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Lviv-Lvov-Lemberg - Ukraine

Grenzübergang in die Ukraine

Wir haben das geheiligte Bündnis der Europäischen Union, die Schengenzone verlassen, auf die körperintensivste Art und viel schneller, als gedacht. Mehrere Leute in Przemysl hatten uns geraten, nicht den bequemen Weg (Bus oder Zug) zu wählen - da dies viel zu lange dauere - sondern individuell zu gehen, wie die Leute vor Ort, also mit Kleinbus an die Grenze, zu Fuß über die Grenze und dann mit Kleinbus weiter nach Lemberg.

Die Busgeschichten liefen auch problemlos, waren billig und gingen schnell. Der Fußweg war der Hammer. Am Anfang, an der polnischen Grenze, schiebt sich eine recht schnell vorwärts bewegende Fußgängermeute vor zu den Schaltern, zu der Außengrenze der Europäischen Union. Kurzer Blick in den Pass, Blick aufs Gesicht, nochmals in den Pass und fertig. Weitergehen.

In der dahinter liegenden Halle für den Lkw und Pkw-Verkehr – dort wo die Fahrzeuge für die Einreise nach Polen und damit nach Schengenland geprüft werden, geht es gaaaaanz langsam voran. Dort werden die Laster und Pkws auseinander genommen, durchsucht, durchleuchtet. Das liegt nun hinter uns und wir bewegen uns mit zaghaften Schritten ins Neuland Ukraine, richten neugierige Blicke auf deren Kontrollsystem und wehmütige Blicke Richtung Westen, Richtung Przemysl. Ein Abschied von Gewohnten. Jetzt wird das Fremdeln beginnen.


Die Fußgängerschlange vor uns, hin zum ukrainischen Grenzschalter ist lang, wirkt ungestüm. Wir werden völlig unvermittelt von den vor uns in der Schlange stehenden Polen/Polinnen aufgefordert, sie zu überholen und der Ruf “Turistis” geht uns voraus. Warum - wir haben keine Ahnung, wir wollen uns auch nicht vordrängeln, werden aber nach vorne gedrängelt. Dann plötzlich - innerhalb des Grenzgebäudes gab es eine Bewegung - rennen alle nach vorne, ein wahnsinniges Gedränge von allen Seiten beginnt, wir eingezwängt dazwischen, unbeweglich mit Rucksack und Ziehköfferchen.

Hinter mir ein älterer Mann der unaufhörlich drückt, der mir fast die Luft zum Atmen wegdrückt. Ich dreh mich um, sage was auf englisch, sage einfach nur Bitte auf polnisch – umfangreicher ist mein Sprachschatz nicht – er schaut weg oder mich böse an, will nicht verstehen. Mit dem Rucksack drücke ich so gut es geht nach hinten, versuche Abstand zu schaffen, erfolglos. Er hört nicht auf, auch nicht nach bösen Bemerkungen der anderen um uns herum. So werden wir fast ohnmächtig in die Ukraine geschoben - man muss dies kein zweites Mal erleben müssen.

Auch wenn ich verstehen kann, dass die meisten dort im Pulk schnell die Grenze überqueren wollen. Immerhin entscheidet sich darin schon so ein bisschen, wie viel am Tag verdient werden könnte. Wir hatten es ja vorher schon x-Mal gehört - die Region lebe vom schmuggeln, das sei die einzig wirklich dauerhafte Einnahmequelle für die meisten dort. Die hier im Pulk uns drückenden und schiebenden sind die “Ameisen” des Schmuggelsystems, rennen rüber, so schnell sie können, holen eine Stange Zigaretten (die Packung kostet rund 1 Zloty, die Stange also rund 10 Zloty), eine Flasche Schnaps – so es die einfachen Ameisen sind, die ohne Kontakte und ohne Bestechungsgelder in der Tasche - drehen um, gehen zurück nach Polen, verkaufen die Ware entweder direkt an den Endverbraucher (Packung für 7-8 Zlotys ) oder geben sie gleich nach der Grenze an die Zwischenhändler (für 2-3 Zlotys) ab. Davon stehen etliche direkt am Zaun und warten. Die Zwischenhändler wiederum haben viele Ameisen am Laufen, die ihnen nach und nach die Stangen bringen, solange bis es sich für sie wiederum lohnt, mit vollem Auto nach Westen zu fahren, Deutschland, Frankreich, England, um dort die Stangen dann weiter zu verkaufen. Ameisen müssen also schnell sein, damit sie auf ihren Tagessatz kommen und da hindern solche “Weicheier” wie wir - die auch noch druckempfindlich sind - im Ablauf. Gut, wir sind angekommen, leben noch und sind um Erfahrungen reicher.

