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Vom Mauerpark nach Waidmannslust

Fotos zum Thema: Mauerweg 2009...

28 Jahre stand sie wie ein unumstößlicher Raumteiler mit irritierenden Namen wie "Eiserner Vorhang". Sind Vorhänge nicht beweglich, auf- und zu ziehbar?

Das Adjektiv eisern vermag ihn zu beschweren, aber Vorhang ist Vorhang, der entweder fällt oder hoch- oder zur Seite gezogen wird, nicht wirklich kompatibel für ein massives Mauerwerk mit zugehöriger Grenzsicherung.

Heute stehen in nachvollziehbaren Abständen, an Wegkreuzungen oder Abbiegungen kleine Hinweisschilder die auf den Verlauf und die Geschichte des Berliner Mauerwegs hinweisen. Damals ein unnahbarer Geländestreifen, heute entweder neu gezogene Wege, oder in alter Tradition: holprige Plattenwege auf denen die damaligen Grenzpatrouillen ihre Kontrollfahrten machten. Ab und an auch Umgebungs- und standortkarten mit wichtigen Hinweisen zum tatsächlichen Mauerverlauf, zum tatsächlichen Grenzverlauf, zu besonders herausragenden Grenzsicherungsorten. Mensch kann sich kaum verlieren auf dem Weg. An und über Strassen sind in Doppelreihe Pflastersteine als Markierungsstreifen zum Verlauf der Mauer gezogen, ab und an mit eingelassener Platte mit eingraviertem Schriftzug "Berliner Mauer 1961-1989".

Was kann Spurensuche sein auf diesem Weg?

Die Antworten sind unterschiedlich, hängen mit den in der Mauerstadt gelebten Jahren
zusammen. Entsprechend schieben sich die Erinnerungen nach vorne, legen hinter das heutige Bild ein damaliges mit seinen ganz subjektiven, darin verwobenen Empfindungen. An jeder x-beliebigen Stelle kann dies passieren, unverhofft zufällig oder geradezu herausgefordert, weil da noch irgendetwas begraben liegt, weil da noch eine Geschichte aus dem alten Bild erzählt werden will, manchmal nur sich selbst, manchmal an die heute Zuhörenden. Das kann an der S-Bahnunterführung im Wedding stattfinden, unter der heute locker von Ost nach West und umgekehrt geradelt werden kann, oder dem Tegeler Fließ und Lübars, landschaftliche Perlen, in die es Frühjahr für Frühjahr Tausende von West-BerlinerInnen zog, dann, wenn die Knospen knallten, und Wiesen zu beblümten Sinnesoasen wurden. Die Wanderung am Tegeler Fließ entlang mit anschließender Einkehr im überfüllten Alten Dorfkrug von Lübars, war einer der wenigen Momente, in denen Mauerstädter echte Landgefühle erleben konnten. Später der Genuss, das frisch gemähte Gras auf den Wiesen riechen zu können, wem sagt dies heute noch irgendetwas? Das hatten wir damals nur in Lübars, auf den Rieselfeldern in Spandau oder im Eiskeller - ansonsten nur nach dem Passieren von jeweils vier Grenzkontrollen und mindestens 160 km fest vorgeschriebener Transitstrecke, irgendwo dann in Westdeutschland.

An der Bornholmer Strasse, am ehemaligen Grenzübergang von Wedding nach Prenzlauer Berg - ein anderer Erinnerungssprung. Mit unserem alten, offen gesagt, etwas schmuddeligen VW-Bulli wollten wir einen kleinen Ausflug in die Hauptstadt der DDR unternehmen. Da wir sowohl Leute mit festem Wohnsitz in der BRD, als auch West-BerlinerInnen mit behelfsmäßigen Berliner Personalausweisen waren und mit dem Auto unterwegs sein wollten, mussten wir zum Grenzübergang Bornholmer Strasse, um gemeinsam einreisen zu können. Nicht jeder Grenzübergang bot jedem Übergang. Da war alles geregelt, wer wo und warum, wer mit oder ohne Reisepass, mit oder ohne Berechtigungsschein für ein Tages- oder Mehrfachvisum die GüSt - wie die grenzübergangsstelle in bürokratischer Kürzelsprache hieß - passieren durfte.

Wir standen also an der Bornholmer GüSt, schoben unseren Bulli bis zum Kontrollhäuschen - was damals aus ökonomischen Gründen und auch aus Angst vor Mangel am Rohstoff Öl weit verbreitet war. Die Ölkrise jener Tage mit ihren autofreien Wochenenden - den Spaziergängen und Radtouren auf den Autobahnen - wirkte nach. Man schrieb 1974 und wir waren in Berlin-West aktiv auf den Strassen gegen den Militärputsch in Chile, für den sofortigen Abzug der USA aus Vietnam, für selbstverwaltete Jugendzentren und eine gerechtere, eine soziale Gesellschaft. Wir hatten Kapitalkurse belegt, begriffen uns als undogmatische Linke, damals vereinfacht als "Spontis" bezeichnet und suchten nach gesellschaftlichen Konzepten, in denen sozialistische Ideen gepaart mit sozialer Gerechtigkeit und individueller Kreativität wirken könnten.

