020602 fer beim dribbelnFotos zum Thema: FF Honduras/Nicaragua...

Erika Harzer - Wochenzeitung WoZ - 23. Januar 2003

Fussball spielende Klosterschülerinnen? In der Stadtmeisterschaft von Tegucigalpa tauschen sie Schuluniform gegen dunkelblaue Sportklamotten.

Die Mittelklassedamen der Liga

«Lauf, Fer, lauf! Schneller! Das ist deiner! Nach aussen! Weiter nach aussen! Bleib an der Linie! Dani steht frei, pass rein! Dani zum Ball! Lauf! Toooor!» Da ist es endlich: das Führungstor. Entsprechend gross ist die Freude bei den Mädchen in dunkelblauen Trikots, den Mädchen aus Danis und Fers Club Deportivo Motagua Femenino, des Frauensportklubs Motagua.

Auf einem steinigen, staubigen Acker kämpfen 22 Mädchen um den Ball. Auf dem Acker stehen Tore, auch Aussenlinien und 16-Meter-Raum sind markiert. Die seitliche Tribüne mit verbogenem, durchlöchertem Wellblechdach lässt ebenso wie die winzigen Umkleideräume ohne Duschen darauf schliessen, dass dies noch einer der besseren Fussballplätze ist. Jedenfalls müssen sich die Spielerinnen nicht im Freien umziehen. Die Mädchen, die hier um Punkte kämpfen, sind zwischen fünfzehn und achtzehn Jahre alt und spielen in der A-Jugend um die Stadtmeisterschaft von Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras. Der Club Deportivo Motagua Femenino – benannt nach einem männlichen Verein der honduranischen ersten Liga – spielt gegen die Mädchen des Club Tabora, der den Namen seines Gründers und Besitzers trägt. Dieses Spiel müssen sie gewinnen, um ins Endspiel der Stadtmeisterschaft zu kommen. Jetzt steht es 2:1 für Motagua.
Fer – eigentlich Fernanda Maria – ist mit ihren sechzehn Jahren die drittälteste von fünf Töchtern einer Arztfamilie aus Tegucigalpa. Wenn sie nicht trainiert oder für die Schule arbeiten muss, verbringt sie ihre Zeit am Computer, im Internet. Sie spricht sehr gut Englisch, und ihre älteste Schwester studiert in den USA. Ob sie ihr folgen will, weiss sie noch nicht. Mal abwarten. «Vielleicht bekomme ich ja ein Sportstipendium.» Vorher will sie noch etliche Tore schiessen oder einfädeln, denn ein Sportstipendium in den USA könnte auch der Anfang einer Profikarriere sein. Schliesslich ist Frauenfussball in den USA ziemlich populär und bietet guten Spielerinnen gute Einkommen.

Argentinische Fernsehheldinnen
Nach dem 2:1 kommt der Motagua-Fanklub, der aus einigen Müttern, Schwestern und Freunden besteht, in Fahrt. «Sí, se puede» (ja, es geht doch), schallt es von der Tribüne. Der Ball läuft gut. Wieder kommt eine lange Steilvorlage aus dem hinteren Mittelfeld zu Fer, die elegant zwei gegnerische Abwehrspielerinnen umspielt, bevor sie mit Daniela den oft trainierten Doppelpass anwendet. Der Ball geht kurz zu Daniela in die Mitte, kommt von ihr sofort wieder steil zurück. «Pegalo directo» (schiess direkt), brüllt der Trainer, und Fer zielt den Ball ins lange Eck. «Gooooal!»
Daniela, beim Spiel «Dani» gerufen, kommt aus einer nicht so gut betuchten Familie der vielen Mittelschichtquartiere der Hauptstadt. Dort, in der Kolonie Lara, hat sie vor Jahren mit Freundinnen zu kicken begonnen. «Es hat einfach Spass gemacht», sagt sie. «Las Cebollitas» (die Zwiebelchen), so nennen sich die langjährigen Freundinnen Dani, Christel, Tania, Terena, Susi und Alina. Dani erklärt: «So hiess damals eine argentinische Serie über Jugendfussball. Wir wollten wie die Cebollitas sein.» Sie lernten sich in ihrer von Nonnen geleiteten, streng katholischen Mädchenschule kennen. Dort gehörte das Tragen einer bieder-braven Schuluniform ebenso zum Alltag wie die Erziehung zum traditionell mädchenspezifischen Rollenverhalten. Dennoch war ihnen im Sportunterricht erlaubt, ein Fussballteam aufzubauen und an Schulturnieren teilzunehmen. «Aber sobald eine von uns eine schlechte Note in einem anderen Fach hatte, war Fussball das Erste, was ihr verboten wurde», erzählt Daniela.
Und die Schule forderte viel von den Mädchen. Die Freizeit war entsprechend eingeschränkt. «Meine Eltern hätten mir nie erlaubt, in das Motagua-Team einzutreten, wenn meine Noten nicht mehr gut gewesen wären. Ich musste also lernen, um spielen zu können.» Die Berufsperspektiven für Mädchen in Honduras sind begrenzt. Wenn die Eltern nicht in der Lage sind, die hohen Studiengebühren für Privatuniversitäten aufzubringen, birgt nur ein hervorragender Schulabschluss die Hoffnung auf ein Stipendium oder das Studium an einer staatlichen Uni. Daniela hat das Los der Staatlichen gezogen, wo sie seit Februar letzten Jahres studiert.
Daniela schaut, dass sie trotz Studium möglichst weder beim Training noch bei den Punktspielen fehlt. Sie gehört zu den besten Torschützinnen des Turniers. «Im letzten Spiel hab ich alle drei Tore geschossen, hey, da waren alle baff.» Erzählt Daniela mit einem schelmischen Lächeln. Immerhin ist sie die Einzige vom Team, der auch schon «Chilenas», Fallrückziehertore, gelungen sind.

