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Przemysl

Bahnhof Przemysl

...oder das oestliche Ende der Europaeischen Union

Die zweite Etappe spielt sich am östlichen Ende der Europäischen Union ab, dem unaussprechlichen Städtchen Przemysl. Eine Stadt, deren Namen ich bis vor kurzem noch nie vorher gehört hatte. Durch die Beschäftigung mit den neuen Außengrenzen der Schengen-Länder hab ich von ihr gelesen, da sie unweit vom Grenzübergang Medyka liegt, der Grenze zwischen Polen und Ukraine - auf der Strecke zwischen Krakau und Lemberg.

Der Zug brachte uns nach Przemysl, an einem Sonntag im September und bei einem Licht, das kaum Schattierungen bot, das schwer aushaltbar war und das uns nötigte, es während der Zugfahrt per Vorhang von uns abzuhalten.
Die Zugfahrt war insofern spannend, als das wir am Bahnhof in Krakau in einem zusammen gekneteten Sprachgebilde aus ein paar Brocken Englisch mit einer zarten Brise polnisch und Tickets nach Przemysl gekauft hatten und damit in den Zug einstiegen. Die uns kontrollierenden Schaffner verklickerten uns auf ähnliche sprachmischende Art, dass wir nicht die richtigen Tickets für den Zug hätten, in dem wir saßen. Schließlich habe Polen auch schon mehrere private Unternehmen, die den Transport auf den Schienen unter sich aufteilen würden, was aber nicht unbedingt das Problem sei – wie uns die Schaffnerin in broken english und rollenden Augen verklickerte – nein, wir säßen in einem reservierungspflichtigen Zug ohne die dafür notwendige Reservierung vorzeigen zu können. Aber, und dabei tauchte es auf, das erlösende Lächeln, das sei ein mit Nachzahlung im Zug leicht lösbares Problem.

Die Stadt der Kirchen

Wir also in Przemysl. Die Stadt ist der Hammer. Unglaublich. Hab noch nie irgendwo auf der Welt auf irgendeiner unserer Touren jemals so viele Kirchen auf so engen Raum gesehen. Dabei muss gesagt werden, es sind keine normalen Kirchen, nur einige davon, andere haben das Format des Xantener Doms. Da sitzt der Dom der griechisch-katholischen Kirche fast auf dem Dom der römisch-katholischen Kirche drauf, unweit davon das Karmeliterkloster mit Kirche, ein bisschen entfernt davon die riesige Franziskaner Kirche, etwas entfernter die Kirche der Reformatoren, dann die diversen Klöster der diversen Nonnen und Mönchsorden. Man kann sich eigentlich an fast keinem Ort bewegen, drehen, wenden, ohne auf irgendeines der vielen über einen wachenden Kreuze blicken zu müssen. Und das mir!

Der erste Tag sollte uns wandermäßig über die Burg hinauf zu den Hügel oberhalb der Stadt bringen, aber an der Burg war Schicht, heftiger Regen bremste uns aus, zwang uns zu einer nicht geplanten und noch viel weniger gewollten Rast. Da saßen wir dann in der Burggartenkneipe unter einem dieser hier exklusiv und konkurrenzfrei vorhandenen Garten-Sonnen/Regen-Schirme der örtlichen Zywiec Brauerei und ich lies mich dazu verleiten, dort - geleitet von einer unverständlichen Speisekarte und einer nicht englisch sprechenden Kellnerin - mal die polnische Küche probieren zu wollen. Es bekam mir nicht, sie war weder schmackhaft noch was fürs Auge, die fetttriefende Suppe mit pochiertem Ei.

