Przemysl (Ukraine)

Berliner Zeitung - 28.5.2009 von Erika Harzer

Przemysl hat schon zu vielen Ländern gehört. Heute wird hier der östliche Rand der EU geschützt
PRZEMYSL. Die Drehung war perfekt. Ein schneller Schwung nach links, die Pistole mit beiden Händen auf einen hochgeschossenen Jungen gerichtet. Dann dessen Schrei, aufgerissene Augen, die Hände vor den Bauch gepresst, der Fall. Gelächter löst die Szene aus. Der Lange zeigt dem Schützen den erhobenen Daumen. "Guter Schuss, Volltreffer."

Ein cooles Lächeln und der Schütze schiebt die Waffe wieder in den Hosenbund. Polnische Jungs verbringen ihren Nachmittag als Revolverhelden, ein an allen Ecken und Enden dieser Erde zu beobachtendes Spiel. Die polnischen Jungs spielen in Salis-Soglio, einer geschichtsbeladenen wie gegenwartsnahen Gegend.

Eine verwilderte, verfallene und irgendwie doch erhaltene Festung steht hier; sie stammt aus einer Zeit, als diese Ecke Polens, in den Vorkarpaten gelegen und mit der Stadt Przemysl im Zentrum, für die Habsburger Monarchie ein strategisch wichtiger Ort war, den es mit militärischer Raffinessen zu verteidigen galt - damals gegen das russische Reich. Heute liegt hier die Außengrenze der EU.
Kurz hinter dem letzten Befestigungsgraben von Salis-Soglio stehen der rot-weiße polnische und der blau-gelbe ukrainische Markierungspfeiler, dazwischen liegt eine schmale, gerodete Schneise, dahinter auf ukrainischer Seite ein mickriger, mit Maschendraht verspannter Zaun. Kein Stacheldraht, auch sonst keine sichtbaren Sperren. Doch der Schein trügt. Jacek Szwic, seit 22 Jahren Fotoreporter bei der Kreiszeitung Zycie, kennt die Ecke bestens: "Viele hier in Przemysl leben von der Grenze, leben vom Schmuggel über die Grenze. Aber rein kommt hier keiner mehr ohne die notwendigen Papiere. Die Patrouille ist permanent unterwegs und mit Helikoptern und Nachtsichtgeräten und sonstigen High-Tech-Geräten ausgestattet. Sie nehmen viele Leute fest." Er hält den unscheinbaren Grenzstreifen für unüberwindbar. Allein 5 000 Menschen aus der Region sind bei der Grenzbehörde beschäftigt, sie ist der größte Arbeitgeber in der Region, und die Jobs sind gut bezahlt. Nimmt man die ganze Grenze, sind 10 000 Polen mit deren Schutz beschäftigt.
Andere Arbeitsstellen gibt es kaum, auch wenn die offizielle Statistik von einem Rückgang der Arbeitslosenzahlen spricht. Frustriert darüber ist Maizena Slesite-Gatuszya, Jacek Szwics Übersetzerin. Nach Monaten als Volontärin bei der Kreiszeitung gab sie die Hoffnung auf, dort eine feste Anstellung als Journalistin zu bekommen. Dabei gehört sie im Gegensatz zu Jacek Szwics zu der Generation, die Englisch und nicht mehr Russisch als Pflichtfach hatte und den Anforderungen europäischer Firmen in Polen entspräche. Für Menschen mit ihrer Qualifikation bleibt oft nur eine Anstellung als zivile Kontrolleurin bei der Grenzbehörde, immer auf der Suche nach Menschen, die aus der Ukraine Waren nach Polen schmuggeln. Berufliche Träume passen nicht in ihre Welt. Maizena Slesite-Gatuszya hat ihre Träume aufgegeben, ihr fehlen die Kontakte, die nötigen Beziehungen, um als Journalistin weiterzukommen. "Was bleibt mir übrig?", sagt sie resigniert.
Sie wirkt etwas verloren im Getümmel der um sie herum eilenden Menschen in der Fußgängerzone. Einige Geschäfte ziert das EU-Emblem - als öffentlicher Hinweis auf erhaltene Förderung. Transparente laden zum "Miteinander" ein und den damit verbundenen Zukunftschancen. Es sind Sprachschulen für Englisch, Deutsch, Französisch, Russisch. Maizena sieht ihre Zukunft eher grau: "Wer Arbeit findet, nimmt die, auch wenn sie mit dem eigentlichen Beruf wenig zu tun hat." Wer keine findet, geht ins Ausland, daran hat sich nichts geändert.
Das haben viele gemacht aus Przemysl. Sie gingen nach Irland, England, Kanada oder in die USA, manche auch nach Deutschland. Sie schicken Geld an die Familie, das ist fester Bestandteil der Einkommen in dieser äußersten Ecke Europas. Viele kommen nun auch wegen der Krise zurück.
Auch Stanislaw Kulak, der Wirt des Bistros am Marktplatz, war im Ausland. Er lebte in den 80er-Jahren in Berlin, spricht Deutsch und Englisch. Mit dem damals Angesparten gründete er in Przemysl sein eigenes Geschäft, erst einen Sportladen, später das Bistro am Markt, ausgestattet mit eingekaufter Dekoration von Berliner Flohmärkten. Das Bistro läuft gut, hat seine Stammkundschaft, hin und wieder verirren sich auch Touristen in das Café, aber viele sind es nicht.
Przemysl liegt zwar auf dem Weg nach Lemberg in der Ukraine, aber wer fährt diese Strecke schon mit dem Auto? Und wer heute als Ukrainer überhaupt noch ein Visum für ein Schengenland erhält, kommt nicht nach Przemysl. Stanislaw erinnert sich an die Zeiten vor Polens Eintritt in die EU, da war Polen attraktiv für Westtouristen.
Dieser Tage hängen auf dem Markt auch ein paar Plakate für die bevorstehende Europawahl, doch die Slogans liegen vom Lebensgefühl der Leute am EU-Ostende Lichtjahre entfernt. Mit "Setzt auf Polen" lädt die regierende liberalkonservative Bürgerplattform zur Stimmabgabe, während Recht und Gerechtigkeit, die rechtskonservative Kaczynski-Partei, "Mehr für Polen" fordert. Nichts, das Leidenschaft für ein europäisches Gremium ausstrahlen würde.
Antoni Trojanoswki verwaltet und vermietet Wohnraum in Przemysl. Für ihn ist klar: "Die Leute sehen nicht wirklich einen Zusammenhang zwischen der Wahl zum Europaparlament und ihrem Alltag hier. Deswegen werden nur wenige wählen gehen." Antoni Trojanowski bedauert diese Haltung seiner Nachbarn, weil "langfristig viele Richtlinien, die auch unsere Grenzregion betreffen, in Brüssel verabschiedet werden. Dafür ist es wichtig, dass dort die richtigen Leute sitzen." Die Prognosen sprechen von mehr Desinteresse als noch bei den letzten Europawahlen, und da gab nur jeder fünfte polnische Wahlberechtigte seine Stimme ab. "Was hier die Menschen wirklich interessiert, das ist diese Grenze, wie durchlässig oder verschlossen sie ist", sagt Antoni Trojanowski.
Das andere Riesenproblem, der Mangel an Arbeitsplätzen, konnten auch die Maßnahmen des EU-Regionalbüros nicht beheben. Für Mecrej Brodavicz, der die Anträge aus der Region für eine EU-Anschubfinanzierung für Unternehmensgründungen bearbeitet, ist das Prozedere mit einer fast einjährigen Entscheidungszeit bis zur Auszahlung von in Aussicht gestelltem Startkapital viel zu lang. "Das bedeutet für Antragsteller absolute Planungsunsicherheit; viele scheitern an der Umsetzung ihrer Geschäftsidee, weil das Startkapital nicht kommt."
Und doch scheint in Przemysl, am Stadtrand und in den Dörfern der Umgebung der Bauboom ausgebrochen zu sein. Woher dafür das Geld kommt? Da sind sich Stanislaw Kulak, der Wirt, und Jacek Szwic, der Fotograf, einig: vom Schmuggel, einiges auch von den Leuten, die im Ausland arbeiten. Aber "der größte Teil der Leute hier lebt vom Schmuggel, von Zigaretten und Schnaps aus der Ukraine." Stanislaw sieht darin zwar die Einnahmequelle vieler, aber auch ein Problem für die Region, vielleicht gar entwicklungshemmend.

