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Krakau - die erste Etappe

McDonalds immer im Zentrum

Eine Begegnung mit Krakow, so wollte ich diesen ersten Abschnitt eigentlich nennen. Über 10 Stunden dauert die Zugfahrt von Berlin in diese ca. 600 km entfernte Ecke Südostpolens, in der ich bisher noch nicht war, die ich noch nie vorher aufsuchte, obwohl einige der Ortsnamen in naher und weiterer Umgebung für die menschliche Vernichtungsmaschinerie des deutschen Faschismus stehen, wie Auschwitz, Birkenau.

Mit einer dicken Portion Neugier auf das Krakow von 2008 in der Tasche, erreichen wir die Stadt, die spätestens seit der Verfilmung von Schindlers Liste einen touristischen Aufschwung erfuhr, und in der die Arbeiter der Nova Huta Stahlwerke gemeinsam mit den Danziger Werftarbeitern das Ende des Warschauer Block Sozialismus in Polen anschoben.


Der Bahnhof beeindruckt mich, es bedarf eines langen Fußweges um von den Gleisen der Fernzüge zum alten Hauptgebäude zu gelangen. Seitlich des Fußweges lacht uns von einer neu gezogenen Betonwand Werbung an, die ich von den Hauptstraßen und Einkaufszentren Berlins kenne. Da lädt Deichmann, Rossmann, H&M , C&A, Saturn und Peek & Cloppenburg in einer Sprache, die ich nicht lesen kann, dafür mit Bildern, die ich kenne, ein, in die neu errichtete Shopping Mall zu kommen. Ich verspüre leichte Irritierung, bin ich wirklich in Krakau – oder doch in Berlin oder Barcelona, oder wo bin ich? Kurz danach, wir gehen in die Altstadt, durchqueren eines der alten Stadtmauertore, vorbei an einem Marienbild, an dem jeder Pole und jede Polin sich bekreuzigend vorbei gehen, und da ist es, der Blickfänger, das Schild mit dem M, dem Fastfoodmarkenzeichen, das auf allen größeren Plätzen dieser globalisierten Welt zentrale Positionierung gefunden hat. Natürlich auch hier in Krakau.

Die global village world bietet in diesem Städtchen, das uns mit seiner Geschichte lockt, alles, was die heutige Welt den Habenden zu bieten hat. Auch die Deutsche Bank sparte nicht an Filialen, um Präsenz zu zeigen. Fremdeln ist also nicht mehr angesagt, Polen nicht mehr Piroggen und das Jiddische Schtetl in Kazimierz gleicht szenemäßig dem Berliner Prenzelberg, mit seinen Bars und Kneipen und Restaurants und Imbissständen und outfits und überhaupt. Die h&m dressorder dominiert die Jugend, spricht auch hier ihre weltweite Kleidersprache. Sicher, die Häuser sind anders in Kazimierz als am Prenzelberg und die Synagogenanzahl ist höher. Alles wirkt umwoben von einem Hauch von stadtteilhaftem Museum mit neu eingeflösstem Lebensstil. Nur an den gesprochenen Worten scheitere ich, da hat das fremdeln nicht aufgehört.

Die Altstadt hat was, zieht an und fasziniert mit ihren vielen restaurierten Bauten, die ineinander verwoben der unendlichen Geschichte von Zerstörung entronnen und gerade noch von der Schippe gesprungen sind. So kann ein jedes dieser Gebäude von den vielen Teilungen des Landes erzählen, von immer neuen Einflüssen in Sprache, Essen, Gehorsam, Reichtum und Untertanentum. Die Tuchhalle aus dem 13. Jahrhundert wird gerade restauriert und auf dem Rynek Glowny, dem zentralen Platz um die Tuchhalle herum, ist ein Wettbewerb von Blasmusikkapellen und tänzelnden und stockwerfenden Mädchen in kürzesten Röckchen. Angetrunkene Briten - auch ein Markenzeichen des global erschlossenen Tourismus - klatschen begeistert in die Hände, und bei einem der jungen Briten beginnt dabei sein eintätowiertes England oberhalb der Brustwarze zu tänzeln.

