Nachdenken über sozial gerechte Verteilung von Mangelware

Die Debatten um Gas- und Öllieferungen bzw. Einstellung der Lieferungen aus Russland und die daraus entstehenden Folgen werden seit Wochen intensiv geführt.

Bringt es uns tatsächlich weiter, den aktuellen kriegführenden Ressourcenlieferant, durch einen anderen auszutauschen? Statt uns das Gas billig aus Russland per Pipeline zu holen, setzen wir nun auf Gaslieferungen aus Katar und aus den USA. Frackinggas und LNG. Und dann? Was, wenn 2024 in den USA wieder Donald Trump gewählt werden wird, der mit schnellen Federstrichen seine persönliche neue Weltordnung zeichnen wird? Sollte stattdessen nicht alles unternommen werden, diesen Abschied von hochriskanten alten Abhängigkeiten nicht durch klimapolitisch und auf menschenrechtlicher Basis fragile neue Abhängigkeiten zu ersetzen?

Muss nicht genau jetzt die lange von der Klimabewegung geforderte Zäsur stattfinden? Ein Denken, das davon wegführt, das bestehende Niveau aufrechterhalten zu müssen oder zu wollen, und dafür die Ressourcen suchen. Weg von diesen immer weiter, immer höher, immer mehr, hin zu Gedanken, zu Wegen und Programmen, zu Leitlinien und Initiativen, die uns alle darauf einschwören: mit Weniger auszukommen und das Mehr in Frage zu stellen. Ein Denken, das in wenigen Worten auf den Punkt gebracht heißen sollte: lieber mit solidarisch aufgeteilter Knappheit den Mangel erleben und leben, statt weiter aus dem Vollen schöpfen zu wollen, und dafür ethische, moralische und klimapolitisch bedeutungsvolle Werte ad absurdum zu führen.

Wenn wir sagen und fordern – was ich richtig finde – die Gas- und Öllieferungen aus Russland müssen sofort gestoppt werden, brauchen wir dafür ein Instrumentarium der solidarischen Verteilung der Mangelware Öl- und Gas. Solch eine Verteilung könnte zum Beispiel durch Rationierung stattfinden. Ein unfreundliches Wort, das in der freien Marktwirtschaft, getragen von dem Glauben an beständiges Wachstum, ungern gesagt oder gehört und als „no go“ gehandelt wird. Denn es schränkt ein, bedeutet, dass nicht die vorhandene Kaufkraft des einzelnen ermöglicht, die Ware zu erhalten, sondern die Ware nach festgelegten Verteilungskriterien an jede*n Einzelne*n, jede Institution, jeden Betrieb, jede Schule, Kindergarten, jedes Krankenhaus usw. zugeteilt wird. Das absolute Ende der „Freie Fahrt für freie Bürger“ Mentalität, dafür staatlicher Eingriff in die Verteilung. Unsagbares denken? Warum nicht? Wann, wenn nicht jetzt?
Zauberwort: Verteilungsschlüssel!

Solange wir noch nicht soweit sind, unseren Energieverbrauch mit erneuerbaren Energiequellen zu decken, werden wir also weiterhin auf fossile Quellen wie Öl und Gas angewiesen sein, allerdings auf reduziertere Margen.

In der Logik der freien Marktwirtschaft steigen die Preise bei Mangelware. Dann legt die Politik Programme auf, um die gestiegenen Preise für sozial schwache Menschen etwas abzufedern. In der Logik einer gerechten Verteilung von Mangelware ist nicht der Preis ausschlaggebend für den Erwerb, sondern ein Verteilerschlüssel. Mit solch einem Verteilerschlüssel dürfte beispielsweise in Privathaushalten eine Person, die alleine eine fünf Zimmerwohnung bewohnt, nicht die gleiche Menge an Gaslieferung für die Heizung erhalten, wie eine fünfköpfige Familie oder fünfköpfige Wohngemeinschaft in der 5 Zimmerwohnung – wenn, was dann richtig wäre, der Verteilungsschlüssel die Menge pro Kopf und nicht pro Wohnung festlegt und aufteilt.

Gedanken, die bisher für die Mehrheitsgesellschaft sicher als undenkbar gelten, es aber dennoch an der Zeit ist, sie in den Raum zu stellen.

Nur ein Beispiel. So müssten neben Privathaushalten auch Verteilungskriterien aufgestellt werden für öffentlichen Einrichtungen, Betriebe, Läden, Büros, Banken und natürlich auch für die vorhandenen Mobilitätsstrukturen (private Pkw-Nutzung, öffentlicher Nah- und Fernverkehr, Waren- und Personentransportunternehmen usw.)

Andere denkbare Ideen, über die bereits laut nachgedacht werden, aber bisher auf taube Ohren stößt, sind beispielsweise:

- Autofreie Wochenende. Die gab’s schon in den 1970er Jahren. Wir Älteren haben sie genossen.

- Tempolimits auf allen Straßen

- Versiegelte Groß-Parkplätze deutlich reduzieren und als Nutzfläche umwandeln.

Viele schlaue Köpfe wären/sind gefordert, sozial gerechte Verteilerschlüssel und maximale Reduzierung der Nutzung der vorhandenen Ressourcen für alle anstehenden Bereiche zu entwickeln.

Es ist an der Zeit, laut und konstruktiv darüber nachzudenken, was wir dringend für die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder und auch für unsere eigenen uns noch verbleibenden Jahre ändern sollten, ändern müssten. Noch könnten wir es steuern.

Erika Harzer im März 2022