abgeschobene frauen in honduras

Fotos zum Thema: Deportationen...

Erika Harzer - Berliner Zeitung - 15. Mai 2007

Jahrelang lebte und arbeitete die Honduranerin Diana in den USA, bis sie weggeschickt wurde - weg von Mann und Kindern

Foto: Diana Hernandez Mencia (l.) und drei Schicksalsgenossinnen - nach der Abschiebehaft in den USA und "gesicherter Rückführung" sind die Frauen soeben in ihrer Heimat Honduras angekommen. Alles, was sie mitnehmen konnten, steckt in den Papier- und Plastiktüten.

TEGUCIGALPA. Sie kann es noch nicht fassen: Vor wenigen Minuten entstieg Diana Hernandez Mencia, 22, einem weißen, abseits von allen anderen geparkten Flugzeug. Diana und ein paar junge Frauen waren die ersten, die den heimatlichen Boden auf dem Flughafengelände der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa betreten mussten. Insgesamt sind es 69 Passagiere, die mit dieser Charter-Maschine aus den USA ungewollt den Heimweg antraten: die "gesicherte Rückführung ins Heimatland".

An diesem Tag ist es auf dem kleinen Flughafen die dritte Maschine "außer der Reihe" mit besonderer Ladung. Normalerweise kommt eine Maschine pro Tag, manchmal sind es zwei. Unscheinbar und doch dominant bewegt sich Valdete Wilemann durch die verloren wirkenden Menschen, die aus einem kleinen Gepäckcontainer ihre Plastik- oder Papiertüten mit dem wenigen mitgebrachten Hab und Gut heraussuchen. Die Brasilianerin Valdete Wilemann ist Schwester des Scalabrinerordens und Leiterin der Auffangstelle für abgeschobene Migranten und Migrantinnen in Tegucigalpa. Seit vier Jahren arbeitet sie in dem 1999 gegründeten Zentrum, einem Ort, der dieser Hoffnungslosigkeit wenigstens für Minuten einen freundlichen Rahmen zu geben sucht.

