Donnerstag, 21 Januar 2010 14:43

Südamerika Reise 2011

geschrieben von
Argentinien - 1. bis 28. Januar 2011

Alles begann mit dem Flug an Silvester 2010, mit TAM, der brasilianischen Fluggesellschaft, die alles in ihren Kräften verfügbare dran setzte, um Silvester ausfallen zu lassen. Licht aus. Kein Sekt. Keine Zusammenrottung sich alles gute wünschender Menschen. Pinche, würden die Nicas dazu sagen. Wir haben sie lauthals verflucht, uns trotzdem das Beste gewünscht und sind dann eingeschlafen. Bis zur Landung.

Buenos Aires
Buenos Aires am 1.1.2011. Der eigentliche Start. Die Stadt gerade von einer Hitzewelle geplagt, wir aus dem eiskalten Berlin kommend – die erste körperliche Herausforderung, die aber angesichts des Sprungs ins Warme locker zu meistern war. In der Hauptstadt hatten wir auch nur wenige Tage eingeplant, drei, um genau zu sein. An Neujahr schlenderten wir durch die Stadt, über Kunstmärkte, den Friedhof von Recoleta – auf dem unzählige Touristen vor dem Grab Evitas Schlange standen. Clever wie wir waren, schlichen wir uns von hinten an die fotografierenden Menschen an und sahen von da aus die Grabtafel. Der Friedhof als solcher glich einem kleinen Städtchen, kleinere und größere Grabhäuser, in denen wie in Regalbrettern sortiert die Särge mehrerer Familienmitglieder noch aufgebahrt zu sehen sind. Mit geschickter Fotografiertechnik könnte bei dem einen oder anderen Friedhofsweg die Eindruck erweckt werden, in der Altstadt Prags spazieren zu gehen.
{gallery}fotos/americasur2011/ba{/gallery}


Was uns eigentlich gleich bei der Ankunft im Stadtteil, wo wir untergekommen sind, auffiel, waren Plakate an der Straße, die dem vor kurzem überraschend verstorbenen Ex-Präsidenten Nestor Kirchner dankend gewidmet waren.

Wir spazierten durch das moderne – an die Hamburger Speicherstadt erinnernde – neue Viertel am Hafen, in dem noch jede Menge leere Champagnerflaschen (Dom Perignon) vom Vorabend rumlagen und in dem die, die es sich leisten können, Eiskugeln für umgerechnet 4 Euro in der Neujahrssonne schlotzten. Plötzlich befanden wir uns ungewollt inmitten eines gigantischen Spektakels, dem Vorlauf der Dakar Rallye, die neuerdings in Buenos Aires startet und von dort bis zur bolivianischen Grenze und durch Chile führt. Entsprechende Motorräder, Geländewagen, bescheuerte aufgemotzte Hummer kurvten durch die Innenstadt um Obelisk, an der Kathedrale und Plaza de Mayo vorbei, auf der wiederum Veteranen des Malvinenkriegs seit Wochen campieren und eine angemessene Kriegsverletztenrente fordern.

Am Sonntag machten wir dann einen Ausflug ins Naherholungsgebiet der Hauptstadt, Tigre, ein wunderbares Flussdelta des Paraná. Sonntagsausflugsziel der Massen. Unendliche viele Ausflugsboote schippern Tausende von Hauptstädtern raus auf die Flussarme, deren Ufer nahtlos mit Wochenendhäuschen besiedelt sind. Dort hab ich dann auch schon die erste Parilla – sprich Fleischberge als solche – genossen. Und irgendwie haben mich die Menschenmassen auch nicht gestört. Zuviel Einsamkeit hätte so direkt nach Berlin wahrscheinlich eher einer Schocktherapie entsprochen.

Am Montag war dann auch der erste „Arbeitstag“, sprich, die Suche nach einer schönen Geschichte, Treffen mit sehr interessanten Personen  in Buenos Aires, mit denen wir bei unserer Rückkehr in einigen Tagen uns nochmals für Interviews treffen werden. Darüber später dann mehr. Die Fahrt in die Innenstadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln gestaltete sich an diesem stinknormalen Arbeitstag als äußerst beschwerlich. Vor Allem die Rückfahrt mit der U-Bahn zur Feierabendzeit, die Mensch eigentlich nur sitzend aushalten kann (wir hatten zu zweit uns einen Platz ergattert, was zu eingeschlafenen Beinen und verkrümmten Rücken führte). Stehen ist Horror pur. Von Minute zu Minute wuchsen die Schweißflecken auf den Hemden u Blusen der vor uns stehenden, die zusammengequetscht u ohne Bewegungsspielräume durch die Tunnel des hauptstädtischen Untergrunds geschaukelt wurden.

Bei Delia waren wir super untergebracht und wir hatten viel Spaß miteinander.

Ushuaia
Am 4. Januar mussten wir schon wieder vor dem Wachwerden aufstehen. 4 Uhr morgens Flughafen, 5 Uhr morgens Abflug ans Ende der Welt. Dort anzukommen gestaltete sich dann aber doch nicht so einfach. Kurz vor dem Landeanflug erreicht uns die Ansage des Piloten: „dicker Nebel in Ushuaia“ und von daher keine Landeerlaubnis. Wir drehen ein paar Runden – schöne Runden nebenbei bemerkt, mit Blick auf den Beaglekanal und die Berge des Feuerländischen Nationalparks – dann die Ansage: „wir drehen ab, fliegen zurück nach Norden bis Rio Gallegos“, eine gute Flugstunde entfernt, eine Stadt, die vom Öl lebt und im Nichts liegt. Dort parken wir zwischen, warten und warten. Dürfen nicht aussteigen, bekommen aber auch nix zu essen u irgendwie wäre langsam ja auch mal Frühstück angesagt. Zwischen drin dann die Horroransage, dass – sollte bis spätestens 11 Uhr keine Landeerlaubnis kommen - wir nach Buenos Aires zurück müssten. Das entspräche nicht wirklich dem Traum der Reisenden ans Ende der Welt. Aber die Landeerlaubnis kommt und mit gut 3 stündiger Verspätung sind wir in Ushuaia. Eine komisch verrückte Stadt, schnell gewachsen und weiterhin am Wachsen, obwohl so richtig Platz zum Ausdehnen nicht wirklich mehr vorhanden ist. Von hier starten die Abenteurer ihre Fahrten ans Kap Horn oder in die Antarktis. Hier landen einige Südamerikatourenkreuzfahrtschiffe zwischen, spuken dann für ein paar Stunden ihre Menschen aus, die entweder mit Busen bestens organisiert an den highlights vorbei gekarrt werden, oder die – ein paar wenige – dann auf eigene Faust durchs Städtchen bummeln.