Aus den reicheren Vorstädten
Nicht zu den Cebollitas, aber zum Motagua-Team gehört auch Alicia Gabriela, eine Cousine von Christel, die nur zwei Strassen entfernt von Daniela wohnt. Alicia ist der Knotenpunkt im Team. Über sie laufen die Kontakte zwischen den beiden Hauptgruppen, den Mädchen aus der Nonnenschule und den Mädchen aus den reicheren Vorstädten, die mit Fer und Alicia zusammen auf die zweisprachige Privatschule am Stadtrand gehen und Hoffnung auf ein Stipendium in den USA hegen. Alicia ist da eine Ausnahme. Sie findet es «super», gut Englisch sprechen zu können, aber was soll sie in den USA? Honduras ist ihr Zuhause, da will sie studieren und Fussball spielen. Sie lebt bei ihren Eltern mit der älteren Schwester, dem jüngeren Bruder und einigen Hunden und Katzen.
«Alicia, mach du den Einwurf, Fer lauf nach aussen.» Fer lässt den Ball fallen, und Alicia bringt sich in Position. Ihre Einwürfe sind weit und präzise. Sie wirft an der Linie entlang, an der Fer schon nach vorne läuft und die erste Abwehrspielerin stehen lässt. Alicia läuft in die Mitte. «La bola Fer», ruft Alicia zu Fer und will von ihr eine Vorlage. Sie steht frei vor dem Tor, aber Fer klebt am Ball, umspielt noch eine Abwehrspielerin und schiesst dann direkt aufs Tor. Es ist die sechzigste Spielminute, und mit 3:1 ist der Einzug ins Finale schon fast gesichert. Letztlich geht das Spiel 3:2 aus, und die Motagua-Mädchen haben es geschafft.
Im Herbst 2000 fing das Ganze an. Damals bot der honduranische Fussballverband zum ersten Mal in Tegucigalpa eine offizielle Stadtmeisterschaft für Mädchen der A- und B-Jugend an. Die Cebollitas wurden von einem Trainer eingeladen, in dem von ihm gegründeten und trainierten Mädchenfussballklub Motagua mitzumachen. «Davon hatten wir oft geträumt, und plötzlich steht da tatsächlich ein Trainer und will mit uns arbeiten!» Die Cebollitas trommelten noch ein paar Freundinnen zusammen, aber etliche Eltern spielten nicht mit. Die Schulleiterin hielt eine flammende Rede gegen diese ausserschulische Aktivität, deren Wege unkontrollierbar würden und die mit Sicherheit die Mädchen vom schulischen Geschehen ablenken würde. Sie mussten also noch andere Mädchen suchen. Da kam Alicia ins Gespräch und mit ihr die Mädchen aus der anderen Schule. Das Team war vollzählig.
In drei Meisterschaftsturnieren hat Motagua femenino bisher zweimal den Einzug ins Finale geschafft und beide Male verloren. Sie gelten als die Mittelklassedamen der Liga, und das Endspiel glich in beiden Fällen einem kleinen «Klassenkampf». Die Mädchen der anderen Teams kommen aus den marginalisierten Quartieren und der Oberstufe öffentlicher Schulen. «Compartir» (Teilen) heisst ein Team, dessen Träger in den Armenvierteln der Stadt Kinder- und Jugendsozialarbeit macht. Oder «Promesas Chilenas» (Chilenische Versprechungen): Das sind Mädchen aus dem Stadtteil El Chile, eines der vom Hurrikan Mitch stark betroffenen Viertel der Hauptstadt. Wenn Motagua femenino spielt, dann stehen mit Digitalkameras ausgestattete Eltern am Rand und filmen. Die Motagua-Mädchen aus Oberklasse und Mittelschicht kommen auch nicht mit den überfüllten öffentlichen Bussen zum Spiel. Ihre Eltern bringen sie in den neueren Modellen der Vierradantrieb-Autos zum Platz.