Unter einem anderen Schirm saß eine Dreiergruppe älterer Herren genüsslich am saufen und palavern und erzählen und saufen. Der eine wollte immer mehr, die anderen beiden versuchten ständig einen Aufbruch zu starten, denn der Dritte mit neuen Schnapsrunden stoppte. Irgendwann, kurz vor uns zogen sie dann los, runter Richtung Stadt. Wohlgemerkt es ist ein Anstieg hoch zur Burg, also entsprechend steil der Weg hinunter zur Stadt. Der Dritte wankte - schwer das Gleichgewicht haltend - hinter den beiden anderen her, immer wieder die Arme ruckartig gen Himmel gereckt - vielleicht suchte er da irgendwelche heimführende himmlische Hilfe. Beim Losgehen lachten wir noch, redeten von – wie erstaunt wir wären, dass wir diesen guten Mann nicht irgendwo im Graben liegend sehen würden - da tauchte er auch schon auf, nicht liegend, aber völlig irritiert und voll mit Erde beschmiert in einer ausgehobenen Baugruppe stehend. Sein Blick suchte die Antwort auf die Frage, wie er da wohl gelandet ist, und wie er da wohl wieder herauskommen könnte. Ein Blick, der uns als Erinnerung an Przemysl auf der ganzen weiteren Tour begleitete und immer wieder für unvermittelte Lachausbrüche sorgte.

Verteidigungsanlagen Anfang 1900

Mit geliehenen Fahrrädern machten wir uns die nächsten Tage auf ins Grenzland. Schuldbewusst muss ich dabei erstmal eingestehen, dass ich bei der Auskunft, wir könnten bei jenem Kumpel von dem und dem uns Fahrräder leihen, in mein Vorstellungshorizont äußerst begrenzt nur war – da sah ich uralte, kaum tretbare Gurken, die wir erhalten würden. Es waren superleichte, supergute, viel gängige und gutfahrbare Mountainbikes. Und so kam es, das wir Premiere im doppelten Sinn feierten – wir mit Mountainbikes und wir an der an der polnisch ukrainischen Grenze unterwegs. Eine Suche nach Spuren von alten Festungsrelikten der österreichischen Besatzungszeit von früheren Jahrhunderten und nach den Erkennungsmerkmalen der Festung Europa von hier und jetzt und heute.

Damals im 19. Jahrhundert sahen die Österreicher die Stadt Przemysl als einen wichtigen strategischen Punkt im Expansions- und Verteidigungskonzept. Dort sollte die russische Expansion aufgehalten, sollte sie verhindert werden. Dafür wurde Przemysl zu einer Festung ausgebaut mit einem Außenring von gut 45 Kilometern in einer Distanz von 8 - 12 Km von der Stadtmitte entfernt. Ein Ring mit insgesamt 42 Forts die darin sicherungstechnisch eingebaut wurden, Hauptwerke und Hilfswerke. Eine für die damalige Zeit alle Vorstellungen sprengende kaum vorstellbare militärische Verteidigungsanlage. Verstärkt noch mit kilometerlangen Gräben, mit Stacheldrahthindernissen und Minenfeldern. Das ganze flog dann auf durch Verrat. Tja, die Überläufer gab’s auch damals schon. War’s die Eifersucht, das schnöde Geld, die falsche Behandlung, der Geltungsdrang, Machtgeilheit? – was auch immer es war, es zeigt die Grenzen der besten Militärstrategie, wenn menschliche Gefühle dominieren. Die ganzen Forts wurden dann irgendwann 1915 gesprengt - von deutschen Mörsern - bei der Wiedereroberung Przemysl im 1. Weltkrieg. Die Geschichtsschreibung erklärt die Region – das ehemalige Galizien - zu einer unglaublich heftig umkämpften. Die Festung Przemysl wird auch als 2. Verdun bezeichnet und doch hatte ich noch nie vorher davon gehört.

