Die Region der verlorenen Kinder

Fotos zum Thema: Strassenkinder...Migration...

Erika Harzer - JUNGE WELT - 29. Januar 2005

Auf der Spur junger Menschen, die aus zentralamerikanischen Landen ins vermeintliche Paradies USA aufbrachen und unterwegs an Straßenrändern und in Bordellen strandeten.
Ihre Namen lauten Elmer, Carlos, Enrique, Olban, Xiomara, Saida, Maria. Sie werden dann bekannt, wenn es gelingt, ihre Leichen zu identifizieren. Das nützt den Toten zwar nichts mehr, aber wenigstens wissen ihre Eltern, ihre Geschwister und Liebsten, wo und wie ihr junges Leben zu Ende ging. Die Frage nach dem Warum wird kaum gestellt. Wer sollte sie auch beantworten? Viele dieser Jungen und Mädchen sind einfach nur noch Körper, namenlos, herkunftslos, leblos.

Vermutungen sind es, die bleiben: über ihr mögliches Alter, ihre mögliche Herkunft. Vielleicht werden sie noch zu anonymen Hauptpersonen in einem Zeitungsartikel über brutale Hinrichtungen, über sinnloses Sterben. Ihre Geschichten sind unterschiedlich, deren Enden jeweils ähnlich. Gemeinsam ist ihnen, daß sie bei ihrem Tod noch keine 18 Jahre alt waren – eine kurze Lebenszeit auf einer Welt, die ihnen wenig Menschliches zu bieten hatte.

Carlos könnte aus Santa Barbara im Bergland von Honduras kommen; oder dem Santa Barbara in Guatemala; oder er war aus Masachapa, Nikaragua; oder vielleicht aus Aguilares in El Salvador? Elmer stammte aus Tocoa, ganz oben im Norden von Honduras. Eine arme Region, in der der Schutzraum für die meisten Kinder mit der Geburt aufhört. Der Junge war 16, als er Tausende Kilometer von Tocoa entfernt in der mexikanischen Stadt Saltillo mit anderen Gleichgesinnten auf der Straße übernachtete. Ein uniformierter mexikanischer Soldat näherte sich den Schlafenden und feuerte mehrere Kugeln ab. Elmer und sein namenloser Freund waren sofort tot. Aus nächster Nähe hingerichtet. Drei weitere Jugendliche wurden schwer verletzt. Sie alle waren auf der »Ruta«, dem strapaziösen Weg in die USA, und setzten sich unsäglichem Leid und Entbehrungen aus, ständig auf der Hut vor gewalttätigen Überfällen von Polizei, Militär oder organisierten Jugendbanden. Auch wenn Angst sie lähmte oder Hunger sie quälte, sie ausgeraubt oder von der Migration zurück zur Grenze geschickt wurden, sie konnten nicht schlapp machen, mußten weiter, auf keinen Fall zurück. Zu Hause warteten die Mütter und die Geschwister auf die erste Geldsendung aus dem gelobten Land.

Kein Dollar pro Tag
In Honduras gehörten sie zu den annähernd 40 Prozent, von denen die Statistiken sagen, daß sie mit weniger als einem Dollar pro Tag überleben müssen. Das neoliberale Modell führte innerhalb weniger Jahre zur extremen Verarmung großer Bevölkerungsgruppen in der gesamten Region. Vor ihnen dagegen lag der »amerikanische Traum«. 16 Prozent der vormaligen Bevölkerung Mittelamerikas leben inzwischen den USA.
Elmer hat es nicht geschafft. Die Kugel aus einem Armeegewehr hat seinen Weg und auch sein Leben jäh beendet. Er ist einer von Tausenden Kindern und jungen Menschen, die auf der Suche nach schlecht bezahlten Hilfsarbeiterjobs »auf der Strecke bleiben«, meist irgendwo in Mexiko. Seine Mutter hat ihn wieder. Doch statt Geld kam der Sarg. Dabei hatte sie Glück. Elmer war identifizierbar und die Kinderhilfsorganisation Casa Alianza bezahlte seine Rücküberführung. Der namenlose Junge neben ihm, gleichfalls hingerichtet, blieb in Saltillo, für immer. Sein kleines Grab auf dem dortigen Gemeindefriedhof trägt ein namenloses Kreuz – für kurze Zeit nur. Bald wird es umgekippt sein, vielleicht sogar auf ein nächstes, neueres gesteckt werden. Damit ist die Erinnerung gelöscht. Die wartende Mutter wird nie erfahren, wo ihr Junge abblieb, warum er sich nicht meldete. Wer sollte nachforschen? Fast 500 Tote wurden allein im Jahr 2002 auf den Migranten-Routen, die in Mexiko Richtung Norden führen, gezählt. Der Anteil der unter 18jährigen ist nicht bekannt. Das honduranische Justizministerium verzeichnet für das Jahr 2002 insgesamt 28 441 Jugendliche unter 18 Jahren, die aufbrachen mit dem Ziel USA. Wie Elmer erreichen 90 Prozent davon nie ihr Ziel.