In Ushuaia, oder besser in ganz Feuerland, förderte die argentinische Regierung seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts intensiv die Ansiedlung und lockte Multis mit den üblichen Vergünstigungen zum Bau von großen Fertigungshallen – vor allem Elektronikindustrie, wodurch natürlich auch die Arbeitsmigration zunahm. Ein Städtchen, dass sich vom Kanalufer die Hänge hinauf schlängelt mit z.T ganz tollen Holzhäusern, mit etlichen furchtbar klotzigen und störenden Protzbauten, mit vielen Häuschen, die Puppenstuben ähneln. Viele sehen unfertig aus, ein bisschen Pressspanplatte, dazu Wellblech und Holz. Und das bei Temperaturen, die im Sommer (wir waren ja im Sommer dort) nicht unbedingt als richtig warm zu bezeichnen wären. Der Wind ist einfach kühl und der weht immer. Schon von weitem sieht man am Hang oben eine riesige Schneise eingeschlagen, auf der viele Hütten aktuell nur mit Planen hochgezogen sind. Ein Ärgernis für viele der Alteingesessenen, die allerdings auch alle grad mal so mehr oder weniger zwischen 20 – 30 Jahre dort angesiedelt leben. Die allermeisten der heutigen Bewohner dieser Stadt kommen aus den Nordprovinzen oder aus Europa und fast alle kamen damals genau wie heute auf der Suche nach Arbeit. Die organisierte Besetzung einer größeren Fläche offenbart einen Konflikt, mit dem sich dieses Städtchen in nächster Zukunft intensiv beschäftigen muss. Einerseits zu wenig Wohnraum, andererseits Bedarf an Arbeitskräften – am anderen Ende der Stadt, Richtung Ausfallstrasse in den Norden, stehen reichlich Fertigungshallen der Freihandelszonenmultis, sieht man überall Container hochgestapelt. Über den Hafen von Ushuaia wird der Rest von Feuerland mit Ware versorgt. Von Ushuaia aus werden auch die in den Freihandelsfabriken von Rio Grande  zusammengebauten Elektronikprodukte ausgeführt. Viele  Argumente der Alteingesessenen Ushuaia Bewohner gegen die Besetzer sind denn auch klassisch. Sie ärgern sich darüber, dass die „da oben“ (weil am Hang ganz oben die Besetzung stattgefunden hat) im „Barrio Escondido“ , dem versteckten Stadtteil, sich einfach den Platz für Wohnraum nehmen, auf den andere ewig lange warten oder gewartet haben, bis sie von der Stadtverwaltung Baugrundstücke zugewiesen bekamen. Und sie ärgern sich über die Zerstörung des Waldes, was schon sehr heftig aussieht. Gut, etwas weiter oben am gleichen Hang  mussten – vor längerer Zeit schon – für den Bau von Luxushotels auch etliche Bäume weichen, was dem Wald auch nicht unbedingt gut getan hat. Aber so richtig sind wir in das Thema nicht eingestiegen, es war nur äußerst interessant zu hören, wie Leute aus den unteren Stadtteilen gleich los schimpften von wegen, dass sind alles Ausländer, Bolivianer, Chilenen und die sind gefährlich und seit die da sind, gibt es viel mehr Kriminalität, Diebstähle, Vergewaltigungen usw., Argumente, die wir international immer wieder gegen Arbeitsmigranten verwandt werden und die wir aus Berlin oder Deutschland kennen.
{gallery}fotos/americasur2011/ushuaia{/gallery}


Wir sind noch in den Stadtteil hoch gelaufen, der direkt an die Besetzung grenzt, haben   nachgefragt, wie es so ist mit diesen Leuten da oben und da kamen ganz gelassene Antworten, voll ok, tranquilo, kein Problem. Um Wahrheiten zu suchen, braucht mensch Zeit und so sehr viel hatten wir nun nicht gerade in Ushuaia, weil wir ja doch auch einiges von der Gegend mitbekommen wollten. Dort begannen wir unsere ersten längeren Wanderungen. Zunächst auf den Berg hinter Ushuaia, den Weg zum dortigen Gletscher – der als solcher kaum noch zu erkennen ist, im Ort allerdings stark touristisch vermarktet wird. Von dort gibt es einen fantastischen Blick auf den Beagle Kanal und den dahinter liegenden Teil Feuerlands, den südlicheren Teil, den chilenischen Teil. Dort liegt übrigens Port Williams, eine chilenische, ursprüngliche Militärsiedlung, die auch für sich beansprucht, die südlichste Stadt der Welt zu sein. Aber das nördlichere Ushuaia gewinnt zumindest in der touristischen Anziehungskraft diesen Wettstreit. Die Berge als solche – auch im an Ushuaia angrenzenden beginnenden Nationalpark Tierra de Fuego – sind jetzt nicht unbedingt so besonders, wenn man die Alpen kennt, aber sie liegen halt am Ende der Welt und dieses Gefühl begleitet einen dort ständig und macht die Stadt mitsamt Umgebung zu einem besonderen Platz auf dieser, unserer Welt. Außerdem ist es sehr, sehr anspruchsvoll sie zu besteigen. Oder besser gesagt anstrengend, weil die klassischen Serpentinenwege, wie wir sie gewohnt sind, gibt es da nicht wirklich. Wenn Steigung, dann  sind es richtig heftige Steigungen, die fast grade den Berg sich hochziehen und einen selbst fast flach zum Boden laufen lässt. So hab ich auch schon gleich beim ersten Abstieg eine Rolle gedreht. Irgendeine Wurzel oder ein Stein wollte mich zum flachliegen bringen.

Das mit dem Ende der Welt verfolgt dich in Ushuaia überall, meist in Form von Wegweisern, die die Nähe zur Antarktis – 1000 km – hervorheben und die Distanzen zu besonderen Orten dieser Welt – Berlin über 14.000 km – aufzeigen. Und die Stadt bietet auch für die Touristen ihre locos, ihre Verrückten. In einem Restaurant an der Uferstrasse steht denn auch Che in Originalgröße mit Zigarre in der Hand als Figur am Rand neben einem Uraltkochherd, umrahmt von etlichen bekannten Fotos  von ihm, daneben Evita Peron, dann irgendwelche Rugby teams in Sträflingskleidung, weil Ushuaia ja mal den Knast am Ende der Welt hatte – heute Museum – in dem u.a. der berühmte Tango-Musiker Carlos Gardel und die Aufständischen von Patagonia Rebelde einsaßen. Eine andere Kneipe an der Uferstrasse gleicht ebenfalls einem alten Gemischtwarenladen, in dessen Regale und Schubladen neben Reis, Kaffeebohnen auch Pisspötte und Schlachtermesser zu sehen sind.

Die Uferstraße ist voll bebaut mit Plätzen der Erinnerung für die Helden der Antarktiserkundungen, für die Helden der Unabhängigkeitskämpfe, für die heldenhaften Soldaten, die im Malvinenkrieg ihr Leben ließen und neuerdings, allerdings völlig unscheinbar und abseits gelegen auch ein Erinnerungstafel für die 30000 Vermissten der Militärdiktatur, aber wie gesagt, das muss man finden wollen.

