Victor Fernandez in Pajuiles

Sie heißen Martín und Víctor, zwei Männer Mitte 40. Sie sind Brüder und Anwälte und kommen aus Honduras. Das besondere an diesen beiden Männern von kleiner Statur, mit runden Gesichtern, dunklen Augen, ist, dass sie sich als Menschenrechtsanwälte in ihrem Heimatland auf extrem gefährlichem Terrain bewegen, immer wieder Morddrohungen erhalten, bereits durch körperliche Angriffe verletzt wurden und mehrfach aus Sicherheitsgründen schon temporär ihr Land verlassen mussten.

Aber eben nur temporär. Denn Martín und Víctor Fernández sehen sich ihren Klienten verpflichtet, sehen sich als Teil der honduranischen Bewegung, die, getragen hauptsächlich von indigenen und kleinbäuerlichen Gemeinden, sich gegen Landraub und Vertreibung durch illegitime Großprojekte wehrt. Dafür erhalten die beiden am 2. April im Rathaus der Stadt Bremen den mit 10.000 Euro dotierten Bremer Solidaritätspreis, der alle zwei Jahre verliehen wird. Ein Preis, den die Bremer Senatskanzlei als Ermutigung für Personen oder Initiativen vergibt, „die sich in besonderer Weise für die Überwindung von Ungerechtigkeit im Nord-Süd-Verhältnis und der Folgen von Kolonialismus und Rassismus sowie für Demokratie und Menschenrechte einsetzen“

Erstmals sorgten die beiden Anwälte in ihrem Land für Schlagzeilen, als sie 2008 mit einer größeren Gruppe von Staatsanwälten gegen das von Korruption geprägte Justizsystem in ihrem Land im Eingangsbereich des Parlamentsgebäudes einen fünf wöchigen Hungerstreik durchführten. Ihr Thema waren unzählige Fälle mit fortgeschrittenen Entwicklungen, die aufgrund von Anweisungen in verschlossenen Schubladen abgelegt werden mussten. „Zehn Tage nach Streikende entstand die Idee, eine Organisationsstruktur der sozialen Bewegungen zur Bekämpfung der Korruption in Honduras zu schaffen“, erinnert sich Martín Fernández. Das war der Gründungsmoment des Movimiento Amplio por la Dignidad y la Justicia (MADJ), der Breiten Bewegung für Würde und Gerechtigkeit. Die Wahrung der Menschenrechte und die Einhaltung von Umweltgesetzen sind zentrale Forderungen dieser Nichtregierungsorganisation (NGO), die in Honduras an vielen Orten und in vielen Gemeinden die dortige Bevölkerung in ihren Kämpfen unterstützt.

Die Szenarien sind meist dieselben: nationale oder transnationale Konsortien erhalten Lizenzen für Bergbau oder Wasserkraftprojekte oder auch luxuriöse Tourismusanlagen, die auf Ländereien von indigenen und, oder kleinbäuerlichen Gemeinschaften gestartet werden sollen. Oder Großgrundbesitzer eignen sich widerrechtlich zusätzliche Landstriche für ihre großflächigen Monokulturen an. Projekte, die dem Land vermeintlich Entwicklung bringen sollen, so die Argumentationsschiene der lizenzvergebenden, neoliberalen politischen Elite. Projekte, die für die betroffenen Gemeinden Vertreibung, widerrechtliche Enteignung bringen und damit der landwirtschaftlichen Selbstversorgung beraubt und extreme Armut zur Folge haben. Sich dagegen zu wehren ist lebensgefährlich. Die britische NGO Global Witness veröffentlichte Anfang 2017 eine Studie, wonach in Honduras in den vorhergegangenen sechs Jahren über 120 Umweltaktivist*innen umgebracht wurden. Meist erledigen sicarios, sogenannte Auftragskiller, diese Morde für wenig Geld.

