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Vom Wannsee zum Grenzübergang Staaken

Fotos zum Thema: Mauerweg 2009...

Diese Tour beginnt mit einer Schifffahrt, dem BVG Fährschiff von Wannsee nach Kladow. Ein Massenandrang sowohl auf dem Schiff, als auch in der unmittelbaren Umgebung der Anlegestelle.

Dann führt die Radtour über den Mauerweg am südwestlichen Zipfel der Stadt. Auf einer der schon gewohnten Holperstrecken liegt am Rand, vom Gras schon fast verschlungen ein altes Porzellanteil der Elektroleitungen. Kurz vor dem Großglienicker See stehen Zaunreste der Hinterlandsicherung. Zum ersten Mal, dass ich auf dieser Seite des Glienicker Sees bin, der DDR Seite, der Seite also, von der aus der See damals nicht zugänglich war. Ich hab ihn geliebt, diesen See mit seinem sauberen Wasser und seinen Grenzbojen in der Mitte, die vor einem weiter schwimmen warnten.

Die Grenze verlief auch hier, wie bei vielen anderen Gewässern, mitten durch den See. Ich suche nach meinen Gedanken von damals, wenn ich bei meinen Schwimmausflügen auf die Boje zu geschwommen bin, den Reiz der Annäherung an die Tabuzone. Geschichten haben wir uns ausgedacht, über das Leben in den gegenüberliegenden Gebäuden, von Kontrolle, Einsamkeit und Genuss, von Nacktbadesessions, dann, wenn die Sonne ihr Licht dafür ausgestellt hatte, von kurzen verbotenen Stippvisiten, zum kennen lernen. Gedanken, die wichtig waren unter der Prämisse Verbot, die verschwanden, als eine Stippvisite möglich gewesen wäre. Nach dem Mauerfall zog es mich zu anderen Seen im Umland.

Am Ende des Glienicker Sees, im Norden, stehen noch alte Begrenzungszäune und ein Stück Mauerrest. An dieser Ecke stehen Überreste des Ritterguts Groß Glienicke, durch die damals die Grenze verlief. Von da aus geht's dann zur Potsdamer Chaussee, einer der beiden Zufahrtsstrassen, über die man damals den Glienicker See erreichen konnte. Vor den Rieselfeldern liegt noch der Flugplatz Gatow, der bis 1994 von der Royal Airforce benutzt wurde. Eine lang gezogene, relativ langweilige Strecke entlang der Rieselfelder. Heute. Damals gehörten die Rieselfelder zu den Besonderheiten der Stadt, waren die ländliche Attitüde mit Erdbeer-, Salat- und was auch immer für Feldern, wo man Frischware kaufen konnte.

Bei Stadtbeginn an der Karolinenhöhe biegt der Mauerweg nach links ab. Ein altes Schild "Grenzweg" zeigt die Richtung an. Schrebergärten - rechts - und großflächige Felder - links - umgibt den südlichen Teil Spandaus. Der Hahnenberg, lädt Ausflügler, Jogger, Familien ein. Kurz vorm ehemaligen Grenzübergang Staaken stehen alte Grenzmarkierungen. Dann kommt das Fort Hahneberg, eine alte Festung kurz vor dem ehemaligen Grenzübergang Staaken.

In Frohnau an der Oranienburger Chaussee liegt der "Entenschnabel", eine weitere "Unbekannte" auf dem Weg der Mauergeschichte. Hier hatte der Mauerverlauf eine Entenschnabelähnliche Form und ließ in diesem "Schnabel" eine DDR-Siedlung nach Frohnau reinschnuppern. Alte Straßenlampen leuchten auch heute noch dort den Weg und auf einer Wiese stehen Pfosten, die zur Grenzbefestigungsanlage gehörten.

