Strassenkinder

Erika Harzer - Frankfurter Rundschau - 17. Januar 2003


In Honduras werden Kinder und Jugendliche auf der Straße ermordet / Unter starkem Verdacht stehen auch Polizisten

Erstmals taucht das "Todesauto" am 3. September 2001 auf. An diesem Tag werden in San Pedro Sula in Honduras die beiden Mechaniker Jose Nahum Diaz und Erick Aguilar Alvarado, 18 und 21 Jahre, kaltblütig erschossen. Die Täter, heißt es, seien im "carro de la muerte" gekommen, im "Todesauto". Sechs Tage später wird in Tegucigalpa, der Hauptstadt des mittelamerikanischen Landes, die 15-jährige Schülerin Nuria Pamela Flores ermordet, und wieder ist vom "Todesauto" die Rede.

Dies sind zwei Kapitalverbrechen aus einer erschreckend langen Reihe, die die Casa Alianza aufgelistet hat, eine Kinderhilfsorganisation, und dass sie sich mit diesen Morden beschäftigt, erklärt sich aus dem Alter der Toten. Die Mörder, die im "Todesauto" kommen, suchen sich junge Menschen als Opfer.
1998 hat die Casa Alianza 97 Tote gezählt, im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres sind es bereits 236, niemand älter als 22, der jüngste ist 6. Die Zahlen sind erschreckend hoch für dieses kleine Land, nur: Es erschrickt sich niemand mehr darüber.
In diesen ersten sechs Monaten des Jahres 2002 nennt die Casa Alianza im Zusammenhnag mit 29 Morden das "carro de la muerte". Rechtsanwalt Jose Gustavo Zelaya, der für die Casa Alianza arbeitet, resümiert: "Als wir 1998 anfingen, uns mit den Fällen zu beschäftigen, fand man die Jugendlichen exekutiert an abgelegenen Orten. Mit der Zeit haben sich die Praktiken der Exekutionen geändert. Dann tauchten im Jahr 2001 plötzlich die bekannten Autos auf, das graue, das rote, das blaue, das weiße." Die Mörder suchten Plätze auf, wo sich Jugendliche treffen. "Sie schauten den Jugendlichen unter die Shirts, und wenn sie Tattoos vorfanden, exekutierten sie die Jugendlichen unverzüglich. Direkt dort, vor den Leuten."
Allein im September 2001 werden insgesamt 24 Jugendliche in Tegucigalpa und San Pedro Sula hingerichtet, die Täter sollen in den "Todesautos" gesessen haben. Die Mörder - Augenzeugen sprechen immer von mehreren bewaffneten Männern in diesen Autos - bleiben unauffindbar. Die Schlagzeilen sind reißerisch. "Vier Tote und drei Verletzte hinterlässt das ,Kommando Exterminator'", so eine Überschrift in der honduranischen Tageszeitung La Tribuna.
Bis heute werden die vermeintlichen Täter trotz vielfacher Untersuchungen nationaler und internationaler Organisationen nicht strafrechtlich verfolgt. "Hier sterben im Durchschnitt zwei Jugendliche am Tag, einfach nur weil sie einer Bande, einer Jugendbande angehören, und es wird nicht gegen die Täter ermittelt", sagt Zelaya.
Anfang 2002 legt der Menschenrechtsbeauftragte Leo Valladares einen ausführlichen Bericht vor, der in 192 Punkten die Hintergründe des dramatischen Anstiegs willkürlicher Ermordungen von Jugendlichen in Honduras untersucht. Valladares äußert darin seine Besorgnis "über die schwache Antwort seitens der staatlichen Autoritäten. Die zusammengetragenen Ermittlungen (zum Beispiel die Aussagen von Augenzeugen oder die kaum vorhandenen Ermittlungen der registrierten Fälle) zeigen, dass in diesem Land wiederholt Gewaltverbrechen an Jugendlichen stattfinden, deren Charakteristik der international gültigen Definition von Hinrichtungen entsprechen."
Im Juli 2002 überreicht Asma Jahangir, pakistanische Sonderbeauftragte der Vereinigten Nationen für die Untersuchung der Morde in Honduras, ihren Abschlussbericht. Darin spricht sie davon, dass einige der Kinder von Sicherheitskräften ermordet worden, dass in der Mehrheit der Fälle die Kinder oder Jugendlichen unbewaffnet gewesen und dass die Ermittlungen äußerst unzureichend seien. Außerdem zeigt sie sich in dem Bericht beunruhigt darüber, dass in der Öffentlichkeit die Gewalt gegen Kinder gutgeheißen, dass die Morde als Säuberung der Straßen gerechtfertigt werde.
Kurze Zeit später legt das Innenministerium eine eigene Untersuchung vor. Auch darin wird davon gesprochen, dass in einigen der vorliegenden Hinrichtungsfälle Polizisten oder Wachschutz involviert seien. Die Zahl der Opfer im Zeitraum von 1999 bis 2001 wird in der Altersgruppe unter 30 Jahren mit 2262 angesetzt. Casa Alianza spricht von 1361 Personen unter 22 Jahren, die im Zeitraum von 1998 bis September 2002 umgebracht wurden.
Brisant sind die Aussagen der Subkommissarin Maria Luisa Borjas, Chefin der Abteilung für Innere Angelegenheiten der Polizeikräfte. Sie wird im Juni 2002 beauftragt, den Polizeikommissar Juan Carlos Bonilla zu überprüfen, der im Verdacht steht, an der Ermordung und dem Verschwinden vermeintlicher Entführer beteiligt gewesen zu sein. Ihre Ermittlungen verdichten die Beweislage gegen Bonilla und drei weitere Polizeikräfte. Borjas stellt auch Zusammenhänge zu den Hinrichtungen der Killer in den "Todesautos" her. Ende September 2002 erklärt sie öffentlich, dass nach ihren Ermittlungen Polizisten mindestens 20 Jugendliche hingerichtet haben.
Maria Luisa Borjas gerät im Laufe ihrer Untersuchung unter Druck, weil sie die Tatverdächtigen namentlich nennt. "Wir haben die Aussage eines entscheidenden Zeugen", berichtet sie, "der uns darüber informierte, dass er in diesen Autos saß, die immer wieder genannt werden im Zusammenhang mit den Exekutionen: der graue Pickup, der rote Pickup, der weiße Kleinlaster." Weitere Exekutionen entsprechen exakt der von dem Zeugen beschriebenen Vorgehensweise. "Der Offizier, der diese Operationen anführte, hatte den Zeugen eingeweiht, dass sie sich die ,Magnificos' (die Großartigen, d. Red.) nennen, weil sie keine Spuren hinterlassen hatten, als sie ihre Verbrechen begangen haben, und dass im ganzen Land 20 Gruppen agieren, die diese ,soziale Säuberung' durchführten", erzählt Subkommissarin Borjas.
Sie ist in der Zwischenzeit vom Dienst suspendiert. Ohne dass sie angehört wird, wird ihre Nachfolgerin ernannt. Borjas erhält Drohanrufe, ihr Mann und ihr Sohn sind schon einmal von einer Gruppe Bewaffneter verfolgt worden. Ihre Ermittlungsergebnisse hat die Kommissarin an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Dem Innenminister Oscar Arturo Alvarez Guerrero hat sie berichtet, dass Beweismittel innerhalb der Polizeibehörde manipuliert worden seien.
Keiner der von Maria Luisa Borjas genannten angeblichen Täter ist bisher verhaftet worden, gegen sie wird nicht mal ermittelt. Die Suspendierung der Polizistin ist bis heute nicht aufgehoben.

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