hier die Ermordeten wohnten.
"Der Junge wartet auf seinen Papa, wartet, dass er wieder- kommt", sagt Roger Murillos Witwe Elvia. Ihr zwei Jahre alter Sohn Jordi knabbert an einer Spielzeugpistole. Elvias Mann hatte als Schweißer eine kleine Werkstatt betrieben. Eigentlich hatte er an jenem 20. Dezember einen Auftrag im Nachbarort, aber der Strom fiel aus. Nur deshalb hatte er Zeit, mit Heraldo loszufahren. Und in Guarizama war die Polizeisperre aufgebaut und die Polizisten warteten auf die beiden Männer, um sie zu erschießen. Es sah aus wie eine geplante Exekution, sagen die Leute.
Nun sind alle eingeschüchtert. Die Nachbarn am Tatort, die die Schüsse hörten - gut vierzig waren es - und die sich in ihren Häusern einschlossen. Und die Umweltaktivisten der Region, denen wieder einmal vor Augen geführt wurde, wie ernst die Drohungen der Holzmafia gegen sie gemeint sind.
Seit Anfang des Jahres 2000 haben sich die Umweltaktivisten zu Mao zusammengeschlossen. Es sind Männer und Frauen aus der Region, die meisten einfache Landarbeiter und Bauern, Handwerker, Dorfschullehrerinnen. Die massive Abholzung wirkt sich direkt auf ihr Leben aus. Brunnen und Bachläufe trocknen aus, führen kaum noch Wasser. Während der Regenzeiten tragen Überschwemmungen den Boden ab oder verschmutzen ihn, er verliert seine Fruchtbarkeit. Einige Dörfer in Olancho sind deshalb mittlerweile verlassen.
Die Umweltaktivisten wollen weitere illegale Abholzungen stoppen und damit die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage. Sie organisieren Straßenblockaden und Friedenssternmärsche, schreiben Flugblätter, geben Interviews, reichen Petitionen ein und nehmen an Gesprächsrunden mit Regierungsvertretern teil. Es gibt zwar Gesetze, die Holzschlag, Pflege, Aufforstung und alles Nötige zum Erhalt der Wälder regeln. Aber es fehlt der politische Wille, sie konsequent durchzusetzen.
Illegaler Holzschlag und die internationale Vermarktung des Holzes ist weltweit ein Problem, aber Honduras ist besonders stark betroffen. Nach Schätzungen werden etwa 80 Prozent der Mahagonibäume und etwa die Hälfte der Kiefern illegal abgeholzt. Ermöglicht wird das durch Korruption und ein breit agierendes Netzwerk, in das Politiker, Funktionäre der Forstverwaltung, Holzhändler und Sägewerke, Transportunternehmer, Bürgermeister und Polizisten verwickelt sind. In Honduras sind in den letzten 30 Jahren 35 Prozent der Waldflächen zerstört worden.
Gegenüber von Elvia wohnt Miriam Torres, die 42 Jahre alte Witwe von Heraldo Zúniga. Die Dorfschullehrerin musste lange schon mit Morddrohungen gegen ihren Mann leben. Schließlich war Heraldo einer der Anführer der Umweltschutzbewegung in Silca. Oft genug war ihm gesagt worden, dass die Holzmafia es auf ihn abgesehen habe. Dass damit nicht zu spaßen ist, war bekannt. Zwischen Juni 2001 und Juli 2003 wurden drei Aktivisten erschossen.
Verbittert erzählt Miriam, wie jeder Schritt nach draußen, auch für die Kinder, von Angst begleitet war und ist. "So ein Leben ist nicht auszuhalten. Heraldo wollte das nicht mehr mitmachen, wollte mit uns allen weg. Deshalb waren wir einen Tag vor seiner Erschießung im Mao-Büro und fragten, wie wir Visa bekommen könnten."

Personenschutz für Priester
Heraldos Onkel, Hector Zúniga, ist jetzt Miriams engster Verbündeter in ihren Bemühungen um eine Aufklärung der Morde. Mit seinem breitrandigen Hut, den Cowboystiefeln, dem Schnauzbart und der im Hosenbund verstauten Pistole sieht Hector aus wie die meisten Männer in Olancho. Er war es, der in der Mordnacht losfuhr, um seinen Neffen zu suchen. "Heraldo starb nicht am Tatort, er starb im Krankenhaus von Juticalpa. Wie ein Stück Holz haben sie ihn auf den Pritschenwagen einer Polizei-Patrouille geschmissen", sagt er.
Im Mai 2006 hatte die Umweltbewegung Schutz für ihren Anführer, den katholischen Priester Andrés Tamayo, und sieben weitere Personen beantragt, darunter Heraldo Zúniga. Unterstützt wurde sie durch CEJIL, eine interamerikanische Menschenrechtsorganisation in Washington. Padre Tamayo erhielt daraufhin rund um die Uhr Schutz durch das Militär. Bei den anderen sieben sah die Regierung keine Veranlassung dazu. Deren Sicherheit sei gewährleistet durch regelmäßige Polizeipatrouillen an den Wohnorten und Arbeitsstellen, hieß es. Aber es waren Polizisten, die Heraldo und Roger erschossen.
Die Angst innerhalb der Umweltbewegung ist seit den Morden noch größer geworden. Das Mao-Büro ist kaum noch besetzt, viele Aktivisten trauen sich kaum aus dem Haus. Pfarrer Tamayo ist empört: "Wie kann die Regierung die Sicherheitskräfte damit beauftragen, für die Unversehrtheit des Lebens unserer Mitstreiter zu sorgen, wenn genau innerhalb dieser Einheiten Mitglieder der organisierten Kriminalität agieren", sagt er. "Der Polizei können wir nicht trauen".
Die Täter von Guarizama sitzen seit Ende Januar in einer Polizeiwache in Untersuchungshaft. Miriam will Gerechtigkeit. Sie sollen verurteilt werden, sagt sie, sollen zur Verantwortung gezogen werden und nicht wieder, wie so oft in Honduras, ungestraft davonkommen. Die Wälder in Olancho werden unterdessen weiter abgeholzt.

 

© Berliner Zeitung

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