Kinder als Handelsware
Wo das 13jährige namenlose honduranische Mädchen – nennen wir sie Maria - herkam, das in El Triunfo, dicht an der Grenze zu Nikaragua im November 2003 mit noch anderen Mädchen bei einer Polizeirazzia aufgefunden wurde, wissen wir nicht. Ihr Schicksal ist eng verwoben mit der kommerziellen sexuellen Ausbeutung Minderjähriger – ein Geschäftszweig, der floriert, verlangend nach immer neuen Opfern. Von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) als eine der schlimmsten Ausbeutungsformen von Kindern eingestuft, ist die kommerzielle sexuelle Ausbeutung Minderjähriger eine moderne Form des Sklaventums und liegt als solche weltweit an dritter Stelle der rentabelsten Aktivitäten hinter dem Drogen- und Waffenhandel.
Im Dezember 2003 veröffentlichte Casa Alianza die Ergebnisse einer in Honduras durchgeführten sechsmonatigen Untersuchung. Die Organisation hatte 1019 Personen unter 18 Jahren aufgespürt, die der sexuellen Ausbeutung ausgesetzt waren. Sie fand sie auf den Straßen, in Bars und Nachtclubs, in Diskotheken oder abrufbar über Handys, in Restaurants, Stundenhotels oder auch an anderen Orten. Mädchen wie Maria, die von ihren Zuhältern in Abhängigkeit gehalten wurden und gerade soviel für ihre sexuellen »Dienstleistungen« erhielten, um damit in elenden Bruchbuden, oft ohne Wasser, Strom und der nötigen Hygiene zu überleben. Maria war eines von vier Mädchen, alle zwischen 13 und 15 Jahre alt, die in der Grenzregion zwischen Honduras und Nikaragua den dort rastenden Fernfahrern zur »freien sexuellen Nutzung« angeboten wurden. Bei einer Polizeirazzia im November 2003 wurde sie aufgefunden. Ihre Zukunft ist ungewiß. Für ganz Zentralamerika kursieren Zahlen von rund 100 000 Straßenkindern, Jungen und Mädchen. Die große Mehrheit von denen endet über kurz oder lang in der Prostitution, wobei das Einstiegsalter von ungefähr 30 Prozent der Mädchen unter 13 Jahren liegt.

