070625 training  lohmuehlenplatz

Fotos zum Thema: Mädchenfussball Tuerkiyemspor...

Berliner Zeitung, 01.12.2008 - Erika Harzer

Hülya macht das Spiel

Eine junge Kreuzbergerin wird in die U17-Fußballnationalelf der Türkei berufen - auch ein Verdienst ihres Vereins.

ISTANBUL/BERLIN. "Die Wohnung war ihr Spielfeld, hier hat sie ständig gekickt. Die Möbel litten darunter. So konnte das nicht weitergehen." Mehmet Kaya blickt in die Familienrunde. Der Kommentar seiner Tochter Hülya folgt kurz und bestimmt: "Ich war schon damals Fan von Galatasaray Istanbul", als sei damit alles erklärt, als wäre dies der logische Grund, mit ihrem Wohnzimmerkick den Möbeln Dellen zu verpassen.

Dabei war es ihre Lust aufs Spiel und darauf, diesen Ball vor sich her zu schieben, ihn um den Sessel zu tricksen, dann leicht anzuheben, und in die Torecke neben dem Wohnzimmerschrank zu versenken. Tricks aus dem Fernsehen, die mussten geübt werden. Natürlich.

Aber nicht zu Hause, forderte damals Mehmet Kaya. Es war dann Hülyas Großvater, der angesichts der fußballerischen Qualitäten der Enkelin zur Tat schritt: Hülya sollte im Club spielen, und er meldete das Mädchen bei Türkiyemspor Berlin e.V. an, einem Kreuzberger Fußballclub mit gutem Ruf. 1978 war dieser als Migrantenverein BFC Izmirspor gegründet worden, 1987 benannte er sich um in Türkiyemspor, heute ist er der bekannteste Migrantenverein innerhalb der deutschen Fußballverbandsligen. Auch Politiker demonstrieren gerne Nähe zu dem Club - wenn interkulturelles Zusammenleben als Thema gefragt ist. Der jüngste sportliche Erfolg des Vereins ist der eben gelungene Aufstieg in die Regionalliga Nord.

2004 begann Türkiyemspor mit der Mädchenarbeit. Die Idee, Mädchen mit Migrationshintergrund Fußball anzubieten, wurde im Verein zunächst belächelt, nicht recht ernst genommen, doch die Arbeit begann am Rande der Jugendabteilung mit einem D-Jugend Team. Heute trainieren vier direkt der Jugendabteilung angeschlossene Mannschaften. Die Akzeptanz innerhalb des Vereins ist gewachsen, auch die Erfahrungen im Kontakt mit den Eltern. Murat Dogan, Hülyas Trainer, führt viele Gespräche mit Vätern und Müttern. Manchmal ist es nicht leicht sie zu überzeugen, dass Mädchen Fußball spielen können - auch über die Pubertät hinaus.

In der Familie Kaya war das alles gar kein Problem. Hier zweifelt niemand an Hülyas Fußball-Leidenschaft. Im Gegenteil, Mehmet Kaya, der als Gärtner in einem Kreuzberger Betrieb arbeitet, spricht stolz über die Tore seiner Tochter. Hülya gehört bei Türkiyemspor nicht nur altersmäßig zu den Großen. Ihre Tore entscheiden oft die Spiele. Dass seine Tochter Fußball spielt, sei für ihn nichts Außergewöhnliches, betont Mehmet Kaya gelassen.

Ein Blick in die familiäre Runde lässt Hülya allerdings doch, rein äußerlich, ungewöhnlich erscheinen. Da sitzt das schlaksige Mädchen mit ihrem langen, offenen Haar, sportlich gekleidet, neben ihren beiden älteren Schwestern, deren Haare züchtig unter Kopftüchern verborgen liegen. Warum mit, warum ohne Kopftuch? Die Antworten sind simpel: "Weil wir uns so entschieden haben." Jede für sich, zwei so und eine anders. Und Hülya ergänzt: "Hätte ich nicht mit Fußball angefangen, hätte ich mich vermutlich auch für das Kopftuch entschieden." Ihre beiden älteren Schwestern kommentieren Hülyas Wege liebevoll-scherzend: "Wenn die Verwandtschaft zusammensitzt, dauert es nie lange, bis Hülya einen Ball nimmt und mit all unseren Cousins loszieht." Neuerdings zieht Hülya nicht mehr nur ums Eck.

Ende Oktober standen Gülsen und Sultan, die beiden Schwestern, ein paar Blumen in der Hand, gemeinsam mit Trainer Dogan am Flughafen Tegel. Sie warteten, bis zwischen Urlaubs- und Familienreisenden aus Antalya Hülya in die Halle kam, bekleidet mit dem Türkiyemspor-Shirt, blau mit Vereinsemblem. Sie war in den Kader der türkischen U17-Nationalmannschaft berufen worden, und zunächst für ein paar Tage zur gemeinsamen Vorbereitung ins Trainingscamp bei Istanbul gereist. Es folgten Qualifikationsspiele für die U17-Europameisterschaft in Antalya. Qualifizieren konnte sich die Türkei nicht, verlor zwei der drei Spiele. Aber Hülya war dabei. Es war ihre erste Nominierung in ein Auswahlteam. Es waren auch ihre ersten Reisen in die Türkei ohne Familie. Und sie schoss ihr erstes Tor in einer Nationalelf, ein Kopfballtor gegen die Faröer Inseln. Hülya selbst ist mit ihrer ersten internationalen Spielrunde recht zufrieden. "Ich hab ein Tor gemacht, aber auch viele verpasst", sagt sie lachend über sich selbst. Sie kennt ihre Schwächen, "Kraft und und Kondition reichen noch nicht aus, das habe ich gemerkt".