Alles in Männerhand
In Tegucigalpa gibt es zu wenig Fussballplätze, und sie sind fast alle fest in Männerhand. So musste zu Beginn jede Woche aufs Neue nach Plätzen gesucht werden. Schiedsrichter kamen oft nicht, und wenn sie kamen, pfiffen sie völlig lustlos oder belustigt, aber eben nicht den Regeln entsprechend. Manchmal hält sich der Verband nicht an Absprachen. Bewilligte Gelder für Platzwarte und Platzmiete oder für Schiedsrichter werden nicht ausgezahlt oder erst Monate später. Angesetzte Spiele fallen aus, weil kurzfristig der versprochene Platz an andere, gut zahlende Wettkampfveranstalter vergeben wurde. Und wenn doch einmal alles klappt, kann es passieren, dass ein tropischer Regenguss den Platz im Schlamm versenkt und wieder nicht gespielt werden kann.
Die Transportwege sind kompliziert, manche Spielerinnen brauchen mehr als eine Stunde Anfahrt. Jeden Sonntag müssen Eltern aufs Neue überzeugt werden, die Tochter nicht gerade jetzt mit in die Kirche zu nehmen oder sie von Verwandtenbesuch und Hausarbeiten freizustellen. Wenn dann das Spiel ausfällt, ist der Frust ziemlich gross.
Nicht selten werden die spielenden Mädchen angemacht – auf dem Weg in die Kabinen oder auf dem Heimweg. Deshalb werden die sensiblen Bereiche rund um den Platz überwacht, und in unklaren Situationen greifen Betreuer sofort ein, auch wenn es nicht das eigene Team betrifft. «Wie können wir verhindern, dass unter den Fans bewaffnete Bandenmitglieder auftauchen?», fragte kürzlich der Trainer von Tabora. Bisher erging bloss der dringliche Appell an alle Teams, ihre Fans diesbezüglich zu kontrollieren. Und dann spielt sich das Ganze in einem Umfeld ab, das so manche Eltern verunsichert. Fussball spielende Mädchen gelten als Lesben oder als «Mannsweiber». Etliche
Eltern verbieten ihren Töchtern auch deshalb, Fussball zu spielen.
In der neuen Saison werden Fernanda und Daniela mit ihrem Team Motagua nicht mehr in der A-Jugend spielen, sondern in der ersten Liga. Und sie werden wieder hoffen, endlich Stadtmeisterinnen von Tegucigalpa zu werden.

Die Plastikjungs

Im Gegensatz zu den Mädchen spielen die «chicos plásticos», die «Plastikjungs», wie die Oberschichtjünglinge im Volksmund genannt werden, nicht in den Verbandsligen, sondern in Privatklubs. Da bleiben sie unter sich und zahlen dafür monatlich horrende Mitgliedsbeiträge. Auf den steinigen, staubigen, verletzungsträchtigen Plätzen der Verbandsligen spielen die Jungs aus den «barrios», den ärmeren Stadtteilen, die hoffen, über den Fussball in eine bessere Welt aufsteigen zu können.
Anders bei den Mädchen. Berührungsängste sind hier noch nicht vorhanden. Da spielen die mehrsprachig gebildeten, handytragenden angehenden Auslandsstudentinnen, die von Hausangestellten verwöhnten Töchter, gegen Mädchen, die schon seit frühester Kindheit für Haushalt und Erziehung der jüngeren Geschwister verantwortlich sind. Und Letztere bilden die absolute Mehrheit in diesem Land, das zu den ärmsten Ländern der Erde gehört. Machismo bestimmt den honduranischen Alltag, Gewalterfahrungen das Aufwachsen der Mehrheit der Mädchen. Über sechzig Prozent der Haushalte werden von allein stehenden Frauen geführt, die sich und ihre Kinder in der Regel ohne finanzielle Hilfe durchbringen müssen.
Mädchenfussball stösst nach wie vor auf Vorurteile, selbst in Kreisen der Funktionäre des Verbandes. Nur unter Druck der Fifa begann der Verband, Mädchen- und Frauenligen anzubieten. Die Eröffnung einer Mädchenliga in der Hauptstadt glich denn auch einer Pflichterfüllung. Die Teams, die mitmachten, bekamen als Starthilfe Trikots und Fussballschuhe vom Verband gestellt, finanziert mit Fifa-Geldern.

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