alte FrauDie ersten Kilometer im Minibus durch die Ukraine boten uns sofort ein völlig anderes Bild als die vorher die ländliche Region auf polnischer Seite - viel ärmer, viel ältere, kleinere - z.T. seit Ewigkeiten nicht mehr renovierte Häuser, mit brüchigen Fenstern, Rissen in den Mauern. Die Strassen und die Fußgänger Wege - wenn überhaupt vorhanden - holprig, das Hondurasgefühl kommt wieder in uns auf. Auch die Menschen sind anders als noch kurz vorher, viel viel ärmer. Die vielen alten Frauen mit ihren einfachen Schürzen, faltigen Gesichtern und von Arbeit zerfurchten Händen, alte Socken über Strümpfe gezogen, Schlappen an den Füssen, egal ob Sonne oder Regen, Reste irgendwelcher Jacken übergezogen, es tut mir jedes Mal im Herzen weh, wenn sie da mit ihrem wenigen Hab und Gut - ein paar Dillstängelchen, ein paar Pilze oder Äpfel, Himbeeren, Blaubeeren, ein bisschen Knoblauch oder was auch immer - an irgendeiner Ecke stehen und auf Kunden warten seh.
Die Sprache ist völlig fremd, nicht nur die gesprochene, nein auch die geschriebene, eine geübte Orientierung fällt weg, weicht dem hilflosen Versuch, mit Händen, Gesten und Zeichensprache das neue Umfeld zu begreifen.

Lemberg also ist unser erstes Ziel in der Ukraine. Nette junge Männer halfen uns bei der Suche nach dem Minibus, gaben uns Tipps für SIM Karte, Geldwechseln und was Mensch noch so braucht, um erstmal anzukommen, sich vorwärts zu bewegen und um kommunizieren zu können. Der Minibus stoppte am Bahnhof, ein irrer alter Bahnhof, mit Kronleuchtern in der Eingangshalle, großen Wartesälen, viel Betrieb und ohne Übersetzungen an allen Anzeigetafeln. Mit der Tram soll es ins Zentrum gehen, unklar nur mit welcher. An der Tramhaltestelle schleicht sich das Gefühl ein, mich in den Jahren meiner Kindheit zu bewegen.

StrassenbahnDie Straßenbahnen fallen fast auseinander - einige, nicht alle - und bei jeder Fahrt um eine 90 Grad Kurve taucht die bange Frage auf, ob sie wohl in den Schienen bleibt. Die Trams sind so ziemlich ausschließlich in Frauenhand. Frauen am Steuer, Frauen kassieren. Am Bahnhof weiß eigentlich niemand so richtig, welche Tram wohin fährt. Fasziniert schauen wir diesem Schauspiel zu, wenn eine Tram ankommt. Die Wartenden steigen schnell ein, schnell sind die wenigen Sitzplätze belegt, aber dann die Frage, die jeder an jeden stellt – wo fährt die Tram hin. Da wir weder die Frage als solche, noch die darauf erhaltene Antwort verstehen, schauen wir einfach nur zu und verharren auf den ergatterten Sitzplätzen, während um uns herum schon sitzende Leute wieder aufspringen, aussteigen, in die nächste Tram rennen, von dort wiederum Leute in unsere einsteigen, um bald doch wieder in die andere zu wechseln, nicht ohne vorher mit den Schaffner- und Fahrerinnen in ein Palaver verwickelt gewesen zu sein. Wir halten uns zurück bei diesem Raus und rein Spiel, wissen ja weder was wir gewinnen, noch was wir verlieren könnten. Und irgendwann fährt sie auch los, noch bequem für alle, aber bald ist die Tram zum platzen voll und es drängen an jeder Haltestelle immer mehr Menschen rein, suchen Lücken, die es eigentlich nicht gibt und die nur durch noch mehr zusammendrücken geschaffen werden können.