Neuer Überlebenskampf
Mit ruhiger Stimme dirigiert eine freiwillige Helferin die Ankommenden in den Warteraum: die Männer nach links, die Frauen nach rechts. Ängstliche Blicke in müden Gesichtern, Menschen mit verschlissenen Jeans, ausgebeulten Trainingshosen, mit Turnschuhen ohne Schnürsenkel - eine Sicherheitsmaßnahme vor dem Flug. In ihren Händen halten sie einfache Tüten aus Papier oder Plastik, auf denen mit Filzstiften ihre Namen geschrieben stehen. Darinnen stecken die Reste des geplatzten amerikanischen Traums: ein Hemd, Notizbücher, Schlappen, Rasierwasser, Deodorant. Alle in diesem kleinen Warteraum verbindet das gleiche Schicksal, und die meisten auch gut ein Monat gemeinsame Abschiebehaft. Doch nach Verlassen des Gebäudes werden sie, jede und jeder für sich, ihren neuen Überlebenskampf aufnehmen.
Diana wird an die Nordküste fahren, dort kommt sie her, dort wohnen Verwandte. Es ist die völlig verarmte Region um Tocoa, in der die Drogenbosse und die Holzmafia über das Leben bestimmen.
Diana ist schwanger, deshalb hat sie noch eine zusätzliche kleine Plastiktüte von der Abschiebebehörde erhalten - mit Medikamenten für den Heimweg. Sie war 17, als sie loszog, um in den USA den Traum zu suchen, ohne Visa, ohne Papiere und ohne bezahlten Schlepper. Mit einer Freundin machte sich Diana damals auf den Weg durch Guatemala und Mexiko. Alles ging gut. Sie kamen an; ihre Minderjährigkeit schützte sie vor direkter Abschiebung. Fünf Jahre lebte sie in North Carolina, heiratete einen Landsmann und bekam zwei Kinder, die beide die US-Staatsbürgerschaft besitzen. "Ich hatte eigentlich immer Jobs", erzählt sie. Dann kommt ihr Aufruf: Erst wird sie von Angestellten der honduranischen Migrationsbehörde zu ihren Daten befragt, dann von den Scalabrinern über ihre Behandlung während Abschiebehaft und Deportation.
Zuletzt arbeitete Diana bei Burger King an der Kasse bis zu dem Moment, "dieser verdammten Dummheit mit ihren fatalen Folgen." Wie immer fuhr sie von der Arbeit nach Hause. Es dämmerte, sie hatte kein Licht an. Eine Polizeistreife stoppte sie. So flog sie auf. "Dein Blut beginnt zu kochen, dein Herz überschlägt sich, die Angst kriecht dir in den Hals und lässt kein Wort mehr zu. Du weißt, das ist das Ende", erinnert sie sich. Sie kam sofort in Abschiebehaft, seither ist sie getrennt von den Kindern in den USA, ohne Vorstellung davon, was auf sie zukommt.
Zurück will sie nicht, nach all der Entwürdigung, die sie in den letzten Wochen erlebt hat. Aber sie will mit den Kindern und ihrem Mann zusammenleben. "Bloß wo? In Honduras vielleicht?" Sie glaubt nicht daran, hier Arbeit zu finden, von der eine bald fünfköpfige Familie leben könnte. "Es würden doch nicht so viele Leute versuchen, in die USA zu kommen, wenn sie hier ihr Einkommen hätten".
Die Armut ist in Honduras seit Dianas Weggang größer denn je. Von den 7,5 Millionen Einwohnern des Landes leben weit über zwei Drittel unterhalb der Armutsgrenze, davon gut die Hälfte in extremer Armut. Die globalisierte Welt hat den Arbeitsmarkt umgewälzt, in der Landwirtschaft sank der Bedarf an Arbeitskräften. Billiglohnfabriken in Ballungszentren raubten vielen Kleinhandwerkern die Basis.
Untersuchungen zufolge steigen die Migrantenzahlen aus Honduras am stärksten im Vergleich zu anderen mittelamerikanischen Ländern: Rund 270 Menschen machen sich täglich auf den Weg. Nur die wenigstens kommen beim ersten Versuch an.
In der Auffangstelle für Abgeschobene am Flughafen von Tegucigalpa leert sich der Wartesaal. Am Ausgang kontrollieren zivil gekleidete Polizisten die Menschen. Wer keine Tattoos hat, dem wird eine gute Heimreise gewünscht. Wer tätowiert ist, muss hier noch einmal Daten angeben und wird auf Vorstrafen oder Haftbefehle überprüft.
Im Büro von Valdete Wileman rufen Einzelne ihre Angehörigen an: "Bin grad in Tegucigalpa angekommen und auf dem Weg nach Hause." Eine kurze Mitteilung und doch schicksalhaft. Sie besagt: keine Arbeit mehr, kein Geld, ein Esser mehr zu Hause.
Valdete Wileman spricht von einer explosiven Situation. 2 610 Menschen wurden im Jahr 2000 abgeschoben, 24 643 waren es 2006 und diese Zahlen beziehen sich nur auf die Abschiebungen per Luft. Die Zahlen sagen auch: Die ohnehin erdrückende Arbeitslosigkeit steigt täglich. Hinzu kommen die vielen per Bus Zurücktransportierten, die bereits in Mexiko gescheitert sind. Wie zum Beispiel Marvin Joel Soler, 18, aus Comayagua.
Marvin war 14, als er mit seinem älteren Bruder "die Strecke machen" wollte. In Chiapas, im südlichen Mexiko, stürzte er vom Zug und kam unter die Räder. Sein linkes Bein wurde unterhalb des Knies amputiert. Aus der Traum. Er kam unter in der Herberge zum guten Hirten in Tapachula, bis er über Spenden eine Prothese erhielt. Dann wollte er nach Hause, "irgendwie etwas machen, irgendwie nützlich sein", erzählt er im Haus seiner Mutter in einem der Randviertel Comayaguas. Dort wohnen diejenigen, die nicht wissen, was sie morgen essen können. Marvin fand ein paar Tagelöhnerjobs, aber keine richtige Arbeit. Als Ältester der anwesenden fünf Geschwister ist er seiner Mutter keine Stütze. Marvins weite lange Hose verdeckt das verlorene Bein. In seinen Träumen und im Alltag verfolgt ihn der Unfall. Seine Amputationswunde hat er seit der Anpassung der Prothese nie untersuchen lassen.

Hintergrundinformationen
Illegal und unverzichtbar
5,1 Millionen Mittelamerikaner leben in den USA, dem Hauptzielland der Migranten. Mehr als 1,1 Millionen von ihnen sind Honduraner, davon über die Hälfte ohne Papiere. Von den über 40 Millionen in den USA lebenden Hispanics aus ganz Lateinamerika haben schätzungsweise gut elf Millionen Menschen keine Papiere.
Für ihre Heimatländer bringen sie Gewinn: Allein für das Jahr 2006 beziffert die honduranische Zentralbank die Geldtransfers von Migranten nach Honduras auf 2,359 Milliarden Dollar, knapp 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Einnahmen aus Exportgeschäften erbringen etwa 21,4 Prozent, die der Billiglohnindustrie 11,5 Prozent und der Tourismus 5,3 Prozent.

 

© Berliner Zeitung

 

Zum Seitenanfang