deutsch-russische Grenze im 2. Weltkrieg

Im zweiten Weltkrieg wurde Przemysl dann nach der Okkupation durch die Nazis erstmals von den deutschen Besatzern eingenommen. Dann kam das Ribbentrop-Molotow Abkommen und die Stadt wurde geteilt. Die rechte Seite des Flusses besetzten die Russen, die linke Seite behielten die Deutschen Okkupanten, die Bewohner wurden zum Teil vertrieben und konnten nicht mehr von Seite zu Seite wechseln. Dann - wir kennen die Geschichte - nahmen die Deutschen die gesamte Stadt ein, zerstörten das jüdische Viertel, verschleppten deren Bewohner in die Konzentrationslager der Umgebung und seither gibt es in Przemysl keine Juden mehr. Im ehemaligen jüdischen Viertel steht heute ein potthässliches, auf modernart gestyltes nationales Museum, dessen Outfit überhaupt nicht ins Stadtbild passt. Hinter der Brücke, auf der anderen Seite des San – der die Stadt durchteilende Fluss – also der damaligen deutschen Seite, sucht ein riesiger Denkmalkomplex die vergangenen blutig-dramatischen Ereignisse nicht vergessen zu lassen. Verschiedenen Schautafeln und Plaketten erinnern an die Kämpfe, die in vergangenen Jahrhunderten um die Inbesitznahme der Stadt und deren Befreiung stattfanden. Heftig.

Gedenktafeln

Anielka, eine Gymnasiastin zu der wir schon vor Reisebeginn Kontakt aufgenommen hatten, da sie im Rahmen eines EU-Projektes Zeitzeugeninterviews zur Aufarbeitung der Geschichte führte, baten wir, uns einige der Tafeln zu übersetzen, auch die, in der bildlich sichtbar von Soldaten das Hakenkreuz weg geschoben wird. Der Text erinnert daran, wie die Polen sich ohne wesentliche Hilfe der Russen mit vielen Opfern vom Kreuz der Faschisten befreiten und in diesem Zusammenhang sage ich etwas von Befreiung durch die Russen, worauf sie sofort empört antwortet, von wegen Befreiung, das war nichts weiter als die Ablösung der Okkupation von einem durch den nächsten Besatzer. Die Backpfeife saß.

Zurück zu unserer Mountainbiketour am alten Aussenring. An einem dieser alten Forts - irre groß und gruselig - ich wollte der Tiefe des Ganges trotz Taschenlampenlicht nicht folgen - verläuft in unmittelbarer Nähe die heutige Grenze, eine skurrile Szenerie. Da - die Altlasten aus jener Zeit, Reste einer kaum einnehmbaren Festung, eine Betonburg mitten in die Landschaft gehauen, hier - der neue Zaun, lächerlich unscheinbar, ein gerodetes Stück Erde, ein bisschen Zaunbefestigung auf ukrainischer Seite, ein paar Hinweisschilder in polnisch auf polnischer Seite, ab und an die beiden Grenzpflöcke – that’s it. So unmittelbar nebeneinander wirkt das ganze lächerlich. Ein trügerischer Anschein. Was wir nicht sehen, sind die Sensoren, die Bewegungsmelder, die Autos mit Kameras usw. Was wir auch nicht mitbekommen, sind die vielen Kontrollen, die hier stattfinden. Ein Kollege von der örtlichen Zeitung in Przemysl beschreibt die Grenze als nahezu undurchdringlich und die paar, die es schaffen durchzukommen, sitzen hier im Abschiebeknast.

Morgen werden wir zu Fuß durch diese Grenze – die offizielle - gehen. Wir wollen so dicht wie möglich die Grenze erfühlen und doch werden wir dabei Lichtjahre von dem Gefühl entfernt bleiben, das die Menschen erfüllt, die nach Europa kommen wollen. Wir haben ja die „richtigen“ Pässe in der Tasche und außerdem reisen wir aus der EU aus.

Europas Aussengrenze

Auffällig für diese Grenzregion ist noch, dass wahnsinnig gebaut wird, in den Dörfern im Umland von Przemysl stehen lauter neue Häuser. Oftmals wurde noch das alte Häuschen von vorher im Garten stehen gelassen, vielleicht noch solange, bis der Opa oder die Oma, die da noch wohnt, nicht mehr lebt.