Feuerwehrkapelle

Von oben, der Blick schweift über die Mauern der alten Burganlage Wawel, kann dem Lauf der Weichsel durch das Städtchen gefolgt werden. Die Burganlage gehört zu den Pflichtbesichtigungen in Krakau. Dort - in dieser ehemaligen Residenz der polnischen Könige, dem heutigen Weltkulturerbe der UNESCO – besiegte der Legende nach der Ritter Krak den in einer pittoresken Höhle hausenden Drachen, woraufhin an diesem Ort die Stadt Krakau in Gedenken an diesen mutigen Ritter gegründet wurde. Vor gut 1000 Jahren begann wohl nachweislich der Ausbau der Burganlage, von der heute noch das Schloss, die Kathedrale, mehrere Türme, Basteien, Wehrmauern und Tore, Kasernen und diverse Fundamente aus unterschiedlichsten Stilepochen erhalten sind.

Im Garten spielt eine Kapelle das Ave Maria und noch ein paar mehr Stücke, bevor sie sich dann mit der polnischen Nationalhymne vom begeisterten Publikum verabschiedet. In der letzten Reihe der Musikkapelle sehe ich Schweijk, da bin ich mir sicher. Das muss er sein, so wie er dasteht, verschmitzt seinem Nachbar zulächelt und ihm das Becken für dessen rhythmische Schläge hinhält.

Am anderen Ufer der Weichsel lag damals das Ghetto. Man sieht den Ort vom Wawel, man kann KazimierzKutschenfahrt durchquerend auch hinlaufen oder mit Pferdekutsche oder einem der vielen kleinen Fahrzeugen eine Stadtrundfahrt dahin buchen, die CD in entsprechender Sprache eingeschoben und los geht’s. Es sind Wagen, ähnlich dem Papamobil, ohne Panzerglas, ohne überhaupt irgendein Glas. Die können gebucht werden, der freundliche Fahrer oder Fahrerin legt nach entsprechend der gebuchten Route die Info-CD ein und stoppt entsprechend der Ansagen. Man kann auch auf zwei Pferdestärken zurückgreifen und das historische Zentrum in einer alten Kutsche durchfahren. Das Klackern der Hufe gibt den Rhythmus vor. Man kann es auch zu Fuß machen, geführt von einer Person mit kleinem umgehängtem Verstärker. Jedem nach seinem Bedürfnis. Wir liefen völlig individuell, Reiseführer in der Hand, ab und zu Straßenbahn, Bus, und Kaffeepause zum auftanken. Ohne Fremdkommentare wollen wir unsere – von den Reiseführern ausgewählte empfohlene Stationen – Wege finden.

Auch den zu den Fabriken hinterm Ghetto, zu Schindlers Werk. Kurz davor ist eine Bahnunterführung und ausgerechnet dort prangt in roter Leuchtfarbe ein riesiges Hakenkreuz inmitten sonstiger für mich unleserlichen Sprüchen. Ein bitterer Beigeschmack auf dem Weg dorthin und bei den Gedanken daran, wie unendlich viel Leid, Verbrechen, Gewalt, Erniedrigung, Mord in jenen Jahren auf diesem Weg stattgefunden haben. Mehrmals werden wir überholt von den kleinen Autos und erfahren in Kleinteilchen dosiert mal in englisch oder spanisch oder deutsch irgendetwas von der Geschichte des Ortes, an dem wir gerade vorbeilaufen. Konservierte Stimmen sind es, die erzählen, vorgegeben, sowohl im Rhythmus als auch den Inhalten. Möglichkeiten für Fragen sind nicht eingebaut auf den CDs. Synchron bewegen sich die Köpfe der Mitfahrenden nach links oder rechts, mal auch nach oben oder geradeaus, dem Informationsfluss jegliche individuelle Note entzogen. Hier spüre ich großes Fremdeln in mir, mehr als gegenüber der lokalen Sprache, die mich aufgrund meiner nicht vorhandenen Kenntnisse nicht erreicht.