Dann ist  am Hafen noch ein Platz mit einer vergrabenen Kapsel voller erzählter Geschichten aus dem heutigen Leben, wo auf einer Tafel an die zukünftigen Generationen gemahnt wird, diese dort postiert zu lassen für die Menschen in 500 Jahren, damit diese ein Stück erzähltes Leben aus unserer heutigen Zeit lesen können. Eine nette Idee.
Wandern konnten wir sehr schön im Nationalpark Tierra de Fuego und auf der entgegengesetzten Seite von Ushuaia zur Lagune Esmeralda. Dieser Weg vorbei an unendlich langen feuchten Mooswiesen, in denen wir z.T leicht einsanken – ein witziges Gefühl beim Laufen –, vorbei an vielen dieser abgestorbenen, vom Wind zerfetzten Baumreste gab uns das erste Mal dieses Gefühl in der Einsamkeit und Weite Patagoniens unterwegs zu sein. An den Seen und kleinen Flüssen waren überall Biberdämme errichtet. Auf diesem Weg hatte ich oft das Gefühl, ich kann mich gar nicht satt sehen an diesen tollen Farben, die durch das Licht in diesem südlichen Teil der Erde entstehen. Und irgendwann hatten wir dann dort auch das erste kleine Adventurepech. Kalle lag bäuchlings über einem Holzstamm. Beim drüberbalancieren ist er ausgerutscht und plumpste ins eiskalte Biberwasser. Da ich ja schnell die helfende Hand ausstrecken und mich darüber versichern musste, dass alles ok ist, konnte ich das nicht bildlich festhalten, nur die Folgen davon. Die Suche nach Geschichten war hier schwieriger und ich hab mich mit ein paar kleinen Texten für Zeitungen versucht. Mal schauen.

Calafate
Calafate ist ein Muss, wenn mensch sich in Patagonien, bzw. im südlichen Zipfel Argentiniens bewegt. Der Nationalpark mit dem Gletscher Perrito Moreno sollte auf dem Plan stehen. Das waren die Empfehlungen Aller, die bereits diese Region bereist haben. Also war es klar, dass Calafate die nächste Station sein sollte. Mit viel Glück konnten wir uns noch in Buenos Aires Flugtickets der argentinischen Fluglinie LADE – der Luftwaffe – kaufen. Das sind die günstigsten und von denen gibt’s nur wenig, da in deren Fliegern max. 36 Passagiere passen. Die Landschaft dorthin vom Flieger aus war öde Steppe. Calafate selbst ein für unser Empfinden uninteressanter Touristenort, an dem mensch wirklich keinen Tag zuviel einplanen sollte. Aber die Fahrt zum Nationalparkt war klasse. Wir hatten dafür eine alternative Tour gebucht, die die Hinfahrt über die Steppe, die Pampa machte. Und plötzlich trafen wir auf eine größere Gruppe Condor, die am Rand sassen und nach Aas Ausschau hielten. Der Bus stoppte und 36 Kameras richteten sich auf die Tiere – unsere natürlich auch. Dabei rutschte mir unbemerkt die Brille runter. Irgendwer fand zwar das schwer lädierete Teil und ich schleppe es seither als Erinnerungsstück mit mir. Wir fuhren auch an der Estancia (Farm von Viehzüchtern) Anita vorbei, DER Estancia, auf der sich damals (wieder die Geschichte von Patagonien Rebelde) die Dramen abspielten, als letztlich die Militärs die aufständischen Tagelöhner im Auftrag der Großgrundbesitzer besiegt hatten. Kalle fragte dann auch die Reiseleiterin, wieso sie davon nichts erzählte beim Vorbeifahren. Darüber soll nicht wirklich geredet werden, war ihre Antwort. Die Alternativtour hatte auch schon mal die Genehmigung, mit ihren Touristen die Estancia zu besichtigen, allerdings mit der klaren Absprache, diese Geschichte nicht anzusprechen. Im Nationalpark teilten wir dann die Aussichtsplattform mit Tausenden von Gleichgesinnten (3500 sollen es im Tagesdurchschnitt in der Hochsaisonzeit – in der wir uns befinden – sein). Aber wir fanden trotzdem immer wieder Plätze direkt am Geländer, direkt gegenüber von diesem spektakulären Gletscher, waren fasziniert von den Rumpsgeräuschen, wenn Eisschollen abbrachen und genossen auch die Schiffsfahrt direkt an den Gletscherwänden entlang am späteren Nachmittag, wo das Sonnenlicht die Spitzen blau funkeln ließ. Tolle Momente. Also von daher ist es auf jedenfall richtig: Calafate muss sein.
{gallery}fotos/americasur2011/calafate{/gallery}


Hier begegnete uns auch zum ersten Mal das „rollende Hotel“ in dem zu unserer Überraschung überwiegend Menschen unseres Alters sich in die dünnen, klaustrophobieerzeugenden kleinen Bettschläuche reinquetschen und die sich dann, unter aufgespannten Zeltplannen bei kaltem scharfen Wind an klassischen Biertischen ihr Frühstück zubereiten. Später in El Chalten sind wir dem und dessen Reisenden noch einmal begegnet. Wie so manchen anderen organisierten Touren aus Deutschland oder Campingbussen mit Aufschriften: „Somos alemanes“ /sind deutsche.

El Chaltén
El Chaltén ist ein kleines Bergdorf unterhalb des Fitz Roy Massivs (wer „am Limit“ gesehen hat, kennt den Fitz Roy und den Cerro Torre, an dem die Huberbrüder verzweifelt sind). Dahin zu kommen von Calafate, heißt 3 ½ Stunden Busfahrt durch die patagonische Einöde, durch langgezogenes Nichts. Und plötzlich mittendrin in diesem Nichts, an einer Flußbiegung hält der Busfahrer an einer kleine Wirtschaft mit Gästezimmer. Dort kann man an den Wänden die Geschichte von Bud Cassidy und Billy the Cid lesen, die dort damals für einige Zeit untergeschlupft waren und von dort aus Banken in Patagonien ausgeraubt haben. Ja und dann breitet sich plötzlich ein riesiger See aus, an dessen Ende der noch größere (als der Perrito Moreno in Calafate) Viedma Gletscher zu sehen ist, der aber weit weniger spektakulär daherkommt. Und da dahinter tauchen dann die Gipfel des Fitz Roy und all der anderen Berge auf.