Hungernd und zerlumpt
In der Hauptstadt Tegucigalpa, unweit vom Zentrum und dem pulsierenden Markt von Comayagüela, befinden sich die Absteigen der Billigprostitution. Hungrige junge Mädchen, mit billigen Drogen vollgepumpt, zerlumpt und von der äußeren Erscheinung unschätzbar weit von ihrem eigentlichen Alter entfernt, suchen auf den Straßen Freier. Es ist ein Viertel, in dessen schäbigen, düsteren Pensionen Zuhälter Zimmer angemietet haben mit verlausten Matratzen. Schutzlos sind diese Kinder dem Elend der sexuellen Aggression ausgesetzt. Wenn sie Glück haben, werden sie bezahlt. Meist erhalten sie nicht mehr als einen halben Dollar. Wenn sie Pech haben, werden sie geschlagen, getreten, vergewaltigt, mißhandelt, angespuckt. Oft sind sie tage- und nächtelang auf der Straße und haben in der Regel mindestens drei Freier pro Schicht. Über 80 Prozent der befragten Mädchen erzählten, daß sie keine Kondome oder Verhütungsmittel nehmen. Viele leiden an Geschlechtskrankheiten, etliche sind HIV-infiziert und nicht wenige junge Mädchen sind bereits Mütter, ohne zu wissen, wer der Vater ihres Kindes sein könnte. In den vergangenen Jahren stieg die Zahl der ausländischen Freier stetig an. Im Februar 2004 wurde der ehemalige Brooklyner Kinderarzt Irving von einem Gericht in Manhattan zu 21 Jahren Gefängnis verurteilt. Zu den von ihm sexuell mißbrauchten Opfern gehörten Kinder ab sechs Jahren, die in Mexiko und Honduras auf der Straße lebten. Sie gingen mit ihm mit, weil sie Hunger hatten und froren. In Nikaragua wurde die Polizei ebenfalls im Februar 2004 am Flughafen fündig. Eine Reisende aus Miami vergaß ihre Handtasche. In dieser verbarg sich ein Album mit pornographischen Kinderfotos, aufgenommen in Nikaragua. Die Nachfrage ist immens, gerade auch im Zeitalter des Internets, in der ersten, aber auch der vermeintlich dritten Welt. Eine Untersuchung in den Cyber-Cafés in San Pedro Sula, Honduras, ergab, daß von zehn Zugängen ins dortige Internet allein sieben zu Adressen gingen, die Sex und Kinderpornographie anboten. Die organisierten pädophilien Netzwerke versuchen, die gesetzlichen Freiräume und die kaum vorhandene soziale Kontrolle für sich maximal auszunutzen. Armut und Hunger treiben ihnen nach Hilfe suchende Kinder in die Arme, die für ein warmes Essen und eine Decke sexuell ausbeutbar sind. Mit Versprechungen auf gut bezahlte Arbeit in einem Cafe, einer Fabrik, einer Wäscherei werden viele junge Mädchen von ihren Eltern, meist der alleinerziehenden Mutter, irgendwelchen Freunden oder Nachbarn anvertraut. Die wiederum geben vor, die Mädchen sicher zur neuen Arbeitsstelle zu bringen, in eine andere Stadt oder in eines der Nachbarländer. So werden jährlich Hunderte Kinder illegal von Honduras, Nikaragua oder El Salvador nach Guatemala verschleppt und dort in einem der über 250 Prostitutionszentren gehalten, vielfach in der Hauptstadt, aber auch in den Grenzregionen, vor allem der Nordgrenze zu Mexiko in Tecún Umán, der Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate Guatemalas. Die Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen benennt in ihrem Untersuchungsbericht die Zahl von schätzungsweise 2000 Minderjährigen, die in Guatemala in klandestinen Bordellen ausgebeutet werden.

Endloser Alptraum

Die nächsten Stationen der Schlepper sind die Bordelle in den USA, wie jener Ort in Texas, Fort Worth, in dem bei Razzien zur Prostitution gezwungene, minderjährige honduranische Mädchen aufgegriffen wurden. 200 bis 250 Dollar sind die Preise, die für den Verkauf dieser Mädchen gehandelt werden. Ein lukratives schnelles Geschäft für deren Schlepper, ein endloser Alptraum für die Mädchen. In den Sommermonaten 2003 wurden in Guatemala, El Salvador und Honduras Gesetze verabschiedet, die Jugendbanden (»Maras«) den »Krieg erklären«. Durch diese neuen Gesetze kann bereits die Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit Gefängnis zwischen sechs bis neun Jahren geahndet werden. Der Nachweis einer Beteiligung an einer Straftat ist nicht nötig. Allein ein Tattoo mit Gruppensymbolen reicht als »Beweis« aus. Die »Operation Freiheit« in Honduras, das Programm der »Starken Hand« in El Salvador oder das des »Fegenden Besens« in Guatemala setzen alle ausschließlich auf verstärkte Repression.
Entsprechend heftig kritisieren nationale und internationale Menschenrechtsorganisationen diese Gesetze, bei denen internationale Konventionen zum Schutz von Minderjährigen umgangen wurden. Leo Valladares, ehemaliger Menschenrechtsbeauftragter der honduranischen Regierung, beklagt, daß »diese Maras, die die Gesellschaft so sehr fürchtet, Ergebnis einer Folge von Ereignissen eben dieser Gesellschaft« sind. Zu deutlich sei die Verbindung zwischen jugendlicher Gewalt und der vorherrschenden Armut, den Ungleichheiten, dem Bevölkerungswachstum, der Migration und Entwurzelung, dem Auseinanderfallen von Familien, den Umweltzerstörungen, der Militarisierung und den Krisen des Arbeitsmarktes sowie der Bildungspolitik.