Nova Huta ist das nächstes Ziel, und damit die Geschichte dieser Arbeiter Vorzeigestadt, gedacht, geplant und gebaut in Reagan-Solidarnoscden 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Gut sollte es ihm gehen, dem Malocher und seinen Familien, großzügige Bauten sind dafür mit viel Grün dazwischen gebaut worden. Nova Huta - das größte Stahlwerk bot die Arbeitsplätze dafür, solange, bis es geschlossen wurde - unrentabel, ökologisch katastrophal. Vom Central Platz, einst das Tor in die Stadt, sieht man hoch oben, am Ende der Solidarnosc Allee - die früher einmal die Lenin Allee war - die Türme des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der Nova Huta Stahlwerke - palastähnlich an dieser Stelle mit Blick auf die Stadt angelegt. An diesem Central Platz, an dem das Denkmal von den diversen Aufständen in Nova Huta erzählt, trifft die Solidarnosc Allee auf den Plaza Ronalda Reagana. Schautafeln beschreiben die Entwicklung und die architektonische Ausrichtung von Nova Huta. Die Bilder von Geschichte liegt hinter uns und ich suche sie zu finden und mir zu erklären.

Touri-Elektromobil

In den Bars in Kazimiers liegen Flyer, die zu besonderen Touren in und nach Nova Huta einladen, zu Gesprächen mit ehemaligen gewerkschaftlichen Kämpfern, neben Führungen durchs Viertel – die einfache, die billige Version. Es kann auch die Abholung im Trabi vom Flughafen gewünscht werden – natürlich auch hier im Beisein des alten Kämpfers – der Markt gemischt mit der bitteren Erfahrung, arbeitsmarktpolitisch wertlos zu sein, schafft neue Angebote, die durch Nachfragen Einkommen bietet. Und groß ist der Arbeitskräftebedarf in Nova Huta schon lange nicht mehr. Armut grassiert mit seinen bekannten Begleiterscheinungen. Aber das liegt weit weg vom heutigen Krakau, von der Altstadt, dem Wawel und Kazimiers, von den Orten, die blinken, die anziehen und leuchten, und zu denen es jährlich Hunderttausende zieht, auf den Spuren der Geschichte, die dort vielfältig und lehrreich ist.

Unendlich viele Kirchen sind in der Altstadt zu finden - und in fast allen tummeln sich Samstags Frauen in weißen Kleidern mit Anzug-Männern, die sich mit strahlenden Blicken Ringe anstecken, um danach mit der Gesellschaft hochhackiger Frauen und unförmigen Männern in Pferdekutschen klatschend die Altstadt zu umrunden. Führungen durch Kirchen und Schlösser haben mich noch nie gereizt, auch nicht in Krakau und doch erstaunt mich immer wieder die Konzentration der Macht, die räumliche Nähe bedeutender Gotteshäuser mit bedeutenden weltlichen Palästen. Und wie unhinterfragt mächtig diese Gebäude den Städten - auch Krakow - ihren Stempel aufdrücken und Anziehungskraft ausüben noch heute für hunderttausende von Menschen, die sich aufmachen, fremdes entdecken zu wollen. Die riesige katholische Kirche auf dem Wawel, direkt neben den Schlossgemächern, in die die Massen strömen, um sich daran zu ergötzen, an herausragenden Schönheiten der Baukünste unterschiedlichster Epochen, an den wertvollenDackelparade Kunstschätzen, die in diesen Häusern prunken und von dem unersättlichen Wettkampf zeugen, mit dem die Mächtigen in allen Zeiten ähnlich ihre Besitztümer zur Schau stellten. Werte, die nur dadurch zustande kommen konnten, weil sie in unbarmherzigem Aderlass in Gottes Namen und Gottes Schutz aus den Untertanen herausgepresst wurden.

Am Sonntag dann das Sahnehäubchen: Dachshund Parade 2008. Hunderte von Dackeln werden von Herrchen oder Frauchen an der Leine geführt oder auf der Schulter getragen, ganz vermenschlicht in Kostüme gepackt und durch die zentrale Fußgängerzone geführt. Da sieht man das Engelchen, den Vampir, den Dackel im Trachtenkleid, ganz sportiv, als Soldat in Uniform vergangener Zeiten, als Sträfling mit Bleikugel und unzähliges mehr. Wenn man sonst nix zu tun hat, verkleidet man eben den Dackel. So einfach kann man auf den Hund kommen.