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Von Treptow über Neukölln nach Schönefeld

Fotos zum Thema: Mauerweg 2009...

Wieso ist Mensch so wenig in der Lage, sich mit der von ihm selbst geschriebenen Geschichte auseinander zu setzen?

Warum gibt es nirgends ein längeres Stück erhaltener Originalgrenze, die 1989, nach dem schnellen Fall, erhalten geblieben wäre und die heute gut als zeitgeschichtliches Museum angesteuert werden könnte? Wo finden sich die vielen Betonbrocken der damaligen Außenmauer?

Unzählige in unterschiedlichen Größen zieren als Mitbringsel aus einer überholten Zeit Regalbretter oder Wohnzimmerschränke in Stuben und Zimmern weltweit verstreut. Einige wenige der Hinterlandsicherungsmauer (HiSM)-Platten sind noch in Gänze erhalten und tauchen z.B. in der Kiefholzstrasse zwischen Neukölln und Treptow auf, in der ein größerer Baustoffhandel diese als Trennplatten zwischen unterschiedlichsten Kies- und Schottergrößen benutzt.

Auf dem Mauerweg selbst, sind sie so gut wie verschwunden. Gerade mal einige hundert Meter „Vorder-„ und „Hinterlandmauer“ auf der Gesamtstrecke von knapp 160 km und drei erhaltene Wachtürme stehen dort unter Denkmalschutz. Vielerorts finden sich noch Fundamentreste an den Wegen, vielerorts sind die Wege auch Müllhalden. Unterschiedliche Denkmäler oder Gedenksteine erinnern an die „Mauertoten“ und die gewesene Absolutheit dessen, von dem heute nichts mehr zu sehen ist. Schautafeln mit Bildern aus der Zeit des Mauerbaus und der Jahre mit der Mauer, versuchen an wenigen Orten, wie dem ehemaligen Grenzübergang Sonnenallee - der nur für WestberlinerInnen und DDR-BürgerInnen als GüSt galt - die Geschichte präsent zu machen. Sie kleben auf durchsichtigen Tafeln und bieten dadurch den direkten Durchblick ins Leben von heute, zur beinahe 20jährigen nicht geteilten Stadt. Aber ist sie das wirklich, ist sie wirklich nicht mehr geteilt? Gibt es das Berlin, in dem die Menschen aus den beiden damaligen Berlins eine gemeinsame Grundlage ihrer Identifikation gefunden haben? Die Zweifel sind groß.

Irgendwann wird der Weg umgeleitet, erzwungen durch die Großbaustelle des Autobahnzubringers nach Schöneberg. Meistens verläuft der Radweg zwischen dem ehemaligen West-Berliner Zollweg und dem von den DDR-Grenztruppen angelegten Kontrollweg (dem so genannten Kolonnenweg). Auch auf dieser Strecke finde ich alte Befestigungen in Betonblöcken, alte Fundamente, ehemalige Laternenschirme, bei dieser Suche ohne Vorgaben, ohne Pläne oder irgendwelche Beschreibungen. Und ohne Befragung der Menschen, die an den Grenzen lebten. Das wäre ein nächstes Kapitel, eine Suche in den Gedächtnissen der Menschen, an Erinnerungsfragmente, an Banalitäten und abgespeicherte Bilder ohne sichtbare Pixel oder Abzüge.

Zwischen Treptow und Neukölln, der zweispurigen Pflasterung folgend, links und rechts Mietshäuser, deren Baustil deutlich auf ein Erbauungsdatum lange vor 89 hinweisen, wird es richtig eng – sowohl räumlich als auch gedanklich. Ab dem 3. Stock war blickmässig die Mauer, die Systemgrenze, überwunden, egal von welcher Richtung. Wie lebte sich dies im Alltag, morgens beim Frühstück, abends zum Abendbrot, so dicht an der Nahtstelle der verfeindeten Lager. Gab es Orte, wo in solchen Straßen gut gelebte Nachbarschaft mauermässig getrennt wurde und später, ab 1989 diese wieder anfangen konnte, gelebt zu werden, mit all den zwischenzeitlich dazugekommenen und von ihnen gegangenen Familienmitgliedern? Wer lebte die Jahre auf der richtigen, wer auf der falschen Seite und wieso und von wem so vermittelt? Und der Grenzwächter von damals auf dem Kontrollturm und der oberwichtigen Aufgabe, diese Grenze zu schützen und jegliche Flucht darüber zu vermeiden – sein Staatsauftrag – kam der schon mal an diesen Ort seines ungeheuer wichtigen Wirkens von damals zurück?

Ein langes Stück dieses Abschnitts ist ein neuer Fußgänger-Radfahr-Skaterweg zwischen Teltow-Kanal und neuer Autobahn, gut befahrbar, landschaftlich langweilig. Spannender dann wieder die Ecke um die Rudower Höhe, zum Zeitpunkt unserer Tour Großbaustelle für den letzten Abschnitt der Zubringerautobahn zum Flughafen Schönefeld, die bizarre Bilder bot. Nicht weit entfernt davon lag die GüSt Waltersdorfer Chaussee, der Transit-Übergang zum Zentralflughafen Berlin-Schönefeld, von dem aus Gesellschaften wie Interflug (Anfang der 60er Jahre wurde die Deutsche Lufthansa Ost zur Interflug Gesellschaft für Internationalen Luftverkehr mbH), air cubana, aeroflott u.a. ihre Routen anboten. Anfangs waren es vor allem Strecken nach Ostasien, Afrika, dem Nahen Osten und Kuba und nur wenige Westeuropäische Städte. Später bot Interflug als Devisenbringer preisgünstige Charterflüge in die Südosteuropäischen Feriengebiete der West-Berliner Bevölkerung an. Anfang 1984 flog auch ich das erste Mal ab Schönefeld, mit der air cubana mit 24stündiger Verspätung über Havanna nach Managua, Nicaragua – der mittelamerikanischen Schnittstelle des „kalten Krieges“. Für mich ein Erlebnis der besonderen Art, die mit der Transiteinreise an der GüSt Waltersdorfer Chaussee begann.

Einmal die Waltersdorfer Chaussee überquert, sind wir wieder am Stadtrand. Rechte Seite Rudow, links - nicht weit entfernt - der Flughafen Schönefeld. Der Mauerweg ist wieder auf dem ehemaligen Kolonnenweg und auch hier finden sich wieder reichlich alte Lampen, die zur Grenzsicherung gehörten, die so genannten Peitschenlampen. Hier sind etliche Reitställe auf den Randgrundstücken angesiedelt. Am Kölner Damm erfahre ich von den dort angebrachten Schildern, dass dort ein provisorischer Übergang in die DDR existierte, ausschließlich genutzt für den Transport von West-Müll auf eine Halde bei Großziethen.