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Von Neukölln zur Glienicker Brücke

Fotos zum Thema: Mauerweg 2009...

Es ist die Stadtgrenze zwischen Buckow und der Grossziethener Gartenstadt im Landkreis Dahme-Spreewald. Ein umgefallenes Ortsschild liegt auf dem Grenzmauer-Gedenkstein, Klatschmohnfelder am ehemaligen Grenzstreifen dort am Stadtrand von Berlin, geben die Farbnuance.

Es ist faszinierend, was um diese Stadt herum, an Schönheiten vorzufinden ist. Gerade am Randgebiet, da verbindet sich Geschichte mit Erholung. Waren es in Rudow noch viele Reithöfe oder Pferdeställe, so sind es hier an der Südseite weit sich hinziehende Felder, die in ihrer Größe an die Zeiten der LPGs, der Landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaften erinnern.

Vom fast rechteckigen Einschnitt von Grossziehten geht es dann am Grenzbereich zu Lichtenrade vorbei. Felder zur Linken, Wald zu rechten, dann die Überquerung der B 96, an der damals der Übergang Lichtenrade-Mahlow existierte, auch ein Übergang, der ausschließlich für Mülltransporte genutzt wurde.

Der dann folgende Mauerweg wirkt noch heute irgendwie wie Niemandsland. In Lichtenrade müssen die S-Bahngleise umfahren werden, ein kleiner Umweg. Dann geht's an Marienfelde vorbei und an der ehemaligen Geisterstadt, einem Truppenübungsplatz der US-Armee am Stadtrand von Berlin zu Zeiten des Kalten Krieges, es war das damalige Übungsareal zur Aufstandsbekämpfung im "Herzen der Bestie". Die 110 Hektar große Fläche ist seit Anfang der 90er Jahre frei von militärischen Manövern, gehört zum Vermögen der Bundesbahn und liegt brach.

Weiter nördlich, hinter dem Ostpreussendamm kommen wir wieder zum Teltow Kanal, diesmal zwischen Lichterfelde und Teltow. Die Grenze verläuft inmitten des Kanals, der Radweg zunächst auf der Ostseite, bevor er dann an der Knesebeckbrücke nach Westen überwechselt. Auf beiden Seiten sind es schöne Uferwege. Der Westweg unterhalb von Schönow hört dann irgendwann am Bauhafen auf, der umfahren werden muss. Dort führen alte Gleise an eine jäh endende Rampe, die einmal als Brücke über den Teltow Kanal ging. Der Mauerweg geht wieder Richtung Norden, an Düppel vorbei bis Zehlendorf.

Unweit des alten S-Bahnhofs Düppel folgt ein Gedenkstein einem Gedenkkreuz. Und der Mauerweg verlässt die eigentliche Grenzlinie und kommt erst kurz vor dem ehemaligen Westberliner Kontrollpunkt Dreilinden wieder an die eigentliche politische Grenzziehung heran, überquert dann die Autobahn zwischen Dreilinden und dem Grenzübergang Drewitz auf einer Fußgängerbrücke. Hatten mich vorher schon an etlichen Teilstrecken die holprigen Kolonnenwege an das Fahren über die Transitstrecken erinnert, so kommen auf dieser Brücke extrem viele Bilder von damals am geistigen Auge entlanggefahren.

Wie viel Pässe hab ich eigentlich in den Jahren damals verbraucht für meine Reisen zwischen Mauerstadt und Westdeutschland. Anfangs waren die Transitvisas ganze Seiten pro Strecke, verziert mit Ein- und Ausreisestempel. Später wurden es dann die eckigen, noch später leicht abgerundete Stempel, vier insgesamt für Hin- und Zurück. Jede Bewegung von uns im doppelten Blick- Ausreise West-Berlin, Einreise DDR, Ausreise DDR, Einreise BRD. Die Kontrolle per se nur hatte die Datenspeicherung ihre entwicklungsgemässen Limits. Aber wir waren auf dem Schirm bei unseren Reisen und wurden für jede Demonstration, zu der wir fuhren, registriert. In den 70er die Häuserkämpfe in Frankfurt, oder die beginnenden Anti-Atombewegung - Wyhl, Fessenheim, Brokdorf, Grohnde, Malville - oder was auch immer: sie kontrollierten uns, wir brauchten keine Bewegungsmelder, die Grenzen gaben alle nötigen Informationen her.