El Chaltén als Dorf wurde erst 1985 gegründet. Davor lebten dort schon vereinzelt ein paar Bergsteiger, aber es gab keine dörfliche Struktur. Um die Region gab es Grenzstreitigkeiten mit Chile und daher forcierte Argentinien die Gründung El Chalténs. Heute wirkt der Ort einzig und allein geschaffen dafür, den die Berge liebenden Urlaubern eine Unterkunft zu bieten. Eine super schöne Unterkunft. Die Allen was bietet. Ein paar Luxushotels, viele einfache Hotels, Bed & Breakfast Pensionen und Zeltplätze. Die ganze Umgebung ist Nationalpark und entsprechend limitiert. Die Wanderwege sind toll, wirklich toll mit fantastischen Ausblicken, mal auf die Berggipfel, dann auf die Gletscher, auf Seen und Lagunen, auf die für Patagonien typischen Wiesen mit den Krüppelbäumen, mit von den starken Winden ausgefransten Bäumen und immer wieder auf die vielen rings herum stehenden Gipfel. Wir haben die 5 Tage richtig genossen, sind gelaufen und gelaufen, haben Anstiege gemacht, wo mensch sich zwischendurch nur fragt, wieso man sich das antut und oben angekommen dann so was von zufrieden ist und fasziniert die Schönheiten betrachtet und jeder Biss von der mitgeschleppten Stulle zum Genuss wird, genauso wie die vielen Schlucke aus den erfrischenden Berggewässer. An fast allen Eintagswanderwegen sind an deren Ende Camps für Mehrtagewanderungen oder für die Bergsteiger. Und wir haben viele Leute dort campen sehen oder schwerbeladen mit Zelt, Schlafsack usw dorthin ansteigen sehen. Irre viele junge Leute waren da unterwegs – wir sind sowieso ganz oft die Platzältesten, da wo wir uns bewegen. Um uns rum oft die nach dem Abitur die Welt erkundenden oder die nach dem Studium noch mal länger reisen wollenden. Aber zweimal haben wir jetzt auch schon welche getroffen, die erzählten, sie sind ein Jahr unterwegs, machen eine Weltreise. Bei einer dieser Touren zeigt mir Kalle irgendwann ein Brillenglas, das er gefunden hat, fragt dabei, ob es von mir sein könnte, was ich absolut verneine. Ich guck zwar noch durch uns merke auch, dass es meine Lesestärke ist, und denke: die oder der Ärmste. Ein weilchen später will ich auf der Kamera mir ein Foto anschauen, setz dafür meine in Calafate neu erstandene billig Lesebrille auf u merke, dass ein Auge nicht richtig verstärkt wird. Es fehlt das Glas, das jetzt am anderen Ende des Wanderweges liegt.
{gallery}fotos/americasur2011/chalten{/gallery}


So wie in Ushuaia plötzlich Che in Lebensgröße im Lokal stand, hatten wir hier dann in nem kleinen Restaurant die Begegnung mit der Hand Gottes. Ein Maradona Verehrer der ersten Stunde, der Wirt. In der gemütlichen Wirtschaft mit Holzfeuer inmitten des Raumes war eine Wand dem eigentlichen Helden des Landes gewidmet: ein Trikot mit Originalunterschrift aus der Neapel Zeit von Diego, dann DAS Foto mit der Hand, dann in Folge die Aufnahmen seines genialen Alleingangs vom Mittelfeld aus und das folgende geniale Tor.

In unserer Unterkunft hing neben unserer Zimmertür ein Plakat vom damaligen Kongress gegen den Neoliberalismus der Zapatistas im Chiapas. Mit Gerardo, dem Besitzer, folgten daraufhin spannende Gespräche über die Entwicklung des Ortes, über die aktuelle Politik in Argentinien seit die Kirchners dran sind, die ja aus der Region kommen und in Calafate  mehrere Hotels u Wirtschaftsunternehmen besitzen. Für ihn haben beide in ihren bisherigen Regierungszeiten ein paar gute Veränderungen auf den Weg gebracht, was allerdings noch lange nicht bedeutet, dass damit Argentinien heute für eine linke Politik stünde. Aber es gäbe einige Reformen, die zumindest ein bisschen für sozialen Ausgleich sorgen. Das hatte mir so in der Form auch schon eine Rentnerin in Ushuaia erzählt, die an ihrem Verkaufstand extra ein Schild aufgehängt hatte, auf dem sie sich bei Nestor bedankte und Cristina zum durchhalten aufforderte. "Sie haben viel für die Rentner durchgesetzt." Mit Gerardo haben wir auch viel darüber geredet, wie wichtig die strafrechtliche Aufarbeitung der Verbrechen zu Zeiten der Militärdiktatur, des Staatsterrorismus, ist und das der argentinische Weg, endlich auch tatsächlich die Verantwortlichen zu verurteilen, der notwendig richtige ist. Zu diesem Thema werde ich ja sowohl in Buenos Aires als auch später in Montevideo noch etliche Interviews machen.
Das Wetter in El Chaltén war ziemlich durchwachsen, sehr sehr kalter Wind meist und die Gipfel leider auch die meiste Zeit hinter Wolken versteckt. Einmal ist Kalle extra morgens um 3.30 Uhr aufgestanden, mit Stirnlampe losgezogen, weil er den Sonnenaufgang an  der Laguna Torre vor dem Cerro Torre erleben wollte, weil dieser Moment einer der schönsten Blicke dort auf den Cerro Torre bieten soll. Nur wollte der sich nicht zeigen, blieb eingemummelt in einem Wolkenbett und der Wind dort war so kalt, das Kalle dort dann auch nicht lange ausharren wollte. Am letzten Abend, exakt kurz vor unserer Abreise, zeigten sich nochmal alle Gipfel – auch der Cerro Torre – in ihrer ganzen Schönheit. Plötzlich guckten sie alle auf El Chaltén herunter und irgenwie hatten wir das Gefühl, da liegt ein kleines „Ätsch“ für uns mit in der Luft.

Ruta 40: Mit dem Bus nach San Carlos de  Bariloche
Diesmal haben wir uns entschieden, die Strecke mit dem Bus zu machen – vor allem aus reisekassetechnischen Gründen, weil die durch das Leben hier, die Unterkünfte, das Essen u was mensch auf Reisen so braucht, doch ganz schön strapaziert wird. Abfahrt El Chalten Sonntag abend 22.15 Uhr, Ankunft Barriloche Dienstag Morgen 2 Uhr. Und wir haben uns extra für die Route 40 entschieden, weil wir dachten, die geht immer an den Bergen entlang. Beim Ticketkauf fragten wir, ob dies eine besondere Route sei - wir ahnungslose Menschen. Woraufhin er nur kurz meinte: Die Amis haben die Route 66, wir die Route 40. Gut, diese 40 ist insgesamt 4.800 km lang und ist in langen Etappen aus Schotterstrasse, vor allem in der Etappe, die wir gefahren sind.  Eine Route, bei der im Bus auch keine Schlafsessel, sondern nur beinahe Schlafsessel angeboten werden. Hier hab ich endlich Zeit, mal über die Reise zu schreiben und es lenkt mich auch nichts  spannendes da draußen vor den Fenstern ab. Öde Landschaft, abgewechselt von öderer Landschaft, die wiederum in öde Landschaft übergeht. Berge schemenhaft ganz weit weg. Die Nacht über Schotterstrasse, sprich Durchschnittsgeschwindigkeit so um die 40 km/Std. Alle paar km muss der Busfahrer anhalten, weil ihm durch das Ruckeln die Beifahrertür aufgeht. Irgendwann legt er das von die von der Tür rausgefallene und beschädigte Fensterscheibe in die Ablage. Morgens um 5 hält er dann zum Sonnenaufgang an einem kleinen Cafe inmitten im Nichts. Weit und breit nur Steppe. Der Moment war gut abgepasst, ein herrlicher Sonnenaufgang, zumindest äusserst ungewohnt für Stadtmenschen wie wir.
{gallery}fotos/americasur2011/bariloche{/gallery}


