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Spurensuche am Berliner Mauerweg

Mit dem Fahrrad auf Zeitreise

Fotos zum Thema: Mauerweg 2009...

Wir schreiben das Jahr 2008, und damit das Jahr 19 nach dem historischen Moment, an dem einer fast unüberwindbaren Grenzbefestigung scheinbar über Nacht die Daseinsberechtigung entzogen wurde.

Die Berliner Mauer war durchlässig geworden, hupend, strahlend, ungläubig bewegten sich Hunderte zu Fuß, in Trabis von Ost nach West - wenige Wochen vorher noch unvorstellbar.

Jetzt, 19 Jahre später, machte ich mich auf zu einer ganz persönlichen Spurensuche auf dem Weg, der damals die Trennungslinie markierte, die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten, zwischen den politischen Systemen. Knappe 160 km Fahrradstrecke, zum Teil holprige Wege, manchmal - im Zentrum an den Pflichtorten für Touristen - überfüllt und schwer befahrbar, zwischendrin ein kleines Stück mit der Fähre über den Wannsee, vorbei an Neubausiedlungen, landwirtschaftlichen Flächen und Wäldern. Eine abwechslungsreiche, spannende, geschichtsträchtige Strecke. Einmal quer durch die heutige Hauptstadt, innen und außen entlang der Begrenzungen der damaligen Randbezirke. Ein einmaliges Erlebnis. Warum ich fast 19 Jahre brauchte, um mich auf diesen Weg zu machen, bleibt eine Antwortschuldende Frage, die mich seither beschäftigt.

Dabei hatten diese Mauer und ihre politische Grenzziehung 17 Jahre lang intensiv meinen Alltag bestimmt, in meinen Jahren in der Mauerstadt West-Berlin. Unendlichkeiten liegen zwischen diesem damals und dem heutigen Leben in der Hauptstadt Deutschlands, für die Generation der Anfang Zwanzigjährigen nur noch erzählte Geschichte. Aber wir waren mittendrin, in der Mauerstadt, in den Zahnradstrecken des Kalten Krieg Getriebes und wundern uns, dass sie, die anderen, die jüngeren, davon nichts wissen, für sie GüST irgendein Begriff aus der damaligen Zeit ist, kein lauter Stempel, kein scharfes "Nehmen sie die Hände aus den Taschen", kein neonbestrahlter kalter Linoleumraum, kein "gönnse fleich mal den gofferraum uffmache…"
Selbst Teil einer Geschichte zu sein ist mit zwanzig noch den Großeltern vorbehalten, ist unendlich weit weg und kommt mit den folgenden Jahren immer näher, wird immer mehr und irgendwann gehört man zu der Spezies der "Zeitzeugen", die Geschichte lebendig werden lassen sollen für die später Geborenen, für die Jugend, für einen selbst. Dazu bedarf es Fragen, von anderen gestellte und von einem selbst.
Der Berliner Mauerweg ist heute ein Weg, auf dem Geschichte präsent wird, auf dem Fragen erwachsen, die im heutigen Berliner Alltag nicht mehr wirklich gestellt werden.
Insgesamt 8 Touren bin ich gefahren, mit Gedanken an eine Zeit, an eine Geschichte, die 1989 ihren Bruch erfuhr.

Ausgangspunkt Gedenkstätte Bernauer

Ein unattraktiver Neubau mit Aussichtsplattform und überdimensionalem Bild als Erkennungszeichen, ein Bild von 1961 auf dem der Mauerbau zu sehen ist, so lädt die Gedenkstätte in der Bernauer Strasse zur Geschichtsbetrachtung ein. Eine vierspurige stark befahrene Strasse trennt dieses Gebäude von dem gegenüberliegenden konserviertem Stück gewesener Grenze mit Mauer, mit Todesstreifen, mit Hintermauer.
Ein paar Meter weiter nördlich steht die Kapelle der Versöhnung an dem Ort, der früher die Versöhnungskirche trug, bis 1985. Da wurde sie von der DDR Regierung abgerissen, sie störte den Grenzverlauf.
Eine Gedenkstätte, eine der wenigen, die noch das Gefühl vermitteln, wie es war, das Leben in Berlin bis 1989, in einer geteilten Stadt, in der Strassen an der Mauer endeten. Davor wir,
dahinter sie. West gegen Ost, Nato gegen Warschauer Pakt, Kapitalismus gegen Kommunismus, die globale Trennlinie gezogen durch Berlin. Dahinter sie, davor wir,- mit gleicher Sprache, in unterschiedlichen Systemen, anderen Konzepten und Währungen, ein paar gleiche, viele unterschiedliche Lieder, mit gleicher Kulturgeschichte, mit gleicher jüngster politischer Geschichte, deren Ende dank der Befreiung vom Faschismus auch noch nicht allzu lange zurück lag. Der Geschichte, als Millionen auf beiden Seiten der Mauer - die damals noch nicht stand und heute nicht mehr steht - von den Großmachtplänen und Eroberungskriegen der Faschisten angetan waren und zu ihren willfährigen Akteuren und Mitläufern wurden.
Die Schnittstelle des kalten Krieges lag in der Bernauer Strasse, mit seinen zugemauerten Häuserfronten, von denen es heute noch die Ansichtskarten gibt, oder Abbildungen in Büchern. Das heutige Berlin ist längst schon darüber hinweg, weg von den vielen geographischen und politischen Sackgassen. Ein kleiner Streifen Grenzmauer mit
vielschichtigen Grenzsicherungsanlagen und Hintermauer sind geblieben, als Gedenkstätte zum anfassen, wie sich Mauer anfühlte, zum durchschauen, durch eingehämmerte Löcher der "Mauerspechte", die im Herbst 1989 in unzähliger Form aktiv waren, mit Blickspalten ins Innenleben zu Resten einer einmal gewesenen Stromversorgung.
Diese Bernauer Straße, zu Zeiten des kalten Krieges ein Synonym für alle Schlechtigkeit des real existierenden Sozialismus, suchte ich kurz nach meinem Zuzug in Berlin auf, das gehörte zum Programm: die Ansicht in echt des Tausendmal reproduzierten Fotos dieser Bernauer Strasse. Das war's dann auch schon für mich damals, damit war dieser Teil der Stadt im abgelegenen Wedding für mich abgehakt, und die Erinnerungen daran wieder mit dem Fotofundus verknüpft. Nein halt, bei U-Bahnfahrten durchs geteilte Berlin, da tauchte dieser Name auf - Bernauer Strasse war einer jener toten U-Bahnhöfe der Linie 8, die man damals in langsamer Geschwindigkeit passierte, dabei den Blicken gut bewaffneter Grenzschützer der DDR auf unterirdischer Position ausgesetzt, nachdem uns vorher, kurz vor Abfahrt der U-Bahn auf dem letzten westlichen Bahnhof, in monotoner Ansage mitgeteilt wurde, dass wir jetzt den "freien Sektor" verlassen würden.