Martín und Víctor, die beiden Fernández Brüder wehren sich mit ihrer NGO MADJ gegen diese Ausbeutung natürlicher Ressourcen auf Kosten der ländlichen und indigenen Bevölkerung und der Umwelt. Martín ist seit 2014 Koordinator der Bewegung, zunächst alleine und seit 2018 nun mit zwei Mitstreiterinnen an seiner Seite. Victor vertritt mit einer Gruppe von Anwälten die Angehörigen der 2016 ermordeten Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin Berta Cáceres, eine international anerkannte Aktivistin und Empfängerin des renommierten Goldman Preis für Umweltaktivist*innen.

Die beiden Menschenrechtsaktivisten sind die jüngsten von insgesamt 9 Geschwistern und sind aufgewachsen in einem kleinen Städtchen unweit der Karibikküste des mittelamerikanischen Landes. Einem Ort an der zentralen Verbindungsstraße zwischen der Industriemetropole San Pedro Sula und der Hafenstadt La Ceiba. Dort wurde ihr Vater erschossen, als sie beide Kinder waren. Ein Verbrechen, das nie strafrechtlich aufgearbeitet wurde, wie die meisten – weit über 95 Prozent – der Gewaltverbrechen in diesem Land. Als 7 und 9 jährige mussten sie fortan auch zum Lebensunterhalt der Familie ihren Beitrag leisten. Jahrelang trugen sie Zeitungen aus, schafften dennoch den Schulabschluss und dank der Unterstützung des ältesten Bruders auch das Studium. Martíns begann mit Medizin, er wollte Arzt werden. Doch dann kritisierte er laut die korrupten Zustände an der medizinischen Fakultät, was dazu führte, dass er sich dort exmatrikulieren musste.

So folgte er dem eingeschlagenen Weg von Víctor. Aufgrund des Engagements mit MADJ musste Martín zwischen 2012 und 2018 insgesamt vier Mal das Land verlassen. 2018 kam er auch nach Berlin und hatte dort die Gelegenheit im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit des Deutschen Bundestages zu sprechen. Er beklagte dabei die mangelnde Kontrolle der Geberländer gegenüber ihrer vermeintlichen Hilfeleistungen und deren tatsächlicher Auswirkungen auf das Land. Es könne doch nicht sein, dass Gelder zur Bekämpfung der Korruption transferiert würden, die Korruption aber zunähme, beklagt Martín. Und: Es kann nicht sein, dass sie hier die Armut reduzieren wollen, laut Untersuchungen aber die Armut zunimmt. Ich glaube deutlich sagen zu können, dass die Zuwendungen internationaler Banken und der Geberländer in Honduras die Korruption finanzieren, wenn die Geldgeber ihre Maßnahmen nicht überprüfen.“
Víctor und Martín wirken manchmal unzertrennlich, sowohl in ihrer Arbeit, wie auch in ihrem persönlichen, äußerst achtsamen und kümmernden Umgang miteinander. Und sie sind beide aufgrund der erhaltenen Morddrohungen und der erfahrenen körperlichen Angriffe Empfänger von Schutzmaßnahmen, die Martín so beschreibt: Es gibt das interamerikanische System, das auch in meinem Fall dem honduranischen Staat angewiesen hat, Schutzmaßnahmen für mich zu erlassen. In so einem Fall bietet der Staat dann Polizeischutz an. Die Polizei ist jedoch stark in viele Verbrechen im Land verwickelt. Für uns ist es daher schwierig, diesen Polizeischutz für uns anzunehmen.
Gerade in diesem Kontext erhält der Bremer Solidaritätspreis eine wichtige Bedeutung, erklärt Víctor: „Diese Anerkennung unserer Organisation und speziell auch von uns beiden trägt hoffentlich zur Minimierung der Risiken bei und lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass hier Menschen in Lebensgefahr sind.“ Und, so Víctor weiter, wir verstehen dies als Anerkennung für alle Menschen, die hier in unserem Land Widerstand leisten, aber auch für die Menschen überall auf der Welt, die die Fahne der Würde und Gerechtigkeit für alle hochhalten.

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© Erika Harzer Autorin April 2019

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