Mittlerweile sind wir schon 21 Stunden unterwegs und in diesen 21 Stunden zogen an uns nur staubige Felder, ein bisschen mit Grasbüscheln bewachsen, ganz selten mal Schafe oder Rinder oder Pferde, alle Stunden mal eine Estancia, alle paar Stunden mal eine richtige Ansiedlung oder so vorbei. Unglaublich diese unbewohnten, nicht kultivierten Weiten. Dann irgendwann mal ein kleines Dorf und im Vorbeifahren seh ich grad noch ein hauswandgroßes Gemälde der Hand Gottes. Diego ist überall und auch die Malvinen. Irgendwo anders in der Pampa huschen wir plötzlich an einem Schild vorbei, wo geschrieben steht: die Malvinen sind für immer argentinisch. Ein nach wie vor schnell zündelndes Thema. Nach 27 Stunden Fahrt sind wir dann nachts um halb zwei in Bariloche angekommen, wo uns erst mal nix anderes übrig blieb, als im Busbahnhof mit x anderen Rucksacktouristen die Restnacht zu verbringen. Nur hatten die anderen Isomatten u Schlafsäcke dabei und wir nicht, und die Sitzbänke waren so vier miteinander verbundene billige Schalensitze, wo mensch sich auch nicht wirklich hätte drauf ausstrecken können. Und so verbrachten wir die Reststunden dort mit ein bisschen lesen, oder mit leeren Augen an die Decke starren, dabei erraten von welchem am Boden liegenden Kerl die jeweiligen Schnarchgeräusche kamen, mit immer wieder, manchmal auch schneller werdenden Kopfwegnicken. Aber dann wurde es hell und die ersten Cafes in der Stadt schlossen ihre Türen auf.

Nun sind wir also in Bariloche, wo es auf dem einen Berg einen Humboldstein gibt, die Hotels Haus Tirol oder Haus Edelweiß oder Alpenglühn oder Matterhorn oder wie auch immer heißen, wo Schokolade hergestellt wird, die Vorgärten mit exakt geschnittenen Rasen perfekt wirken und von den Balkonen Begonien hängen. Im ersten Eindruck wirkt vieles sehr bieder und es strahlt uns ein deutlicher schweizerischer u deutscher Einfluss im Stadtbild uns entgegen.
Argentinien - Teil 2

Bariloche
Drei Nächte verbrachten wir in Bariloche und nach der tollen Zeit in El Chaltén fühlten wir uns erst mal erschlagen von dem dortigen Stadtleben, den hunderten von Touristenshops und Restaurants und Hotels und Herbergen und überhaupt, den Tausenden von Touristen, die wie wir den Reiz dieser Region herausfinden wollten. Und fast alle – mit Ausnahme von uns beiden – machten dies mit Auto, was in Bariloche auch tatsächlich Sinn macht. Wir bewegten uns allerdings mit den „Öffentlichen“. Die Stadt liegt unglaublich schön. Im Hintergrund die Berge, davor ein irre großer Gletschersee, der Nahuel Huapi.

Bariloche ist ja bekanntlich der wichtigste Wintersportort Argentiniens. Unser erstes Hotel hieß auch Slalom. Dort verbrachten wir den größten Teil des ersten Tages, heftigste Regenfälle forderten ihr Tribut, außerdem waren wir eh viel zu müde für große action und verbrachten so die meiste Zeit im Hotel halbdösend. Am zweiten Tag zogen wir erstmal in eine etwas günstigere Herberge um, die einerseits sehr angenehm war, andererseits viel dieses akkuraten Stils an sich hatte, der für uns eher befremdlich ist. Das Besitzerehepaar zählte jeweils schon 82 Jahre. Plan war dann, den Berg Otto zu beklettern, da konnten wir von der Unterkunft aus los laufen und stiegen dann eher der Nase nach, als irgendwelchen wegweisenden, nicht vorhandenen Schildern folgend, zunächst auf schmalen Pfaden den Berg hoch. Später kamen wir dann auf eine große Rodelanlage – an der zu dieser Jahreszeit natürlich Tote Hose war, für den Winter aber viel zu bieten scheint. Die dortige Bergstation, Refugio Berghof, erinnert vom Baustil und dem Baumaterial an Oberbayern. Oben dann auf dem Otto pfiff uns mal wieder ein Wind um die Ohren, der so heftig war, dass man kaum dabei atmen konnte und der auch dafür sorgte, dass an diesem Tag die Seilbahn nicht fuhr. Dort – unweit des Gipfels - ist auch eine der größten Langlaufloipen. Die sind wir dann als alte Langlauffreaks im Sommerstil entlanggelaufen. Die Flora um Bariloche ist ganz besonders, eine Mischung von normalen – uns bekannten Nadelbäumen und Südbuchen mit einer Bambusähnlichen Pflanze, deren Stil original Bambus ist, deren Blätter aber eher Gräsern ähneln und damit den Wäldern dieser Region etwas ganz besonderes geben.

Am nächsten Tag sind wir 20 km immer am Seeufer entlang aus Bariloche rausgefahren in das dortige Naherholungsgebiet am Wasser. Auch hier das Ufer durchgängig bebaut: eine edle Strandanlage jagt die nächste, Hotels, Wellness und Spa. Dazwischen dann  einfache Cabanas, sprich Ferienhäuser oder Appartements, Zeltplätze, Jugendherbergen. Dann wieder Hotels mit Parks und Golfanlagen. Für jeden etwas. Auch die Gebirgsjäger sitzen hier mit einer Ausbildungskaserne. Dann tauchte plötzlich ein Schild auf, das zu einem Kernkraftwerk wies und wir meinten, uns verlesen zu haben. Hier in diesem Naturschutzgebiet ein Kernkraftwerk, das geht doch nicht. Ich frage den im Bus neben mir sitzenden Postboten und der bestätigt, ja hier ist ein Kernkraftwerk, das soll aber sicher sein, fügt er schmunzelnd seiner Bestätigung hinzu. Worauf ich sage: wie überall auf der Welt. Und er, na ja, es gibt eben gute und beißende Hunde. Er als Briefträger muss es ja wissen. Wir kommen ins Gespräch und er erzählt, dass es ein deutscher Wissenschaftler war, der schon kurz nach dem Krieg inmitten des Naturschutzparks auf der Halbinsel vor Bariloche ein Kernkraftwerk bauen wollte, dann aber von den Amis nach USA geholt wurde. Ich frag dann nur kurz, ob es denn hier viele Deutsche und Schweizer und überhaupt Europäer gäbe. Er (so Mitte Dreißig der gute Postbote): hier war das Zentrum der Deutschen. Und dann schimpft er los, wie es denn möglich war, dass so jemand wie  Priebke hier über Jahre den Posten des Leiters der Deutschen Schule ausüben konnte und angeblich keiner davon gewusst haben wollte. Ein einflußreicher Posten, fügt er hinzu.  Und solche Leute gab es mehrere hier. Sagt er und wirkt dabei nicht wirklich zufrieden. Überhaupt meint er, dauert es überall immer viel zu lange, bis solche Leute bestraft würden, überall in der Welt auch in Argentinien, und manche werden es nie. Und in Bariloche hätten diese Leute vieles nach ihrem Stil gebaut, den sie aus ihrem Hitlerdeutschland mitgebracht hatten, wie den Berghof zum Beispiel, oben an der Rodelbahn. Unsere Assoziation war also nicht verkehrt. Dann steigt er aus und ich war beeindruckt von diesem Gespräch im Bus.