Von der Bernauer Strasse machte ich mich heute also auf die Suche nach Überbleibsel, nach Resten eines Staates, der - wie ich während meiner Kindheit und Jugend im Schulunterricht zu hören bekam und von den Medien erfuhr - die Bedrohung per se darstellte und gemeinhin in der Umgangsprache auch keinen Staatsüblichen Namen trug. Es war die "SBZ", die sowjetische Besatzungszone oder die "Ostzone", wobei ich mich nicht erinnern kann, zeitgleich auch von einer West-, Nord-, oder Südzone gehört zu haben. 18 war ich und nach den damaligen Gesetzen noch nicht volljährig, als ich 1971 das erste Mal mit meinem Sportverein aus einer süddeutschen Kleinstadt in unsere Partnerstadt Berlin-Neukölln fuhr, in der Tasche einen nagelneuen Reisepass und eine gute Portion Reiseangst. Der Zug war voll und wir ausgelassen, bis irgendwo in der Nähe von Hof unsere Abteiltüre aufging und Frauen von der Heilsarmee uns ein paar Schlucke Tee vor der großen Reise ins Ungewisse anboten. Danach senkte sich schwergewichtiges Schweigen über unser Abteil, ich glaube sogar über den ganzen Waggon. Durch diese Schweigewaggonlandschaft zogen dann auch alsbald die Grenzbeamten mit ihren auf einer Bauchladenähnlichen Konstruktion gelagerten Einreisebemächtigungs-Utensilien, zu denen der Stempel gehörte, der dann mit Eindruckschindender Lautstärke auf die Pässe niedergeschmettert wurde. Was hätte es da auch schon zu sagen gegeben in dieser vom kalten Krieg geprägten Stimmung, in der wir heran wuchsen und in der uns permanent verklickert wurde, das wir auf der richtigen Seite wären und hinter der Mauer sich das Unrecht in Staatsform bildete.
Einmal in Berlin angekommen, in Westberlin versteht sich, war die Unsicherheit sofort verschwunden. Die Stadt zog mich an und 1972 zog ich hin in den Westteil der Mauerstadt, der umgeben war von einem eigenständigen Land, dessen Hauptstadt direkt hinter dieser besagten Mauer lag. Eine Mauer, die ich als solche wenig hinterfragte, stand sie doch massiv inmitten meiner Stadt und bot für mich als Fahrradfahrende über Jahre einen ungestörten Arbeitsweg in ihrem Schatten.
Die Einreise in die hinter der Mauer liegende Hauptstadt war nervig aufwendig und für politische Spontis und vom antiautoritären Leben der 70er Jahre begeisterte Menschen eher lästig und im Wesentlichen mit dem Einkauf billiger Bücher - der braunen (Lenin) und der blauen Bände (Marx/Engels) - verbunden. Den Konservativen und reaktionären Kräften unserer Stadt bot sie bei jeglichen Protesten, die wir, in unserem politischen Aufbegehren gegen Diktaturen, Sozialabbau, Menschenrechtsverletzungen, Wohnraumzerstörung und was sonst noch alles tagespolitisch anstand, auf die Strasse trugen, die einfallslos langweilige und sich ständig wiederholende Parole von "geht doch nach drüben". Da wollten wir aber nicht hin, was wiederum von den Rufern nicht verstanden wurde. Der hinter der Mauer liegende Staat nannte sich zwar antifaschistisch - so verstanden wir uns auch - aber die dortige hierarchische sozialistische Staatsdoktrin entsprach nicht wirklich dem Konzept, von dem wir uns soziale Gerechtigkeit und den freien Menschen erhofften.
Nun ist dieses "drüben" eben schon seit 1989 nicht mehr existent, der Staat als solcher in einer auch im Rückblick kaum fassbaren Hochgeschwindigkeit aufgelöst, verschluckt, weggewischt und die Rufer von damals in ihrer Genugtuung erstarrt.