Irgendwann geht gar nichts mehr. Die engen Strassen sind verstopft, ein Fortkommen nur noch schrittweise möglich, dafür ist die Luft in der Tram aufgebraucht stickig. Wir steigen aus und schieben uns mit den Ziehköfferchen durch die Hektik des frühen Freitagnachmittags auf der Suche nach unserer Unterkunft, die wir zumindest auf dem Stadtplan schon gefunden haben. Sie liegt zentral, unweit der Oper, auffindbar. Wir nähern uns der Adresse und damit einem Chaos. Die Strasse dorthin ist komplett aufgerissen, die Bürgersteige zum Teil auch, dazwischen, mitten in den Steinhäufchen und Schlammmassen stehen alte Frauen und verkaufen irgendetwas, was mir auf den ersten Blick sinnlos erscheint: an dieser unbegehbaren Strecke wirkt es absurd. In einer Nebenstrasse steht das Gebäude, in dem unser Appartement drin sein soll, ziemlich heruntergekommen, fast alle Fenster längst nicht mehr in der Form, in der sie sein müssten - wie fast überall hier in der Stadt - nur an 2 Wohnungen sind neue zu sehen, eine davon ist das gemietete Appartement, wie sich später heraus stellt.

Marktfrauen

Der Hinterhof wirkt südländisch, wenn Mensch sich dazu gedanklich die passende Kulisse und Gerüche vorstellt. Keine Anzeichen von unserem Vermieter, kein Schild, kein garnix, nur drei Frauen im Innenhof, die palavern und uns verständlich machen, dass dieser Vermieter nicht hier wohnt. Hilflos stellen wir uns vor den Hauseingang, doch bevor wir auch nur anfangen zu überlegen – was tun? - kommen zwei der Frauen auf uns zu und ich zeige ihnen nochmals den Namen des Vermieters, die Strasse - ja die Strasse und Hausnummer stimmt. Eine der Frauen holt sofort ihr Handy, wählt die Nummer, die auf meinem Zettel steht und 15 Min später sind wir im Appartement. Innen sieht es ganz ok aus, aber außen ist es der Hammer.

Ohne meine Mittelamerika Erfahrungen wär ich da glaub ich schreiend davon gerannt. Unsere Nachbarin ist ein altes Mütterchen. Ihr gehört der kleine Köter, der uns zum Slalomlaufen auf der Treppe veranlasst, um nicht in seine überall platzierten Häufchen zu treten. Aber wie gesagt, innen ist alles ok, selbst Waschmaschine und Flachbildschirm, mit Deutscher Welle im Programm. Und doch muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich in der dritten Nacht irgendwann durch irgendwelche Geräusche von draußen auf der Strasse wach wurde, dann nicht sofort wieder einschlafen konnte und sich dann in meinem Hirn ein Krimi entwickelte, in dem wir zu jenen Hauptpersonen wurden, die in Krimis immer nur kurz auftauchen, einzig zu dem Zweck, baldigst von irgendwelchen mafiösen Banden ins Jenseits verfrachtet zu werden. So lag ich dann schlaflos an diesem Ort, über den ich niemanden hätte beschreiben können, wo er genau liegt, und wie man da am besten hin kommen könnte, um uns zu retten. Ich glaube, ich sollte zukünftig aufhören, meine kostbare Zeit mit Krimilesen zu verbringen.

BüchermarktZurück zum Ankunftstag in Lemberg. Es war Buchmesse und dorthin machten wir uns auf. Und schon hatte ich ein Glas Sekt in der Hand und verstanden sogar die Einladung dazu - Sektempfang des Goetheinstituts. Durch die Buchmesse hatten wir jede Menge kultureller Unterhaltung, zwei spannende Lesungen, Tandems mit österreichischen und ukrainischen oder russischen Schriftstellern, und einem Jazzkonzert, das allerdings nicht wirklich unser Geschmack war, aber darüber lässt sich ja bekanntlich streiten. Die erste Lesung am Freitagabend erstaunte mich. Wie kurzweilig es doch sein kann, eine Geschichte in einer unbekannten Sprache vorgelesen zu bekommen, einer Sprache, die ich nicht verstehe, wo mich aber der Vortragende so dermaßen mitreißt und ich ihm stundenlang zuhören könnte. Ein Russe, dessen Namen ich allerdings leider nicht verstanden hab, und den ich auch im Nachhinein nicht rausbekommen habe.