Wie oft standen wir da unten in endlosen Schlangen und immer mit dem Gefühl, mit absoluter Sicherheit sich wieder in die langsamste aller Transitspuren eingeordnet zu haben? Wem sagt dies heute noch etwas, wenn wir "Alten" von den "Autoschiebegesprächen", die im Transitbereich zustande kamen, erzählen, die sich dort entwickelten, wenn die "Ewigkeitenstaus" einem eigentlich den letzten Nerv raubten und sich die Mehrheit der anstehenden Transitreisenden dazu entschloss, die Motoren auszuschalten und mit menschlicher Schubkraft die PKWs zum Nadelöhr geschoben wurden. Und man freute sich, wenn man die "Nachbarschieber" auf der nächsten Transittank- oder Raststätte wieder traf. Schicksalsverbündete.

Auf dieser Wegstrecke gibt es alte Zaunreste, Pflöcke im Teltowkanal, verbaute Rampen, aufgerissene Betonpfeiler mit freiliegenden Gerippen - alle ihrer Funktion enthoben. Verfallen die alte Raststätte Dreilinden, die an der alten Autobahn einmal ein Treffpunkt war. Zerbrochene Fensterscheiben der Campinggaststätte von Albrechts-Teerofen. Die Zeit hat dort schon längst neue Fakten geschaffen, ohne die alten gänzlich aufzuheben. Dort am damaligen absoluten Ende von Berlin, schwer zugänglich und abgelegen in Albrechts Teerofen kommt mir "vergessen" in den Sinn. Wer will in dieser Ecke schon was anfangen - und wenn ja, was dann?

Irgendwo, ein Stück unweit vom ehemaligen Bahngrenzübergang Griebnitzsee taucht wieder ein Mauerfragment auf, bemalt, besprayt, gelocht, Eisensträger freigelegt - einerseits entkleidet, andererseits im neuen Style gedresst. Dann der Kolonnenweg am Ufer des Griebnitzsees entlang, eine längere Strecke auf der Babelsberger - der ehemaligen DDR - Seite. Der See war damals für DDR Bürger nicht zugänglich. Eigentlich ein ruhiger, beschaulicher und erholsamer Ort, wäre er da nicht der Versuch einiger der dortigen Villenbesitzer, die Nutzung des Kolonnenwegs verbieten zu wollen und einen Anspruch auf Privatgrundstück bis zum Ufer geltend zu machen. Ein Stolperstein in der gerade erst vor 19 Jahren erreichten Zugänglichkeit.

Der Weg wechselt dann an der Parkbrücke auf die Westseite, wo wieder eine ganz spezielle Geschichte erzählt werden kann. Unmittelbar hinter der Parkbrücke liegt Klein Glienicke, eine DDR-Exklave, die damals von der Mauer umschlossen war. Der einzige Zugang war die Parkbrücke. Wer dort wohnte, hatte einen Registervermerk im Personalausweis. Wer die dortigen BewohnerInnen besuchen wollte, musste einen Passierschein beantragen. Die Geschichte habe ich nie wahrgenommen damals und nun fahre ich durch zum ersten Mal durch Klein Glienicke, und habe das Gefühl von stehen gebliebener Zeit, von "hier sagt sich der Hase und Fuchs gute Nacht". Wären da nicht die vielen Ausflügler, die über die Kopfsteinplaster Köpfeschüttelnd sich bewegen, würde das Gefühl "Filmkulisse für einen alten Heimatfilm" die Oberhand gewinnen. Von da aus geht es hoch zur Königsstrasse, die bis 1989 an der Glienicker Brücke, der "Agentenbrücke" endete. An dieser Brücke war die "GüSt" Potsdam, über die sich nur Angehörige von west-alliierten Militärverbindungsmissionen bewegen durften.