Am nächsten Tag sitzen wir noch so ein bisschen mit dem Chef unserer Herberge zusammen. Er bietet uns Wein an, nachdem Kalle sich den Abend vorher als Trainer geoutet hat – und das uns um 12 Uhr mittags. Es kann es dann auch nicht wirklich verstehen, dass Kalle nichts davon trinken will. Dabei stellt sich raus, dass er weitläufig verwandt ist mit Silvio, sagt er schmunzelnd und nicht ohne den gewissen Stolz in der Stimme.  Er gibt uns die Rechnung und darauf ist sein Nachname zu lesen: Berlusconi. „Ein Vetter von mir sieht exakt aus, wie Silvio“, fügt er noch hinzu. Und ja: „Deutsche, ja die gab es viel hier. Gerade hier in diesen Viertel wohnten eine Menge von ihnen. Der Priebke, der wohnte da vorne in unserer Straße, keine zweihundert Meter weg von uns. Der hat das nie geheim gehalten, wer er ist. War ja auch lange Jahre in der Deutschen Schule tätig. Den kannten die Leute.“ Wir sind also in Bariloche exakt in dem Viertel gelandet, wo sich damals die ganzen Faschos niedergelassen haben um dort die reibungslose Fortsetzung ihres Lebens gestalten zu können. Sie trafen sich dort immer wieder, meint Vermieter Berlusconi, und er denkt, dass der Eichmann auch ab und an dabei war. Ob sie irgendwie Einfluss genommen hätten politisch auf das Geschehen im Viertel, frag ich den heute 82jährigen Vermieter, worauf er meint, nee, nee, die waren alle ruhig und waren mit dem, was sie machten auch sehr progressiv. So richtig mehr will er nicht dazu sagen, er, der in den 50er Jahren aus Buenos Aires nach Bariloche kam, weil er hier Arbeit als Berg- und Tourismusführer fand. Und so richtig wollen wir beide auch nicht mehr viel weiter ihn befragen, wie er sich denn mit ihnen verstand, von denen er ja anscheinend wußte, wer sie sind, und die er als nett, ruhig und eben progressiv beschrieb.
Hab nochmal gedacht, wie schade es war, dass wir damals, 1994-95, keine Gelder für die Untersuchung bekommen haben, die wir an Orten wie Bariloche, Valparaiso, Blumenau und wie all die anderen Orte in Südamerika heißen, machen wollten, in denen sich die Faschos seelenruhig niederlassen konnten. Wir wollten darin feststellen, welchen Einfluss sie ins Alltagsgeschehen ihrer neuen Orte nahmen, wie sie auf die nachfolgenden Generationen wirkten usw. völlig unabhängig davon, welche Rolle sie in der großen Politik spielten, das wusste man ja zum großen Teil damals schon zur Genüge.

Gut, mit diesen Gesprächen, mit den Bildern dazu im Kopf, mit dem, was wir an deutschem Einfluss zum Teil in Bariloche vorfanden, fiel es uns beiden schon schwerer, diesen Ort einfach nur in seiner Schönheit zu genießen, die unbestritten vorhanden ist. Die aber just auch zu dieser Zeit von viel zu vielen Touristen bestaunt werden wollte, so dass man irgendwie innerhalb der Stadt das Gefühl hatte, in einer sich beständig fortbewegenden Schwabelmasse zu befinden. Und für uns natürlich ganz hart der Moment, abends um 20.30 Uhr erstmal fast ne Stunde vor einem Restaurant in der Schlange anstehen zu müssen, bevor wir im Lokal einen Tisch bekommen konnten. Dabei dann durch die Scheiben die Unmassen von Fleisch auf den Tischen zu sehen, die später auch – oberlecker zubereitet - in unsere Mägen wanderten, so gegen 22.30 Uhr dann. Aber Mensch gewöhnt sich an alles.
Und so packten wir wieder unser Gepäck zusammen, verabschiedeten uns von Herrn Berlusconi und bestiegen den nächsten Bus in Richtung Mendoza. Unsere Reise geht immer weiter gen Norden. Dieses Mal sollte die Fahrt  nur gut 17 Stunden dauern, woraus dann aber doch wieder mehr als 21 wurden, weil wir mitten in der Nacht in Neuquen in Straßenblockaden Streikender Campesinos kamen. Solche Blockaden sind hier keine Scheinblockaden, sondern sperren tatsächlich die Straßen ab und das für Stunden. Wir erklärten uns – als wir den Grund unserer Warterei erfuhren – natürlich solidarisch mit den mehr Lohn fordernden Bauern, hätten aber gerne dann wenigstens aus dem Bus aussteigen und uns mit den Leuten unterhalten wollen, aber das ging nicht, weil wir ja ziemlich weit weg davon standen und der Bus dann keine Rücksicht auf uns komischen Alemanes genommen hätte im Moment der Blockadenöffnung. Und so blieb uns wieder nichts andres übrig, als irgendwie müde vor uns hin zu starren und immer wieder recht erfolglos Einschlafversuche zu unternehmen. In Mendoza haben wir bisher nur den Busbahnhof gesehen, dort dann gleich ein Ticket für die Nachtfahrt nach Buenos Aires nächsten Dienstag und das Ticket für die Weiterfahrt nach Uspallata gekauft.


{gallery}fotos/americasur2011/bariloche2{/gallery}


Uspallata und die Anden
Die vorletzte Station in Argentinien. Kaum einer kennt diesen Ort – wir selbst bis vor kurzem auch nicht. Er liegt auf der Strecke von Mendoza nach Santiago de Chile, in einem  Tal der Vorandenkette. Super Lage auf knapp 1.800 m. Vor allem völlig grün. Ein sehr fruchtbares Tal und das dort angebaute Gemüse und Obst ist sehr schmackhaft und gibt es auch günstig zu kaufen. Dabei fällt mir ein, dass uns schon in Ushuaia aufgefallen war, dass alles Obst, was wir hier gekauft hatten, sehr intensiv jeweils nach der Frucht schmeckt. Bei einem Frühstück dann mit Neuseeländern – noch in Ushuaia – sagten die plötzlich, dass ihnen aufgefallen sei, wie gut hier das Obst schmeckt. Eine kleine Nebenbemerkung also.
Uspallata ist  Ausgangspunkt für Fahrten ins Höhere, in Richtung Aconcagua, dem höchsten Berg der Anden, dem höchsten Berg Argentiniens und dem höchsten Berg Lateinamerikas. Und Uspallata ist die letzte größere Ansiedlung in Argentinien vor der chilenischen Grenze mit stark von dicken Lastern und Bussen befahrener Durchgangsstraße, an der natürlich unser Hotelito steht. Da sind wir jetzt und wenn ich bisher schon kaum noch wusste, wie ich all die Naturschönheiten, die wir gesehen haben, beschreiben soll, dann fehlen mir jetzt erst recht die Worte. Spektakulär, fantastisch, wunderschön, das sind so die Worte, die noch in Frage kämen, aber manchmal denk ich auch dabei, dass drückt es noch nicht wirklich aus. Ich glaub ich hab noch nie in meinem Leben vorher so eine Weite  gesehen, erlebt und gefühlt.