Auf dem Grenzstreifen Polen-Ukraine

Dann bricht komplett die neue Zeit an. Woher das viele Geld kommt? Der Wirt unserer Stammkneipe, der Fotograf der lokalen Zeitung, sie sind sich einig: vom Schmuggel. Zigaretten, Schnaps. An der Grenze stehen auch jede Menge Mütterchen mit einer Pulle Schnaps oder einer Stange Zigaretten in den Händen. Früher hießen sie “die Ameisen”, als es noch einfacher war mit den Grenzbewegungen - mehrfach am Tag schnell rüber in die Ukraine, dort die erlaubte Menge an Schnaps und Tabak holen, wieder schnell zurück nach Polen, die Ware hinter der Grenze abgeben und wieder einreihen in die Ausreiseschlange, je öfter je besser je Einkommensfördernder.

Ameisen

Die andere „Einkommensquelle“ sind die Devisen der im Ausland – vor Allem Großbritannien, Irland, skandinavische Länder und manchmal auch Deutschland – arbeitenden Polen. Wobei, wie der Wirt unseres Stammlokals erzählt, durch den steigenden Zloty das ausländische Geld immer weniger wert wird. Darin sieht er auch den Grund der kaum noch aufkreuzenden „Westtouristen“ in dieser Grenzregion. Die kamen kurz nach Mauerfall, als der Zloty tief stand und das Leben für Wessies in Polen fast geschenkt zu haben war. Zeiten, die längst vorbei sind.

Zurück in Przemysl, der Markt, die Altstadt. Heutzutage alles schmucke schnuckelige Bürgerhäuser, gut restauriert. Eine junge arbeitslose Journalistin, die hoffnungsvoll in Krakau an der besten Uni des Landes studierte, um dann nachher hier als Volontärin durch die Redaktionen zu tingeln, ohne wirkliche Hoffnung auf Anstellung, erzählt, dass die Neugestaltung in der Stadt erst vor ca. 10 Jahren begann, da wurden die ersten Häuser restauriert.Schweijk Da eröffneten neue Kneipen und wurden zu Treffpunkten auch für junge Menschen. Sie erzählt, dass sie sich damals, vor gut 10 Jahren, als sie noch in der gymnasialen Oberstufe war, geschämt habe über ihre ärmliche Heimatstadt, die nach nix aussah und in der man sich hätte kaum bewegen könne. Vergangenheit. Heute wie gesagt, schmuck und schnuckelig. Da sitzt auf einer Bank am Marktplatz der schelmische Schweijk, grinst vor sich hin und lädt alle Vorüberziehenden ein, für einen Moment bei ihm auf der Bank zu verweilen. Skanska – eine schwedische Firma platzierte doch duftnotenmäßig ein paar Schilder wirkungsvoll an Ecken des Platzes, dezent, nicht wie Lidl, der an plumper Werbung und Einfallslosigkeit auch in dieser Ecke der europäischen Welt nicht zu übertrumpfen ist.

Markt

Anders als noch in Krakau gesehen, ist hier die globalisierte Welt noch nicht wirklich, noch nicht so ganz präsent - von Lidl einmal abgesehen, dessen Metastasen unaufhaltsam weiterwuchern. Es gibt noch keine H&M girlies, die Mode ist eigen, stark Plaste-haltig und voller (für uns) unbekannter Marken, die auf dem Markt unweit des Bahnhofs mit seinen Wellblechbedachten Buden oder in den Bekleidungsgeschäften der Stadt angeboten wird. Der Markt selbst erinnerte uns sehr an Honduras - nur eben ohne die dort üblichen Fakes der großen Weltmarken, vielleicht mit eigenen Produkten, vielleicht mit Fakes anderer – uns nicht bekannten – Marken, das vermag ich nicht zu sagen, da fehlen mir die Kenntnisse.