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Erika Harzer - taz - 10. Februar 2007

In Ceuta, einer spanischen Exklave in Marokko, findet tagtäglich ein unglaubliches Spektakel statt: Unzählige EU-Konsumgüter passieren die Grenze, die offiziell nur für Touristen geöffnet ist. Möglich machen dies tausende von Lastenträgerinnen - die selbst aber kaum davon profitieren.

Der Regen prasselt ungewohnt stark, überall sind Pfützen, ein ganz normaler Dezembertag am europäischen Tor zu Afrika. Ameisenartiges Gewusel, hektische Verpackungsaktionen, geschäftige Betriebsamkeit, aufmerksame "Checker", wenig Grenzpersonal, Tonnen verpackter, geschleppter Ware - so könnte das Geschehen am kleinen Grenzübergang zwischen Ceuta und Marokko beschrieben werden, einem Grenzübergang, der von beiden angrenzenden Ländern als touristischer bezeichnet wird.

Eigentlich nicht unbedingt eine besondere Szenerie, wenn da nicht die tausende von Frauen wären - junge Frauen, alte Frauen, behinderte Frauen, Frauen als Lastesel -, die unter der mitgeschleppten Ware kaum laufen können, deren Rücken dauerhaft gekrümmt erscheint. Und wenn diese Grenze nicht ausdrücklich als touristische und nicht für den Warenverkehr bestimmte Grenze deklariert wäre. Und wenn all das, was sich an dieser Grenze tagtäglich abspielt, nicht erhebliche Warenverschiebungen in einer Grauzone wären, dann wäre dieser Grenzübergang nichts Besonders.
Wenn morgens gegen 6 Uhr die Grenze auf spanischer Seite geöffnet wird, beginnt der Massenansturm marokkanischer Lastenträgerinnen auf Ceuta, der spanischen Exklave auf afrikanischem Kontinent, die Gibraltar direkt gegenüberliegt. "Es ist wie die Ladenöffnung der Kaufhäuser am ersten Schlussverkaufstag", beschreibt der Grenzbeamte den jeden Morgen sich wiederholenden Andrang.
Die Männer und Frauen drängen sich durch den schmalen Grenzübergang - für die Einreise nach Ceuta reicht der marokkanische Pass - und stürmen in die direkt neben der Grenze liegenden Markthallen. "Zwanzigtausend sind es schon am Tag, manchmal auch mehr" - mit einem lapidaren Schulterzucken unterstreicht der Grenzbeamte die Dimension des täglich sich hier wiederholenden Treibens. Sein Blick schweift dabei über das Nadelöhr. und auch wenn es nicht zu hören ist, so spürt man doch sein dabei gedachtes "unvorstellbar!".Und schon ist er wieder bei der Arbeit. Alles muss schnell gehen in diesen Stunden zwischen Öffnen und Schließen der Grenzen. Die am Tag geschafften Touren machen den Verdienst aus. Bald schon kommen die Ersten wieder aus den Markthallen zurück, nur wenige Männer, überwiegend Frauen, die Rücken zum umknicken voll bepackt. Kartons oder Säcke, eingewickelt in Tücher oder Plastikplanen oder in beides, auf dem Rücken mit Schnüren festgezurrt, beide Hände voller Tüten und Taschen, so fädeln sie sich in den Schleusengang der Grenze zurück nach Marokko ein. Alles wirkt eingespielt, das Treiben der Lastenträgerinnen ebenso wie das der Männer, die sich vor der Grenze aufhalten und mit ihren Gesten und schreiend geführten Handygesprächen den Eindruck vermitteln, alles unter Kontrolle zu haben.
Auch die Grenzposten auf beiden Seiten spielen ihre Rollen in diesem warenbewegenden Stück, das zur Versorgung naheliegender marokkanischer Märkte mit Konsumgütern aus aller Welt beiträgt. Weit über 1 Million Tonnen Konsumgüter steuern jährlich den Hafen der über 70.000 Einwohner zählenden Stadt Ceuta an. Einiges davon bleibt tatsächlich in Ceuta, das meiste wandert weiter nach Marokko und füttert durch diesen eigentlich nicht vorhandenen, aber von beiden Seiten geduldeten Handel sowohl das Gewerbe der autonomen Stadt Ceuta wie auch die Märkte auf marokkanischer Seite. Und weil es eigentlich nicht sein darf, aber doch geschehen soll, wandert die Ware auf dem Rücken von tausenden von Frauen, ohne irgendwelche entlastenden Hilfsmittel, tagtäglich, außer sonntags, durch diesen Durchlass der ansonsten zur undurchlässigen Festung ausgebauten Grenze von Europa nach Afrika. Sonntags fahren die Ceutaner im Auto "rüber", holen in Marokko den Fisch oder billig Obst und Gemüse.
Auf die Frage nach dem Verdienst der Frauen gibt es viele Antworten und keine. Im Getümmel an der Grenze mag niemand antworten. Unterbrechungen des Ablaufs sind nicht erwünscht, kosten Zeit und könnten den weiteren Transport unmöglich machen. Vielleicht 1 Euro, vielleicht aber auch 5 Euro, für den Transport oder für den Tag. Auch diese Angaben bleiben in der Grauzone.
Im Fährhafen von Ceuta, dem Verbindungshafen zum spanischen Festland, wirkt alles viel behäbiger. Hier reicht zur Weiterfahrt der marokkanische Pass allein nicht mehr aus, nur Visuminhabern wird der Zugang zum Schiff gewährt.
Im Eingangsbereich bieten Marokkanerinnen Kaugummis oder Glücksbringer an. Bei der Frage nach ihrem Lohn oder dem der Lastenträgerinnen winken sie sofort verunsichert ihre Aufpasser herbei. Die Kontrolle funktioniert perfekt, und die Frage wird damit an die Männer weitergereicht. "5 Euro natürlich", ist deren von einem Lächeln begleitete Antwort. Die Verkäuferinnen stehen etwas im Hintergrund, und ihre Gestik ist deutlich: 5 Euro: nie im Leben!

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