Gefaengnis El Porvenir

Erika Harzer - Neues Deutschland - 2. Juni 2003


Bericht über Gefängnismassaker veröffentlicht

Das Gefängnismassaker in Honduras war schrecklich genug, um sich einen kurzen Augenblick neben der Irak-Kriegsberichterstattung zu behaupten. Einen Monat danach legte die Untersuchungskommission nun ihren Bericht vor.
Die Bilder über die Gefängnisrevolte im April 2003 in der Strafanstalt »El Porvenir« (Die Zukunft) im Norden von Honduras waren schrecklich: verkohlte Leichen, die im Innenhof der Haftanstalt aufgereiht waren. Ein kurzer Zwischenbericht über die Niederschlagung eines Aufstands, dann bestimmte wieder der Irak-Krieg die Tagesordnung.

Gut einen Monat nach dem Massaker legte jetzt die von der Regierung des konservativen Präsidenten Ricardo Maduro eingesetzte Untersuchungskommission ihren Bericht mit erschreckenden Details vor. Bei dem Massaker starben insgesamt 69 Menschen, davon 66 Häftlinge, von denen 61 den so genannten Maras, organisierten Jugendbanden, angehörten. Außerdem kamen drei Besucherinnen ums Leben – zwei Frauen und ein Kind, die sich zum Zeitpunkt des Massakers in der Haftanstalt aufhielten.
Was anfänglich wie Streit zwischen unterschiedlichen Häftlingsgruppen aussah, bekommt mit dem Untersuchungsbericht neue Konturen. »El Porvenir« gilt als Modell-Gefängnis. Im Februar dieses Jahres wurden 50 »Mareros«, wie die Bandenmitglieder im Volksmund genannt werden, von der Hauptstadt Tegucigalpa nach »El Porvenir« verlegt, sehr zum Missfallen der dort bereits untergebrachten Häftlinge.
Ein gegenseitiges Missfallen mit tödlichen Folgen. Nachdem Gefängniskommissar Oscar Sánchez Rodríguez die Mitglieder der »Mara18« aus den Zellen holen und auf den Hof bringen ließ, soll ein »Marero« eine Pistole gezückt und mehrmals Schüsse auf die Mitglieder des Häftlingskomitees abgefeuert haben. Einer war sofort tot, ein zweiter schwer verletzt, so der Ermittlungsbericht. Der Funke war gezündet, die Schlacht konnte beginnen. Ein von einem Häftling geworfenes brennendes Handtuch löste Feuer aus und in den Zellen Panik. Das Resultat ist bekannt: 61 »Mareros« und acht weitere Menschen fanden einen grausamen Tod.
Die vermeintliche »Häftlingsrevolte« von »El Porvenir« erweckt den Anschein, dass die Provokation mit tödlichen Folgen von offizieller Stelle gefördert wurde. Menschenrechtsorganisationen äußerten den Vorwurf, dass dieses Massaker Teil der Politik der honduranischen Regierung sei, die die Ermordung Jugendlicher bewusst toleriere. Allein in den vergangenen fünf Jahren sind 1600 Fälle von Erschießungen und Hinrichtungen von Jugendlichen in Honduras registriert worden, die nahezu alle nicht aufgeklärt worden sind.

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