Am Fenster ihres Kreuzberger Zimmers, das sie mit ihrem kleinen Bruder teilt, hängt seit ihrer Rückkehr ein durchsichtiger Stoff, bedruckt mit den Farben und Symbolen von Galatasaray Istanbul. Den Vorhang hat sie sich gekauft, als sie einmal Ausgang hatte. Galatasaray beherrscht das Zimmer: Neben Wimpeln hängen Spielerposter, natürlich auch von Ümit Karan und Arda Turan, den Stars, den Helden.

Murat Dogan, die treibende Kraft für den Mädchenfußball, ist stolz, dass eine seiner Spielerinnen in die Auswahl geladen wurde: "Hülyas Berufung ist auch eine Anerkennung für unsere Arbeit im Verein." Vielleicht, so überlegt er weiter, weckt diese Nominierung in die türkische U17 auch bei der Berliner Landesauswahl Interesse daran, Hülyas Entwicklung und spielerisches Talent zu beobachten.

Bisher kann man nicht sagen, Berliner Behörden seien hilfreich gewesen. Fast wäre Hülyas U17-Nominierung am Tarif-Streik im öffentlichen Dienst gescheitert. Als Sechzehnjährige benötigte sie für die Reise in die Türkei einen Stempel für die Aufenthaltsgenehmigung in ihrem Pass. "Bei der Ausländerbehörde sagten sie mir, sie streiken, sie können mir das nicht geben", erinnert sich Hülya. Mehmet Kaya ließ nicht locker und erhielt nach stundenlanger Überzeugungsarbeit ein für diese Reise gültiges Ersatzdokument.

Für Hülya bleibt die großartige Erfahrung: die Herausforderung, sich in ein Team mit lauter guten Spielerinnen einzufügen, dort auch neue Positionen mit entsprechenden taktischen Anleitungen auszufüllen. Das reizt, weckt Lust auf mehr. Sie wird härter trainieren müssen, aber ohne die Schule zu vernachlässigen, sagen die Eltern.

Für die Tage in der Türkei wurde Hülya von ihrer Schule, der Hector- Peterson-Oberschule am Tempelhofer Ufer, freigestellt. Jetzt muss sie den verpassten Stoff nachholen. "Das ist doppelte Arbeit", beschwert sich Hülya, allerdings zaghaft. Nörgeln ist nicht ihr Stil. Sie will Abitur machen - und weiter trainieren, neue Tricks lernen. Bummeln, tanzen gehen, das interessiert sie wenig. Und dann? "Vielleicht werd ich Sportlehrerin", überlegt sie.

Bei Türkiyemspor und Trainer Murat Dogan fühlt sich Hülya jedenfalls gut aufgehoben und gefördert. Seit ihrer Rückkehr aus der Türkei hat sie für ihre Mannschaft schon wieder sechs Tore geschossen. Es ist ein Verein, der Mädchen aus unterschiedlichen Kulturkreisen anzieht. Die Sprache auf dem Platz wechselt, "mal reden wir Türkisch, dann aber auch Deutsch mit den Spielerinnen, die kein Türkisch können", und "manchmal da komm ich auch sprachlich durcheinander, verwechsle die Worte", sagt sie. Um die Gegnerinnen zu verwirren, rufen sie sich während der Spiele manchmal auch türkische Worte zu, "dann verstehen uns die anderen nicht". Hin und wieder hören sie Sprüche wie "Scheiß Ausländer". "Das nervt", sagt Hülya, die in Berlin geboren ist.

Ihre Eltern kommen aus Artvin, der östlichen Schwarzmeerregion der Türkei, kurz vor der Grenze zu Georgien. Hülya kennt die Türkei von den alle zwei Jahre stattfindenden Familienreisen. Berlin ist ihr Lebensmittelpunkt, hier hat sie ihre Freundinnen, spielt Fußball - aber Artvin, "das ist ja meine Heimat, eigentlich", antwortet sie. Deutsch spricht sie ganz selbstverständlich.

Vielleicht wird auch Hülya Kaya irgendwann vor der Entscheidung stehen, ob sie für die türkische Nationalelf oder die deutsche spielen will. Für Mehmet Kaya steht außer Frage, dass Hülya diese Entscheidung selbst treffen muss: "Wir setzen sie nicht unter Druck. Die Schwarzmeerleute sind lockerer mit ihren Kindern. Wir sind nicht so streng." Für Hülya selbst scheint - zumindest heute - alles klar: "Türkei kommt immer zuerst. Also erst Türkei und dann Deutschland."

Am Donnerstag steht die nächste große Aufgabe an: Galatasaray Istanbul spielt gegen Hertha BSC. Hülya hat eine Karte, sie wird geben, was die Stimme vermag.

 

Identifikation und Vorbild

Der Verein: Türkiyemspor ist der bekannteste Migrantenverein der Bundesrepublik. Wegen seines sportlichen Erfolgs wurde er zum Stolz und Vorbild der türkischen Gemeinschaft Berlins und des multikulturellen Bezirks Kreuzberg. Freundschaftsspiele wurden zum Beispiel mit Bayern München, Trabzonspor und Fenerbahçe Istanbul in Berlin ausgetragen.

Mädchensport: Bei Türkiyemspor gibt es mehrere Mädchenfußballteams. Im Rahmen des vom Deutschen Fußball-Bund geförderten Projekts Soziale Integration von Mädchen durch Fußball führte Türkiyemspor Berlin Ausbildungskurse für angehende Fußballübungsleiterinnen durch. Für die Förderung des Mädchenfußballs erhielt der Verein den Integrationspreis des DFB.

© Berliner Zeitung

Zum Seitenanfang