Der Samstag gehörte erstmal der Stadt und ihren vielen Winkeln und Gassen und alten Häusern und Kirchen und Kellergewölben mit kleinen Kneipen und Restaurants und den vielen Bräuten und Bräutigams, die auch hier – wie zuvor schon in Krakau - den Samstag dazu benutzen, sich fürs Leben etwas zu versprechen, begleitet von hunderten von Dokumentationsteams, immer im Zweierpack, Foto- und Filmkamera, und die diese beiden Menschen an all diesen schönen Winkeln der Stadt immer wieder gleiche Szenen vorspielen lassen.

Hochzeiten überall

Auffällig ist, das die Volksbank wohl eine große Rolle in der Stadt zu spielen scheint, sie ist überall präsent, in vielen der unzähligen Bankfilialen, in einer stattlichen Villa auf einem der Hügel der Stadt, die einer kleinen Festung gleicht und auf vielen der Plakate, die alle möglichen Events ankündigen. Ansonsten hält sich der westliche Einfluss im Stadtbild noch reichlich zurück, sowohl was irgendwelche Filialen angeht, mal abgesehen von dem schon in Krakau und eigentlich überall störenden Fastfoodweltkonzern. Das Outfit der Menschen ist so dermaßen anders, als unser Auge es gewöhnt ist, sowohl was die Farben, die Stoffe, die Zusammenstellung angeht. Auffällig ist auch, dass die Frauen z.T. unglaublich hochhackig sich schnellen Schrittes über diese holprigen Pflastersteine bewegen. Auffällig ist auch, dass in der Stadt sehr viele dieser großen Luxusautos zu sehen sind, die Geländemodelle von Daimler, von BMW, Mitshubishi, Toyota und wie sie alle heißen.

VorstadtAm Sonntag versuchten wir den Überblick zu erhalten, stiegen dazu auf den höchsten Punkt der Stadt, bevor wir wieder ins Zentrum abtauchten. Wir wollten Interviews führen und hatten uns an einem der zentralen Plätze verabredet. Wie sich bald herausstellte, waren genau an diesem Platz für diesen Tag noch irre viele Menschen verabredet, eine Bühne war aufgebaut, viele Polizeikräfte in Uniform oder Zivil tummelten sich um den Platz herum. Und an einigen Ecken standen Grüppchen von ältern Männern oder saßen ältere Frauen beieinander, die aufgeregt oder zumindest angeregt diskutierten.

Auf Nachfrage erfuhren wir, dass hier die Premierministerin Julija Tymoschenko vom Block Julija Tymoschenko kommen sollte. Zur Einstimmung traten erst Mädchengruppen auf, die in alten Trachten Tänze auf der Bühne vorführten. Dann füllte sich irgendwann der Platz, die Kameramänner bezogen ihre Positionen und die Bühne füllte sich mit Politikern, die Nationalhymne erklang und kurz danach bDemo gegen Timotschenkoegann einer mit der ersten Rede und sofort tobten die Leute auf dem Platz. Empört schrieen sie was von Verrätern, von Schande, von weg, sie sollen aufhören und gehen. Dann begann von der Seite eine Gegenveranstaltung, zunächst mit Megaphonen, dann bauten die Gegendemonstranten vor den Augen der Polizei eine Lautsprecheranlage auf, die die Anlage der Bühne übertönte. Die Tymoschenko-Anhänger verließen mit ihren weißen Fahnen den Platz und überließen ihn den Anhängern des Blocks Unsere Ukraine, den Anhängern von Viktor Juschtschenko, also den Gegendemonstranten, die sich durchgesetzt hatten.

Ein irres Schauspiel der politischen Zerstrittenheit der jungen, unKunstaktionabhängigen Ukraine, im Kampf um Macht, Einfluss, Zugriff auf die Ressourcen – nichts Ukraine spezifisches, eigentlich. Und die Zuordnungen, die Bündnisse sind fließend in diesen Machtkämpfen. So standen auch auf diesem Platz an diesem Tag die Nationalisten, die Hardliner dabei. Wir konnten nur durch Nachfrage an den folgenden Tagen den Ablauf kapieren. Teil der Auseinandersetzung war auch die zukünftige politische Linie der Ukraine, die Richtungsfrage - Russland oder Europa. Die Gewinner auf dem Platz am Sonntag waren diejenigen, die die Ukraine Richtung Europa hin bewegen wollen.

Wir verlassen Lemberg in spätester Nacht.