Die Siedlung selbst ist ein Gemisch aus alten Häusern von damals - mit dem noch immer erhaltenen Putz in den graubraunen, für die DDR charakteristischen Farben. Schon bei vielen Fahrradfahrten vorher ist mir, sei es in Dörfern der Umgebung, in Schrebergärten der Stadt oder in normalen Vorortsiedlungen, diese erhaltene Farbe aufgefallen. Ein Stück erhaltener Geschichte, ein Stück Nostalgie, Gleichgültigkeit oder Angst, sich von Gewohntem zu trennen oder einfach nur eine Frage der nicht vorhandenen Geldmittel? Die Antwort liegt vielleicht zwischen all diesen und eventuell noch anderen Aspekten. Die Unterschiede sind manchmal extrem krass zwischen den alten hier beschriebenen und oftmals grellen Neubauanstrichen, die schon alleine beim kurzen Vorbeifahren ein absolutes disharmonisches Empfinden in mir auslösen. Wie wirkt dies bloß für die dort Wohnenden?

In Frohnau geht der Weg durch ein paar nette Wohnsiedlungen, bevor der Radweg sich vom eigentlichen Mauerstreifen weg bewegt, da dieser eine reine Sandstrecke ist, mit Rädern kaum befahrbar, allerdings mit einigen alten Fundamentresten und Pfeilern bestückt. Nah am einsam gelegenen Hubertussee treffen sich die Wege wieder. Der Mauerweg ist eine Aneinanderreihung von Betonplatten, die die Fahrt zum Durchschüttler vorbei an einem wildromantischen Sumpfgebiet machen.

Zwischen Frohnau und dem Grenzbereich Hohen Neuendorf und Bergfelde liegt eine Waldstrecke, auf der damals eine dichte Grenzüberwachung stand. Einer der Wachtürme steht noch in der Nähe der Utestrasse. Er gehört heute der Deutschen Waldjugend, die dort auf einem recht großen Gelände ihre Naturschutzarbeit betreibt. Am Eingang zum Turm steht vom Gestrüpp verwachsen ein alter Verteilerkasten, mit Filzstiften beschrieben und ein bisschen überwuchert. Dann kommt Hohen Neuendorf, ein Ort, den ich noch aus der Zeit vor der Wende kenne. Freunde hatten dort ihre Datscha und hin und wieder war ich eingeladen, dort den Samstag oder Sonntagnachmittag in der Ruhe des Gartens zu verbringen. Für mich das Erlebnis der besonderen Art, allein schon die Fahrt von Prenzlauer Berg bis Hohen Neuendorf im Trabi und ab und an Kopfsteinpflaster. Die Erinnerung scheint zu einem früheren Leben zu gehören.

An der Grenze zur Invalidensiedlung, stehen als Gartenbegrenzung die Pfosten der ehemaligen Grenzbefestigung. Direkt gegenüber liegen Neubauten mit offenen Gartengrundstücken. Dahinter, hinter dem ehemaligen Grenzverlauf auf Westseite, dann die Invalidensiedlung, eine beeindruckend große Anlage aus vielen gleich aussehenden alten Klinkerbauten, umgeben von sehr viel grün, offen zum Durchfahren und spazieren gehen. Friedrich der II war es, der im 18. Jahrhundert nach Ende des zweiten schlesischen Krieges das erste Invalidengerechte Haus auf diesem Grundstück erbauen ließ. Während des Faschismus wurde dieses Haus der Wehrmacht unterstellt und im Zuge der militärischen Aufrüstung wurde dann die Siedlung ab 1938 aufgebaut.