Mit grünen Parkas, selbst gestrickten Pullis und unserem eigentlich weißen VW Bulli machten wir uns also auf den Weg. Der Bulli war schon lange nicht mehr wirklich weiß, war schon lange zur Auffangstelle aller möglichen Dreck-Smog-Kohlestaubniederschläge geworden und in diesen Schmuddel hatte irgendjemand irgendwann die Parole: "Amis raus aus Vietnam", eine bei den damaligen Anti-Vietnamdemonstrationen gerufenen Parolen gekritzelt. Das war lange uninteressant und unbeanstandet, bis zu dem Moment, als wir an der GüSt Bornholmer Strasse für einen Tagesausflug in die Hauptstadt der DDR anstanden. Nur ohne dieses Gekritzel würden wir passieren können. Eine klare Ansage, von der trotz aller möglichen Statements gegen den Vietnamkrieg kein Milimeterbreit abgewichen wurde. Irgendwann nahm der Bullibesitzer sein Taschentuch und verschmierte das ganze zu einem unansehnlichen braunen Fleck. Damit waren wir Hauptstadt-kompatibel und durften passieren.

Einzelne Fundstücke, wie bröselnde Betonteile, gibt es viele auf dem Weg. Nahe des S-Bahnhof Wilhelmsruh liegt der ehemaligen Werk- und Lagerhof der Grenztruppen an der Kopenhagener Strasse. Sowohl die Lampen am Begrenzungszaun, als auch die an der Lagerhalle angebrachten, haben ihre Jahre auf dem Buckel und Vogelnester in den Wölbungen.

Kurz vor dem Nordgraben, bei Bergmann-Borsig, liegen Relikte von damals. Ein Haufen alter Laternenschirme, angemoost und verdreckt liegen da unter einer Rampe, nicht weit entfernt davon ein alter VEB Container - Teile der Spuren, die zu suchen ich mich aufgemacht habe. Fundamentreste, Mauernplatten, Teile der damaligen Beleuchtungsmasten - auch die sind immer wieder zu finden, auf allen Teilstrecken.

Das Märkische Viertel, die Mitte der 70er Jahre fertig gestellte Trabantenstadt ist ein zeitgeschichtliches Dokument dessen, was die Städtebaupolitik oder die städtebaulichen Spekulationen jener Zeit zustande brachten. Beides, die Baupolitik und die Spekulationen führten gegen Ende der 70er Jahre ja bekanntlich und zu Recht zu großen Protest- und Besetzungsbewegungen. Während in der Innenstadt gut erhaltene bauliche Wohnsubstanz den Spekulanten und damit der Abrisskugel gewidmet wurde, planten gut bezahlte Architekten Trabantensiedlungen wie das Märkische Viertel, im Volksmund einfach nur MV genannt.
Hässliche, grau in grau hochgezogene, hellhörige Mietshochhäuser - deren Küchenfenster an Schießscharten alter Wehranlagen erinnerten - ins kahle, sandige Randgebiet bei Wittenau gesetzt, so galt das MV als Synonym für verfehlte Stadtplanung, für die willentliche Schaffung marginalisierter sozialer Brennpunkte weit weg vom innerstädtischen Leben. Zwar ist das Umfeld heute anders, begrünt verwachsener und natürlich seit 1989 mit offenem Umland, und doch transportiert die Architektur der Bauten für mich bis heute eine abschreckende Wirkung.

Am Nordgraben vorbei, hinter Bergmann-Borsig, ist auch die Stadtgrenze erreicht. Der Mauerweg markiert hier die Grenze zwischen Berlin und Brandenburg. Lübars liegt offen vor mir, die Blankenfelder Chaussee führt nicht mehr ins mauerbegrenzte Ende einer Großstadt, sondern an Feldern vorbei in den Landkreis Barnim nach Blankenfelde. Ein Abstecher nach Lübars lohnt sich allemal. Im damaligen Grenzstreifen ist der Kolonnenweg der heutige Fahrradweg, dort finden sich Infotafeln über vieles, was zu dem heutigen Streifen erzählt werden kann. So auch über den den Naturpark Barnim, zu dem das Tegeler Fliess heute gehört. Eine wildromantische Gegend um dieses Tegeler Fliess herum, tut sich auf. Saftige Wiesen wechseln sich dort ab mit sandigen Böden, mit Pferdekoppeln und Lehrpfaden. Dem folgen ein paar Neubaugebiete, nette kleine Häuschen mit Gärten am Waldrand - sicherlich Lehrer oder andere konstant gut Verdienende, die nicht zur innenstädtischen Singlemittelschicht gehören. Irgendwo am Stadtrand zwischen Hermsdorf und Glienicke/Nordbahn, verliert sich ein bisschen das Gefühl, auf dem Mauerweg zu sein, in einer dieser vielen unspektakulären, meist gleich aussehenden Siedlungen, die sich an den Speckgürteln der Großstädte entlang schlängeln.