Der Weg zum Aconcagua Nationalpark dauert von Uspallata mit dem Bus gut anderthalb Stunden und bietet eine Kulisse, die unglaublich schön und weit ist. Hier wurde übrigens „Sieben Jahre in Tibet“ mit Brad Pitt gedreht – wußten wir auch nicht bisher, aber das steht hier in allen möglichen Broschüren. Den habt ihr doch sicherlich alle gesehen, wir auch. Und nun haben wir diese Berge, die ich bisher in Asien geortet hatte, plötzlich in all ihrer Schönheit vor uns. Ständig wechselnde Farben, wechselnde Formen, wechselndes Gestein. Du siehst Gesichter, mal Haifischflossen, mal Terrassen, dann ein Gletscher, der einem Körper gleicht. Mal leuchtet alles in einem tiefen Terrakottarot, dann wieder grünlich, dann grau, dann denkst du es hätten sich Salzwüsten da oben in den schwindelnden Höhen abgelagert, dann die Schneekuppen, auch am Aconcagua und dann die bizarren Wollkengebilde.  So geht es die ganze Zeit. Neben der recht guten Straße verläuft eine alte, zum Teil verwehte, zum Teil mit Steinbrocken verschüttete, manchmal noch ganz unversehrt aussehende Bahnstrecke. Ein paar verfallene Häuser tauchen an dieser Strecke hin und wieder auf, wo mensch sich fragt, wer lebte da drin und warum? Unter Menem wurde die Bahnlinie eingestellt. Bedauerlich. Aber es gibt ja unsäglich vieles, was unter Menem schief lief und worunter Argentinien heute noch leidet. Wir sind mit Jorge aus Mendoza unterwegs, der uns in Uspallata mit genommen hat und eben mal nach Valparaiso an der chilenischen Küste fährt, um dort seine Frau abzuholen. Ach ja, wir trampen hier viel und meistens läuft es gut und bringt interessante und spannende Gespräche. Jorge will irgendwo noch vor der chilenischen Grenze tanken, aber die Tankstelle erinnert an den Bahnhof von 12 Uhr mittags. Und nach ein paar mal hupen kommt gemächlich der Tankwart an und ruft ihm schon von weitem zu: no hay, es gibt kein Benzin, die Tanks sind leer. Jorge hat glücklicherweise noch genügend Sprit im Tank. Auch hier in den Anden gibt es noch einen Wintersportort, noch auf argentinischer Seite, der jetzt völlig verwaist da liegt. Eigentlich gibt es hier kaum Besiedelung, einzig Militärs – Gebirgsjäger natürlich, Gendarmerie und Zoll haben hier ein par kleine, Kasernenähnliche Ansiedlungen. Aber dann kommen doch noch ein paar kleine Höfe mit vielen Maultieren und Pferden und Mengen von Heuballen um die Behausung gestapelt. Die Besitzer leben als Schlepper für die Touristenexpeditionen auf den Aconcagua mit seinen knapp 7000 Metern. Solche Expeditionen kann man heutzutage per internet buchen. Irgendwann kommt auch ein Friedhof der am Aconcagua abgestürzten Andinisten – ich hab mich da ja tatsächlich mal verplappert und Alpinistas gesagt, das kam natürlich nicht so gut. Ein schaurig schöner Platz mit weitem Blick ins Tal und auf die umliegenden Gebirgsmassiven. Zum Teil wurden den abgestürzten Bergsteigern ihre Eisen oder Schuhe oder Seile mit ans Grab gelegt. Ein bewegender Ort.

Jorge setzte uns also am Sonntagmorgen bei Las Cuevas ab, der Eingang zum Aufstieg zum ehemaligen Grenzpunkt zwischen Argentinien und Chile, den Bermejopass, auf dem seit Anfang des 20sten Jahrhunderts eine große Christus Statue steht. Damals als Symbol des Friedens von beiden Ländern gemeinsam gebaut. In unendlich langen Serpentinen führt ein steinig staubiger und acht Kilometer langer Weg 800 Höhenmeter hinauf. Eine heftige Strecke und oben angekommen, müssen wir uns an diese Höhenluft gewöhnen und da kommt doch glatt ein Jogger recht locker in die letzte Kurve vor den Gipfel gelaufen. Jedem das Seine.

Dort oben steht dann auf einem Schild, dass wir uns auf 4.000 Metern über dem Meeresboden befinden. Kalles Lieblingsspielzeug, sein neues Handy mit dem GPS drin, zeigte aber nur 3.960 Meter an und da wollten wir doch lieber dem alten Schild Glauben schenken. Dort oben war es fantastisch. Zwei uralte Steingebäude, die ehemaligen Grenzstationen, daneben das Christusmonument eskortiert von der chilenischen und der argentinischen Flagge. Wir stiegen noch eine kleine Anhöhe hinauf, um von da aus in aller Ruhe, ohne die vielen in Autos, Kleinbussen oder Motorrädern angefahrenen Massen diesen Moment der Höhe zu geniesen – wobei wir gestehen müssen, dass wir ab etwa der Hälfte des Anstiegs erfolgreich getrampt haben, es war einfach irre anstrengend. Kein Schatten, ständig viel Staub von den Autos und dann die dünne Luft. Oben konnten wir die Spitze des Aconcagua sehen und diesen besagten riesigen Gletscher, der wie ein menschlicher Körper sich am Bergmassiv herunter schlängelt. Und als besonderes Bonbon für uns, kamen just an diesem Sonntag zig Reiter und Reiterinnen den Berg herauf geritten. Eine Prozession, der sogenannte San Martinsritt – der die Unabhängigkeit Chiles und Argentiniens vor 201 Jahren an diesem Ort entscheidender Schlachten gewidmet ist.

Mit um die 10000 Pferden und Mauleseln überquerte das Heer des Generals San Martin – nach dem heute jede argentinische Stadt eine der Hauptstrassen benannt hat – 1817 die Hochanden u.a. auch an dem Pass, an dem wir da grade stehen. Sie waren vollbeladen mit Waffen und tragbaren Brücken – die waren nötig, um damals die engen Schluchten überwinden zu können.