Gefängnisse des Todes
Im Mai 2004 starben im Gefängnis von San Pedro Sula 105 »Mareros«. Nachts brach in ihrer völlig überbelegten Zelle Feuer aus. Die Wärter reagierten nicht auf die Hilfeschreie. Der einzige Zugang zu dem fensterlosen Saal blieb verschlossen. Als es einigen Häftlingen mit letzter Mühe gelang, das Türschloß aufzubrechen, waren bereits über hundert Häftlinge tot, zum größten Teil erstickt. Insgesamt sind von April 2003 bis zu dem jüngsten Vorfall von San Pedro Sula 181 »Mareros« in den völlig überfüllten Gefängnissen des Landes umgekommen.
Außergerichtliche Exekutionen an Jugendlichen in Honduras vermeldet Casa Alianza schon seit 1998. Bis März dieses Jahres führte diese Organisation insgesamt 2 125 ermordete Jugendliche in ihren Listen. Etliche wurden aus nächster Nähe per Kopfschuß exekutiert. Die Täter blieben bisher straffrei. Einige nennen sich »Soziale Säuberungskomitees«. Andere werden in den Reihen der Polizei oder der Militärs vermutet. »Maras« – die regionale Bezeichnung für die Jugendbanden – gibt es schon seit Jahrzehnten in der Region, aber richtig Schlagzeilen verursachte erst Mitte der neunziger Jahre das Anwachsen der beiden »Maras«, die heute als die größten und gefährlichsten gelten: »Mara 18«, benannt nach der 18. Straße im Latinoviertel von Los Angeles, wo diese Anfang der sechziger Jahre von jungen Mexikanern gegründet wurde; »Mara Salvatrucha – MS«, ebenfalls in Los Angeles, nannten Ende der siebziger Jahre salvadorianische Bürgerkriegsflüchtlinge ihre Gang.
Im März 2004 wurde die Zahl der Gruppenmitglieder in Mittelamerika auf insgesamt 60500 geschätzt, wovon 36000 allein in Honduras organisiert sind. Involviert waren diese in Drogenhandel, Schutzgelderpressungen, Diebstahl und Autoschiebereien. Sie wurden außerdem mit illegalem Waffenhandel und mit Entführungen in Verbindung gebracht. Für Schlagzeilen sorgten hauptsächlich ihre brutalen, blutigen Territorialkämpfe, in denen sie sich gegenseitig bis aufs Blut bekriegten. Ihr Organisationsgrad, ihre ureigene Sprache, auch die Körpersprache, ihr Outfit und ihre demonstrierte Stärke üben eine enorme Anziehungskraft aus auf große Teile der heranwachsenden Kinder und Jugendlichen in den immer größer werdenden Armenvierteln der zentralamerikanischen Städte. Es sind Generationen, denen die globalisierte Welt des Kapitals lediglich die Möglichkeit bietet, Elends- und Gewalterfahrungen untereinander zu teilen. Sie erhoffen sich von den »Maras« Familienersatz, suchen eine Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen können. Es ist die Generation der verlorenen Kinder und Jugendlicher der Armenhäuser des Kontinents.

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