Der ehemalige Grenzübergang Stolpe ist der nächste, wieder bekanntere Punkt auf der Strecke. Mit der Eröffnung von Stolpe war die erlebnisreiche Transitstrecke über die B5 nach Hamburg passé geworden, was einerseits den Transit nach Hamburg über die neu gebaute Autobahn natürlich schneller machte, was uns aber andrerseits aber die schönste Transitstrecke nahm. Dabei sind wir die oft und gerne gefahren, die B5, damals in den 70ern, als wir, wie so viele andere auch, irgendwo dicht hinter der Grenze im Landkreis Lauenburg ein altes Bauernhaus angemietet hatten für all die Momente, in denen uns weder Lübars noch die Rieselfelder noch sonst irgendeine Grünfläche der Mauerstadt zum auftanken ausgereicht hätten. Wenn der Frühling mit seinen aufgehenden Knospen und Farben lockte, wenn die Spargel- und Erdbeerernte anstand, wenn das Prinzenbad nicht mehr zur Abkühlung bei stehender Sommerhitze ausreichte oder wenn die Pilze im Wald aus dem Boden schossen. Später war dann Lüchow Dannenberg angesagt, das widerständische Wendland löste den Lauenburger Landkreis ab.

Die Strecke geht weiter über Henningsdorf nach Nieder Neuendorf. Grenzverläufe inmitten der Gewässer fordern zu einem Zickzack Radeln um diese ehemaligen Verläufe herum auf - um den angelegten Havelkanal ebenso wie um die Havel selbst. An einer Badestelle in Nieder Neuendorf stehen noch alte Sonnenschirme. Unweit davon lag die damalige GüSt Henningsdorf. Diese Wasserkontrollstelle wurde angelegt zwischen dem Kanal, der Havel und dem Niederneuendorfer See. Ein alter Grenzturm steht dort noch an der Uferpromenade, dient heute als Museum.

Wenig später kommt im Wald und am Ufer gelegen, wieder so eine Kuriosität der Geschichte. Auf "DDR Seite" stehen Informationstafeln zu den Wochenendsiedlungen Fichtewiese und Erlengrund, wieder West-Berliner Exklaven auf DDR Gebiet. Wer dort seine Freizeit verbringen wollte, musste die Grenzanlagen passieren, musste an der Mauer neben einer kleinen Tür klingeln, sich bei den Grenzposten an- und abmelden und durch die kleine Tür in der Mauer verschwinden.

Am Ende der Uferstrasse kommt noch eine Badestelle an der Havel, in Konradshöhe. Annähernd 20 Jahre ist es her, seit hier die Grenze verlaufen ist, und dennoch macht sich das Gefühl breit, dass zwischen dieser Badestelle und der, die wir vorher in Nieder Neuendorf gesehen haben, noch immer eine schwer überwindbare Grenze läge. Am Rande des Spandauer Forstes kommen wieder die Erinnerungen. Hier gab es irgendwann in den 70er Jahren ein kleines widerständiges "Waldcamp". Die Berliner Elektrizitäts- und Wasserwerke, die BEWAG, wollte dort inmitten der grünen Lunge des Tegeler Forstes ein neues großes Kraftwerk errichten. Dafür hätte unendlich großflächig der Wald gerodet werden müssen. Die Waldbesetzungen verhinderten die Planung. Damals erfuhr ich auch vom "Eiskeller", einer weiteren Exklave am nördlichen Rand von Berlin.

Nun fahr ich an dessen Außengrenzen entlang und suche nach vertrautem. Den Namen erhielt dieser Ort dadurch, dass Keller mit Natureis gekühlt wurden. Und dort sinken die Temperaturen bisweilen um gute zehn Grad tiefer als sie im Zentrum Berlins gemessen werden. Früher wurde hier oft das Eis aus dem nahe gelegenen Falkenhagener See auf der Wiese zwischengelagert, bevor es dann an Brauereien verkauft wurde.

Entlang eines der Gartenzäune stehen alte Verteiler- und sonstige Kästen. In Staaken erinnert der heutige Regional-Bahnhof Staaken daran, das dort damals ein Grenzbahnhof war für die Züge Richtung Hamburg. Zwischen Bahnhof und Autogrenzübergang stehen Gedenktafeln zur Erinnerung. Die Tour ist beendet, der Kreis geschlossen, die Erinnerungen gehen weiter.