Ein am Gipfel anwesender Major der argentinischen Armee, der mit einigen Soldaten oben die Prozession „schützen“ wollte (warum entzieht sich unserer Kenntnis), erzählte dann auch, dass dies im letzten Jahr zur Feier des Bicentenarios spektakulär gewesen sein muss.

Bei unserem Abstieg trafen wir also auf diese Prozession, die sich, angeführt von einigen  Fahnenträgern und einem eine Madonna tragenden Pferd durch Staubwolken den Berg hinauf kämpften. Im der gleißenden Sonne wirkte dies alles wie ein Szenarium im Wüstenstaub.

Um dem Staub der Serpentinen zu entfliehen und gleichzeitig die eigentlichen 8 km auf weit weniger als die Hälfte abzukürzen, stiegen wir die rund 800 Höhenmeter fast senkrecht runter. Andere hatten uns dafür schon Spuren gelegt. Nur einmal sind wir davon etwas abgekommen und da hatte ich auch gleich schon eine Heidenangst auf dem an dieser Stelle vorhandenen Geröll keinen Halt mehr zu finden und kopfüber den Restberg runterzukullern, was sicherlich keine Freude gewesen wäre. Aber alles lief gut.


{gallery}fotos/americasur2011/uspallata{/gallery}
Auch am letzten Tag in den Bergen, wo wir innerhalb des Nationalparks nochmals in Richtung Aconcagua hoch liefen – und uns unzählige vollbeladenen Maultiere von oben herab entgegenkamen, getrieben von ihren verwegen wirkenden Reitern.

Über die alte Eisenbahnlinie, die an diesem Streckenabschnitt etliche halb verfallene Wellblechtunnels  – die damals als Schneeschutz dienten – noch stehen hatte, liefen wir ein gutes Stück zurück vom Aconcagua Nationalpark Richtung Puente del Inca, einer fantastischen Brücke, die durch mineralhaltiges Wasser eine goldene Färbung erhielt und sich knappe 50 Meter über den dortigen Fluß spannt. Die Brücke darf heutzutage leider nicht mehr übequert werden, da auf dem dahinter liegenden Gelände vor einiger Zeit herunterfallende Steinbrocken ein dortiges Thermalbadhotel zerstörte.

Zurück nach Uspallata nahmen uns dieses Mal zwei Kolumbianerinnen aus Cali mit, die zwar immer wieder betonten, wie landschaftlich toll Kolumbien sei, aber diese Andenlandschaft, durch die wir da gemeinsam fahren, schlicht und einfach einmalig ist.


{gallery}fotos/americasur2011/uspallata2{/gallery}


In Uspallata angekommen, standen wir direkt inmitten eines Solidaritätskonzertes – No a la mineria, si al agua. Gegen die Minen – für das Wasser. Diese ganze Ecke um Uspallata und weiter Richtung Norden war früher schon Minengebiet – Gold und Silber. Der Abbau ist aber längst eingestellt. Nun wurden neue Kupfervorkommen entdeckt, die eine kanadische Firma abbauen will – und wahrscheinlich seien da auch noch Goldvorkommen, niemand sagt was genaues. Die Gegnerinnen und Gegner wollen diese neuerliche Ausplünderung der Erde verhindern, befürchten dass der einzige Fluß in dieser Region, durch den eben dieses Tal von Uspallata so fruchtbar und saftig grün wurde, durch den Abbau kontaminiert würde. Die Stadt ist gespalten, wobei in den Läden und an Hauswänden und Mauern viel mehr die Parolen der Gegner zu lesen sind. Doch sie befürchten, wie überall auf der Welt, dass hier Vernunft keine Rolle spielt, sondern einzig und allein Geld. Und für die Abbaukonzessionen ist auch wieder viel Geld im Spiel. Der Pfarrer unterstützt offensiv die Gegner und in vielen kleinen Läden hängen Poster oder Aufkleber gegen die Minen. Der Bürgermeister unterstützt uneingeschränkt das Konzept des konzessionierten Abbaus der Bodenschätze.
Das Konzert wird jäh durch ein saftiges Gewitter mit kräftigem Hagel unterbrochen.

Was bedeutet eigentlich Uspallata, fragen wir am letzten Morgen die Hotelangestellte, die mit uns die Abrechnung macht. Sie schreibt dann für uns auf einen Zettel: Uspa – Llata und sagt, dies bedeute das Tal des Todes, oder Bolson de la muerte: der Todessack. Erstaunt bleiben wir vor ihr stehen. Warum dieses saftige, fruchtbare Tal, das Tal des Todes heißen soll, leuchtet uns  nicht ein, daher fragen wir sie, warum. Weil hier unendlich viele Ureinwohner umgebracht wurden. Von den spanischen Besatzern, dann im Laufe der Jahrhunderte immer wieder bei irgendwelchen Schlachten. Immer, wenn hier Leute Häuser bauen, stoßen sie auf die Gebeine, es gibt keinen speziellen Friedhof, das ganze Tal ist der Friedhof, fügt sie dann noch hinzu. Ein kleiner geschichtlicher Exkurs zu Uspallata, den wir als solchen nun natürlich auch nicht verschweigen wollen.


{gallery}fotos/americasur2011/uspallata3{/gallery}


Nun packen wir wieder die Koffer und gleich haben wir wieder eine Nachtfahrt vor uns, von Mendoza nach Buenos Aires, wo zur Zeit eine der heftigsten Hitzewellen die Menschen plagt. Au weia. Und in mir drin spüre ich die große Lust, nochmal wieder hier an den Aconcagua zurück zu kommen, mit zwei drei Wochen Zeit in der Tasche und den nötigen Euros, um eine dieser Besteigungen machen zu können, wo die Maulesel das Gepäck in die Höhen schleppen, wo es auf über 5000 Meter noch das höchste Hotel der Erde gibt und von wo aus bei genügend langer Akklimatisierung dieser Berg bestiegen werden könnte. Der Traum, den ich mir von hier mitnehme in die nun auf uns wartende Hektik der Großstadt und den dort auf uns wartenden Arbeiten.
Samstag, 13 Dezember 2003 23:00

Anti-War

geschrieben von

Anti-Irak-Krieg Demonstrationen

Anti-Irak-Krieg Demonstrationen in Los Angeles im Jahre 2005, vor der US-Botschaft in Tegucigalpa 2003, SchülerInnen Demonstration und Kundgebung vor der US Botschaft in Berlin im März 2003
 
{gallery}anti_war{/gallery}
Mittwoch, 13 Dezember 2006 23:00

Ceuta

geschrieben von

Marrokkanische Lastenträgerinnen an der spanisch-marrokkanischen Grenze

Grenzstation zwischen der spanischen Exklave Ceuta und Marokko

An der kleinen Grenze zwischen Marokko und der spanischen Exklave Ceuta spielen sich tagtäglich die gleichen Szenen ab. Mit Grenzöffnung kommen marokkanische Frauen in die spanischen Großmarkthallen an der Grenze gestürmt, um dann bis zum Umfallen beladen die Waren nach Marokko zu transportieren.

{gallery}ceuta{/gallery}