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Kreuzberg

Fotos zum Thema: Mauerweg 2009...

Ein alter Wachturm am Schlesischen Busch erinnert an die innerstädtische Grenze. Bemalt, beschrieben und mit Kids vor ihm sitzend, in einem zur Entspannung einladenden Grünstreifen, steht er dort als Relikt, als Erinnerung.

Gibt es viele derer, die auf der Wiese grillen, feiern, lesen, liegen oder spielen, die sich erinnern, die wissen, dass es noch keine zwanzig Jahre her ist, als dieses Stück Grün zur absoluten No Go Area, zur Grenzsicherung gehörte?

Genauso ein kleines Stück weiter, der Eingangsbereich zum Badeschiff, ein Stück Mauer verbaut mit einer Hütte, wer sollte dies heute als solche erkennen? Wunderbar restauriert, glänzt die Oberbaumbrücke, heute eine der Hauptzufahrtswege von Ost nach West, von Kreuzberg nach Mitte und zurück - was Anfang der 90er Jahre eine breite Protestbewegung mit Brückenbesetzung eigentlich zu verhindern suchte, die gegen die Öffnung der Brücke für den Straßenverkehr war.

Mitte der 90er Jahre wurde die Brücke für Strassen- und U-Bahnnutzung wieder geöffnet. Dort auf der Brücke saßen wir einmal fest. Wann war es gewesen, Winter 1987 oder 1988? Wir wollten in die Hauptstadt, hatten unserem Kind den Weihnachtsrummel am Alex versprochen und danach Geburtstagsfeier bei Freunden. Computerzeitungen und Artikel wollten wir dem Freund mitbringen. Ein Vorhaben, das uns stundenlange Warterei in einem kleinen, neonbeleuchteten, mit Plaste ausgestatteten Raum an dieser Grenzanlage, dem Fußgängergrenzübergang einbrachte. Das Kind schrie jämmerlich, sah Neon und Plaste als gemeine Lüge nach versprochenem Rummel und wollte nur raus, was ihm gemeinsam mit seinen Eltern nicht gestattet wurde. War dies wirklich hier auf dieser Brücke? Vor nicht allzu langer Zeit?

Drüben auf der anderen Seite der Spree liegt die Eastside-Gallery, ein Stück vor sich hinbröckelnde Zeitgeschichte, Betonplatten des Hinterlandzaunes bemalt in der Wendezeit. Eine Schande, dass hier nicht im Ansatz versucht wurde, dies zu konservieren, zu halten und entsprechend zu würdigen. Dahinter wird investiert und gebaut, was das Zeug hält.

Über die Schillingbrücke geht es nach Kreuzberg zurück. Dort steht das witzige Baumhaus am Mauerstreifen. Damals, als dort am Bethaniendamm die Mauer stand, war dies verlassene Gegend, ein brachliegender Streifen DDR auf West-Berliner Territorium, für den sich niemand wirklich interessierte. Bis der an dieser Sackgasse lebende Anatole Osman Kalin anfing dort den Müll wegzuräumen und den Streifen Erde zu bebauen. Die DDR-Grenzbeamten besuchten ihn, ließen ihn dann aber gewähren. Für West-Berliner Stellen lag dieses Stück Land außerhalb ihrer Weisungsbefugnis. Der Garten mitsamt dem zusammen gebastelten Baumhaus hat sich nach dem Mauerfall bis in die heutige Zeit rübergerettet und genießt so was wie Denkmalcharakter mitten auf dem Mauerweg.

Ein paar Meter entfernt davon steht das "Rauch"-Haus, ein ehemals - 1971 - besetztes Haus - auch direkt an der Mauer und auch bis heute erhalten. Das Gebäude gehörte ursprünglich zum Bethanienkrankenhaus, war das Schwesternhaus und stand nach Schließung des Krankenhauses - das dem Urbankrankenhaus zum Opfer fiel - erstmal leer. Die Rauchhaus Besetzung war damals, Anfang der 70er Jahre, so etwas wie ein Initialzünder für viele darauf folgende Besetzungen von selbstverwalteten Jugendzentren bundesweit, heißt BRD weit.
Das Engelbecken ist heut ein ausgebauter Grünstreifen. Vorne an der Waldemarstrasse fing meine damalige "auf dem Mauerweg zur Arbeitsstrecke" an. Vorbei an der Luckauer-, in den schmalen Streifen der Sebastianstrasse, kurz vorm Übergang Heinrich-Heine Strasse, der für BundesbürgerInnen, DDR-BürgerInnen und Diplomaten als GüSt fungierte. Jahrelang bin ich dort entlang gefahren. Da war der schmale Streifen hinter der Bundesdruckerei, die heute postmodern aufwartet. Nur bei Springer, da war zu, da hatte der Konzern sich den Mauerstreifen zu eigen gemacht, da war kein Durchgang zur Mauer möglich. Heute erinnern die zweigleisigen Plastersteinstreifen an den Verlauf und die neu gebauten Häuser in der Zimmerstrasse lassen die Erinnerung völlig verblassen. Der Checkpoint Charlie wirkt ein bisschen wie museumsbehafteter Rummel. Touristische Anlaufstelle, ein "Muss" in Berlin. Auch hier hätte gut viel mehr von dem, was die Grenze verkörperte, stehen bleiben können.

Nun sollen Fotowände Zustände herstellen. An der Niederkirchner Strasse stehen Originalmauerstücke, direkt als Begrenzung des Museums Topographie des Terrors. Von da fahren wir zum Potsdamer Platz, der zur Zeit der Mauer Brachland mit "Aussichtsturm" nach Osten war. Einmal bin ich dort hochgeklettert, als Dolmetscherin für eine spanische Schulklasse auf Berlinbesuch. Auf diesem Brachland, dem damaligen Lennédreieck (so benannt nach dem Gestalter des Tiergartens, Peter Josef Lenné), fand im Frühsommer 1988 eine Besetzung mit Zeltdorf statt. Da es Ost-Terrain war, konnte die West-Berliner Polizei das Besetzerdorf, das "Norbert-Kubat Dreieck" genannt wurde, nicht betreten. Norbert Kubat hatte sich im Jahr zuvor in der Untersuchungshaft das Leben genommen. Er war wegen Landesfriedensbruch im Zusammenhang mit den 1. Mai Unruhen von 1987 festgenommen worden. Mit der Besetzung sollte ein Gebietsaustausch verhindert werden, der die Übergabe des Lenné Dreiecks an West-Berlin veranlassen sollte. Der Plan war, auf diesem Grundstück, einer relativ unberührten Naturlandschaft, eine Verbindungsstrasse zu errichten. Im Juli wurde das Kubat Dreieck dann doch von mehreren Hundertschaften der West-Berliner Polizei geräumt und die Besetzer flüchteten mit Leitern über die Mauer und wurden dort von den Grenzsoldaten mit bereitstehenden Lastwagen "gerettet".