Ameisen am Übergang

Das soll sich ändern, zumindest was den Zigarettenschmuggel betrifft. Zum Jahreswechsel 2009 wurde die erlaubte Mitbringmenge von zehn auf zwei Schachteln reduziert, die Kontrolle dagegen verstärkt. Für die "Ameisen", die Grenzgänger von West nach Ost, lohnt sich der Aufwand kaum noch. Lag der Verdienst für eine mitgebrachte Stange Markenzigaretten aus der Ukraine 2008 noch bei 70 Zloty, so sind heute "legal" bei einer Tour nur ein Fünftel davon zu erreichen. Doch es gibt noch die, die auch für wenige Zloty Tag für Tag mehrmals die Grenze überqueren.
Für die Bewohner der Region Przemysl hat der Beitritt in die Schengenzone wenig Veränderung gebracht. Die Dramatik liegt jenseits der Grenze. Jacek Szwics fragt sich: "Wie lange wird diese jetzige Grenze gültig sein?" Przemysl hat schon so viele Grenzveränderungen erlebt, dass die Frage in der Tat nicht abwegig erscheint. Mit seinem Sohn hat Jacek vor einiger Zeit einen Bildband publiziert, von der Zeit, als nach Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Polen im September 1939 die Stadt zweigeteilt wurde. Der die Stadt durchfließende San wurde zur unüberwindbaren Grenze und die westliche Seite von den Deutschen besetzt, die östliche von den Russen. Der Befreiung vom Nationalsozialismus folgten Kämpfe gegen ukrainische Truppen, danach war die Region Schauplatz verschiedener Umsiedlungsprogramme. Heute ist Przemysl Kreisstadt, gehört zu Polen und Polen zur EU. Es stand auch schon schlechter um die Stadt.

Zwischen den Mächten

Als Stadt der Kiewer Rus wurde Przemysl 981 erstmals erwähnt. Im 13. Jahrhundert eroberten Polen die Stadt. Zu Zeiten der österreichischen Monarchie gehörte Przemysl (Prömsel) zum Kronland Galizien. Vor dem 1. Weltkrieg wurde die Stadt zur Festung gegen das russische Reich ausgebaut. Im Ersten Weltkrieg besetzten russische Truppen Przemysl zweimal, bevor sie deutsche und österreichisch-ungarische Truppen sie wieder eroberten.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Przemysl Sinnbild des Hitler-Stalin-Pakts, der Polen zwischen Deutschland und Russland aufteilte, bis die Deutschen 1941 Russland angriffen. Solange war der Fluss San die Grenze zwischen russischer und deutscher Besatzung. Im Juli 1944 nahmen sowjetische Truppen die Stadt ein.

 

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